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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 9/2020
Arbeiten und Leben nach Corona
Was wir aus der Krise lernen können
Der Inhalt:

Der angefeindete Philosoph

von Elisa Rheinheimer-Chabbi vom 15.05.2020
Aufgefallen: Achille Mbembe zählt zu den einflussreichsten Intellektuellen unserer Zeit. Er will versöhnen – und wird nun in Deutschland heftig attackiert

Wie fängt man ein Kurzporträt über Achille Mbembe an? Wie wird man in wenigen Zeilen einem Mann gerecht, der als brillanter Denker gilt, als prominentester Philosoph Afrikas, als einer der größten Intellektuellen unserer Zeit? Eigentlich kann das nur schiefgehen.

Was den Historiker und Politikwissenschaftler besonders auszeichnet, sind seine Arbeiten zu postkolonialem Denken. Mbembe wurde 1957 in Kamerun geboren, das einst deutsche Kolonie war. Die Kolonialgeschichte und ihre Auswirkungen sind zu seinem Lebensthema geworden. In Werken wie »Kritik der schwarzen Vernunft« und »Postkolonie« beschreibt er Ausbeutung und Entmenschlichung, rassistische Konstruktionen und ihre Überwindung. Mbembe steht auf der Seite der Ausgestoßenen und Ausgegrenzten unserer Welt.

Vor allem aber will Mbembe, der als Jugendlicher in einem Internat der Dominikaner unterrichtet wurde, eines: versöhnen. »Die entscheidende Frage unserer Zeit ist, was uns mit anderen verbindet, die nicht ›Wir‹ sind«, sagt er.

Südafrika ist für den 62-Jährigen zur Heimat geworden, er lehrt an der Witwatersrand University in Johannesburg. Mbembe ist mit einer Professorin für Literaturwissenschaft verheiratet und hat zwei Kinder; viel mehr ist über sein Privatleben nicht bekannt. Sein beruflicher Lebensweg zieht sich entlang von Stationen mit großen Namen: Er promovierte in Geschichte an der Sorbonne in Paris, lehrte an der Columbia Universität in New York genauso wie an der University of California und der Yale Universität.

Mbembe spart nicht mit Kritik an kapitalistischer Politik. Seine Worte sind klar, doch im Auftreten ist er sanft, hat eine zurückgenommene Art. Ihm geht es nicht um seine Person, sondern um die Sache: »Die Reparation der Welt sowie unseren gemeinsamen Aufstieg zum Menschsein.« Dazu zählt die Überwindung von Identitätspolitik, von nationalen, kulturellen oder religiösen Grenzen. »An jedem der zahllosen Orte der Enteignung, des Traumas und der Verlassenheit ist das Gesicht der Menschheit als Ganzes entstellt«, schrieb er jüngst.

Dass Achille Mbembe nun in Deutschland Antisemitismus vorgeworfen wird, ist ebenso absurd wie lächerlich. Drei verkürzte, aus dem Kontext gerissene Zitate des mehrtausendseitigen Ge

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