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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 9/2020
Arbeiten und Leben nach Corona
Was wir aus der Krise lernen können
Der Inhalt:

Quarantäne nur für Risikogruppen?

vom 12.05.2020
Pro und Contra: Die Ausgangsbeschränkungen werden gelockert. Doch das Coronavirus ist weiterhin da und eine Gefahr vor allem für Kranke, Menschen mit Behinderung und Alte. Müssen die sich nun umso mehr isolieren, je mehr die anderen wieder draußen unterwegs sind? Und ist das gerecht?
Älteres Paar in Berlin: Wie viel Rückzug muss sein? (Foto: pa/Steinberg)
Älteres Paar in Berlin: Wie viel Rückzug muss sein? (Foto: pa/Steinberg)

Boris Palmer:

Ja, das ist ethisch geboten!

Was ist unser Ziel? Wollen wir jede Infektion mit dem Coronavirus verhindern – koste es, was es wolle? Oder genügt es uns, das Risiko von Infektionen mit schwerem oder gar tödlichem Verlauf zu minimieren?

Dieser Artikel stammt aus Publik-Forum 09/2020 vom 15.05.2020, Seite 8
Arbeiten und Leben nach Corona
Arbeiten und Leben nach Corona
Was wir aus der Krise lernen können
Die Corona-Krise

Für die weitgehende Ausrottung des Virus gibt es nur eine Strategie: Lockdown bis zur Verfügbarkeit eines Impfstoffs. Ein solcher Lockdown hätte verheerende Folgen, nicht nur ökonomisch, sondern auch den Verlust an Leben, vor allem in den ärmeren Ländern der Welt. Ein dauerhafter Lockdown opfert sehr viel mehr Menschen, als er rettet.

Fokussieren wir uns jedoch darauf, die Risikogruppen zu schützen, also insbesondere Menschen über 65 Jahren und jüngere mit gravierenden Vorerkrankungen, können wir für den Großteil der arbeitenden Bevölkerung die Wiederaufnahme ihrer wirtschaftlichen Tätigkeit ermöglichen, wenn wir die Hygieneregeln beachten und Infektionsketten intensiv und schnell verfolgen. Gelingt es uns, das Überspringen des Virus auf die Risikogruppen zu verhindern, wird unser Gesundheitssystem nicht überlastet. Die Wahrscheinlichkeit, ein Intensivbett aufgrund einer Corona-Infektion zu benötigen, ist für Über-Siebzigjährige rund zwanzig Mal größer als für Menschen unter vierzig.

Ja, das bedeutet eine Ungleichbehandlung. Aber wir sind nur vor dem Gesetz gleich, nicht vor dem Virus. Wer ein hohes Risiko trägt, kann und muss sich eigenverantwortlich besonders schützen. Und das ist einfach: Kontakt mit anderen Menschen so weit wie eben möglich reduzieren. Die Gemeinschaft kann besondere Hilfe leisten: durch Tests, hochwertige Masken und Unterstützungsdienste. Wenn wir alle gleich handeln und behandeln, sterben sehr viel mehr Menschen an Corona und den Gegenmaßnahmen. Daher ist ein risikodifferenzierter Ansatz auch ethisch geboten.

Raul Krauthausen:

Nein, Auslese war schon mal!

Der Gedanke mag verführerisch sein. Wer selbst robuster Natur ist, mehr jung als alt, keine Behinderung hat und mit einem geringen Risiko ausgestattet ist, bei einer Corona-Infektion Leib und Leben zu verlieren, der mag denken: Warum die ganze Gesellschaft in die Geiselhaft einer Einschränkung schicken?

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Ich finde diesen Gedanken nur vermeintlich verführerisch. Zum einen wissen jene Leute, die zu sogenannten Risikogruppen gehören, um die Gefahren für sich sehr gut. Wir schützen uns, so gut es geht. Etwas Besseres als den Tod findest du überall. Und wir wissen auch um die Strapazen für Seele und Nerven durch das ewige Daheim.

Die Beschränkungen in Deutschland sollten für alle noch länger gelten, um die Ausbreitung des Coronavirus weiter einzudämmen.

Wer also »Risikogruppen« – das sind viele Menschen – »schützen« will, betreibt, um es ehrlich zu benennen, eine Auslese, ein Aussondern, eine Segregation, ein Wegsperren. Du könntest an Corona sterben? Selbst schuld! Unter der solidarischen Krankenversicherung habe ich mir etwas anderes vorgestellt.

Wir Menschen mit Behinderung kennen das. Aussonderung gibt es für uns in der Bildung – auch wenn die Sonderschulen jetzt Förderschulen heißen. Aussonderung gibt es für uns auf dem Arbeitsmarkt, weil viele automatisch in Werkstätten für Menschen mit Behinderung landen. Und aus Erzählung kennen wir die Auslese, die vor 75 Jahren in Deutschland betrieben wurde.

Mein Gegenvorschlag lautet: Wenn alle an der Eindämmung des Virus arbeiten, können bald auch alle auf die Straße, kann jeder Betrieb und jede Einrichtung öffnen. Dies wäre sinnvoller als ein Abladen der Verantwortung bei »Risikogruppen«.

Die Umfrage ist vorbei: so haben unsere Leser abgestimmt!

Quarantäne nur für Risikogruppen?

Die Ausgangsbeschränkungen werden gelockert. Doch das Coronavirus ist weiterhin da und eine Gefahr vor allem für Kranke, Menschen mit Behinderung und Alte. Müssen die sich nun umso mehr isolieren, je mehr die anderen wieder draußen unterwegs sind? Und ist das gerecht?
26 x Ja, das ist ethisch geboten!
43 x Nein, Auslese war schon mal!
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Angelika Sirch
25.05.202013:27
Grundsätzlich denke ich, je stärker der Mensch fähig ist/wäre, selbst Verantwortung zu übernehmen, desto weniger Regeln braucht/bräuchte es. Ich erlebe im Alltag, dass die Corona Regeln keineswegs lückenlos eingehalten werden, oft nur dann, wenn man Kontrolle befürchtet. Allerdings schaden Menschen, die verantwortungslos handeln, nicht nur sich sondern auch andere und daher denkt man, das mit Regeln und Gesetzen besser in den Griff zu bekommen.
Was die gesellschaftliche Situation angeht, wäre ich durchaus bereit, meine Kontakte und Aktivitäten einzuschränken (ich bin 61 Jahre alt), um weniger restriktive Maßnahmen zu ermöglichen, denn um den wirtschaftlichen Schaden, der durch den Lockdown entstanden ist, auszugleichen, wird jetzt das Geld künftiger Generationen ausgegeben. Wie steht es dann um die Gleichbehandlung?
Gabriele LAdemann-Priemer
22.05.202011:35
Liebe Mitlesende, es muss alles vermieden werden, um eine Gesellschaft zu spalten. Es gibt durchaus Menschen über 65, die nicht zur Risikogruppe gehören, und jüngere, die dazu gehören. Es geht um das verantwortliche Zusammenleben aller. Vielleicht sollte man nicht fragen, welche "Belastung" Risikogruppen sein könnten, sondern welchen Beitrag sie für alle leisten und leisten können, nicht im Sinne der Leistungsgesellschaft, sondern als vollwertige Mitglieder. Allen geht etwas verloren, wenn einige "weggesperrt" wären.
Waltraud Anheier
18.05.202017:18
Ich serde demnächst 68. Ich schliesse mich der Meinung von Frau Schaab, aber auch der von W. Schäuble u. M. Kässmannann an. Wir haben zu unseren Enkeln ( 1,5 u.4,5 J.) 7 Wo. keinen direkten Kontakt gehabt. Beide Eltern sind im Home office, mein Sohn Vollzeit, die Schwiegertochte inzwischen nur noch 15 Std. !!!!.Sie sind kräftemässig ziemlich am Ende u. haben vor 2 Wo. uns u. die anderen Großeltern um Unterstützung gebeten. Wir waren heute a.d, Spielplatz. Ich hatte das Gefühl, die Kinder waren einfach nur glücklich mal wieder mit vielen Kindern zusammen zu sein.Ich kann mich A. Lehmhöfer nur anschliessen. Und übrigens zahlen diese jungen Eltern die Steuern, Renten und Krankenkassenbeiträge, auf die Herr Krauthausen u. wir alle gerade jetzt dringend angewiesen sind.
Doris Rüb
18.05.202010:28
Für Menschen, die anscheinend nicht gefährdet sind, ist es nun mal verführerisch, die anderen weg zu sperren dann können sie selbst so weiterleben wie zuvor: Fernreisen, Einkaufsbummel, Party, Biergarten oder was sonst so ansteht. Und wenn sie sich anstecken: "na und".
Nur die anderen sind keine verschwindende Minderheit mehr, sondern viele: Alle über 65 und alle mit Vorerkrankungen, also Diabetes, Bluthochdruck, Krebs, usw. Vermutlich sind sie sogar die Mehrheit.
Also die sperren wir alle weg, damit die Hygiene-Demonstranten Party feiern können? Ich glaube ich muss nicht fragen, wem das gefällt.
Gilbert Groß
17.05.202009:23
Die Fragestellung polarisiert und ist daher nicht gut geeignet eine Lösung der Problematik zu finden, vor der die Menschheit weltweit steht. Unser Ziel sollte es sein, möglichst viele Menschen vor schweren Krankheitsverläufen durch COVID 19 zu schützen, um ein funktionierendes Gesundheitssystem aufrecht erhalten zu können. Auf der anderen Seite muss bei den hierzu erforderlichen Maßnahmen sorgfältig darauf geachtet werden, dass möglichst wenige Menschen durch solche Maßnahmen andere schwere gesundheitliche Schäden davontragen.
Die wirtschaftlichen und gesellschaftliche Folgen einer ungebremsten Ausbreitung der Pandemie sind vermutlich deutlich schlimmer, als bei einer klug abwägenden Vorgehensweise.
Wilfried Wißmann
16.05.202020:34
Gleichheit vor dem Gesetz ist nicht Gleichheit im Leben. Jede*r muss mit den ihm gegebenen Möglichkeiten und Fähigkeiten mit seinem Leben fertig werden und dieses gestalten. Erst bei offenkundigen, einschneidenden Beeinträchtigungen ist die Gemeinscchaft (Gesellschaft) verpflichtet für angemessenen Ausgleich zu sorgen: Subsidiarität. Ein großer Teil der Gesellschaft muss nicht deshalb Einschränkungen auf sich nehmen, damit alle gleich behandelt wer9den. Das "normale" Leben einer Mehrheit hilft der "benachteiligten" Minderheit mehr, z.B. wirtschaftlich, als gleich belastende Auflagen , nur um der Gleichheit Willen. Übrigens: mit dem Alter von 76 Jahren gehöre auch ich zur Risikogruppe, die den angeblich diskriminierenden Maßnahmen ausgesetzt wäre.
Angelika Denig
16.05.202018:43
Quarantäne nur für Risikogruppen? Bei beiden Stellungnahmen geht es nicht um Quarantäne im engeren Sinn. Boris Palmer appelliert an die Selbstverantwortung der Risikogruppen. Raul Krauthausen sagt, gleiche Beschränkungen für alle. Das widerspricht sich nicht. Die angeordeneten Beschränkungen sind der kleinste gemeinsame Nenner. Dies entlastet aber nicht den einzelnen von seiner Verantwortung. Mit 69 gehöre ich offiziell zur Risikogruppe, fühle mich aber nicht als Risikopatient. Meine Mutter ist 95. Sie will ich mit guten Gewissen besuchen können. Also achte ich darauf, wohin ich gehe, mit wem ich mich treffe. Ansonsten führe ich das Leben wie gewohnt im Rahmen der Beschränkungen. Fazit: Als mündige Bürgerin darf/muss ich immer selbst bestimmen im Rahmen der Gesetze, auch in Corona-Zeiten.
Margot Schaab
16.05.202017:12
Sicher werden einzelne Personen vorsichtiger sein (müssen) als andere, dennoch halte ich die Fortführung einer generellen Quarantäne nicht für zumutbar und angesichts der aktuellen Zahlen für nicht vertretbar.Die Isolation der Altersheime hat zu hohen seelischen Belastungen bei allen Beteiligten und durch die mangelnde Testung der Pflegekräfte zu mehr Todesfällen geführt als nötig.Einzelne Angehörige würden bei entsprechenden Hygienemaßnahmen wahrscheinlich keine oder eine nur sehr geringe Infektionsquelle sein.
Absolut unwürdig ist in meinen Augen, dass Schwerkranke oder Sterbende in Kliniken keine Begleitung durch ihre engsten Angehörigen haben dürfen.Inzwischen wohl in Einzelfällen möglich.
Es ist unwahrscheinlich, dass wir das Virus durch längere Quarantäne völlig besiegen, deshalb sollte die Verhältnismäßigkeit der Mittel gelten. Denn es gibt auf der anderen Seite Tote durch Selbstmorde aus Verzweiflung über die persönliche Situation, durch abgesagte Operationen...
Georg Lechner
15.05.202019:10
Die Fragestellung ist etwas irreführend formuliert. Unter Quarantäne verstehe ich eine behördlich verordnete Isolation Kranker mit einer ansteckenden Krankheit oder potentiell Kranker bis zur Heilung bzw. bis zur Klärung, ob (ansteckend) erkrankt oder nicht.
(Zumindest in Ö.) habe ich als Mitglied der Risikogruppe 65+ die Wahl, was ich von den grundsätzlich allen Personen (außer Infizierten) offenstehenden Möglichkeiten nutzen will und was nicht. Das soll auch weiterhin so gelten.
Die Lockerung der Maßnahmen hängt von der Infektionsentwicklung ab, denn vor dem Auftreten von Symptomen kann niemand sagen, ob man infiziert ist oder nicht. Aktuell scheint das Ansteckungsrisiko in städtischen Ballungsgebieten am höchsten zu sein, 52 der heutigen 61 Neuinfektionen entfielen auf Wien (ähnlich war es auch in letzter Zeit). Vermutlich wirken die dort häufiger anzutreffenden Umluftanlagen als Virenschleudern wie auch bei Grippewellen.
GerardS
14.05.202014:21
Die Idee, Risikogruppen selektiv in Quarantäne zu stecken, ist von Anfang verfehlt.

Sie berücksichtigt nicht, dass viele Mitglieder von Risikogruppen in häuslicher Gemeinschaft leben mit Menschen, die nicht dazugehören. Zur Risikogruppe zählen ja nicht nur Menschen ab 65, sondern auch Menschen mit Vorerkrankungen, darunter Volkskrankheiten wie Bluthochdruck und Diabetes.

Vor allem aber: Akzeptiert man hohe Infektionszahlen in der Gesamtbevölkerung, kann man die Risikogruppen auch nicht mehr effektiv schützen - schließlich können sie nicht alle sozialen Kontakte vermeiden, schon allein deshalb, weil sie versorgt werden müssen und weil sie häufiger als andere ärztliche Hilfe brauchen.

Außerdem: Bis jetzt gibt es zwar Hoffnung auf einen Impfstoff, aber keinen Beweis, dass sich auch tatsächlich ein sicherer Impfstoff entwickeln lässt. Und bis jetzt ist auch nicht sicher, dass Corona-Infektionen keine langfristigen Schäden verursachen.