Zur mobilen Webseite zurückkehren
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 6/2021
Lügen! Vertuschen! Diskriminieren!
Jetzt gilt es, Farbe zu bekennen
Der Inhalt:

Pro und Contra
Zerstört Corona die Kreativität?

vom 24.03.2021
Reisen, Feiern, Freunde treffen, ins Kino oder ins Restaurant gehen - das alles ist seit Ausbruch der Pandemie schwierig oder gar nicht mehr möglich. Stattdessen arbeiten viele im Homeoffice. Impulse von außen sind damit selten geworden. Leidet darunter auch die schöpferische Kraft?
Kann man im Homeoffice noch kreativ bleiben? Darüber diskutieren zwei Mitglieder der Publik-Forum-Redaktion (Foto: istockphoto/Thomas Vogel)
Kann man im Homeoffice noch kreativ bleiben? Darüber diskutieren zwei Mitglieder der Publik-Forum-Redaktion (Foto: istockphoto/Thomas Vogel)

Christoph Seils:

Ja, die Pandemie lähmt das Denken!

Seit mittlerweile einem Jahr gehe ich nicht mehr in Bars, Ausstellungen oder Konzerte. Ich war auf keiner Veranstaltung mehr, auf keiner Party und auch nicht mehr im Fußballstadion. Freunde und Kollegen treffe ich nur noch selten, wenn, dann einzeln. Mein Leben spielt sich weitgehend zwischen Schreibtisch und Küchenherd ab. Unter Leute komme ich nur in Videokonferenzen mit wackeligen Bildern, schlechtem Ton und vor den immer selben Bücherwänden.

Dieser Artikel stammt aus Publik-Forum 06/2021 vom 26.03.2021, Seite 8
Lügen! Vertuschen! Diskriminieren!
Lügen! Vertuschen! Diskriminieren!
Jetzt gilt es, Farbe zu bekennen

Ich will nicht jammern, höchstens ein bisschen. Arbeit habe ich genug und bezahlt werde ich regelmäßig. Gesund bin ich auch. Doch in den Hype um das Homeoffice kann ich nicht einstimmen. Es lähmt das Denken und tötet jede Kreativität. Das Gerede von der Krise als Chance ist vor allem eines: Gerede.

Reisen bildet, Neugier macht erfinderisch. Jeder weiß, Emotionen können uns zu kreativen Höchstleistungen anstacheln. Nur: Wo sollen die neuen Ideen herkommen, wenn man nicht mehr gemeinsam feiert oder streitet, wenn mich niemand anregt, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen. Wenn es in einer Diskussion nicht auch mal sehr laut wird oder ganz leise. Wenn stattdessen das ganze Leben auf Standby gestellt ist.

Natürlich hat es mich überrascht, wie reibungslos die Arbeit nach Hause verlegt werden konnte, wie gut die digitale Technik funktioniert und wie schnell sich alle an die virtuellen Arbeitsabläufe gewöhnt haben. Aber alle arbeiten nur noch in ihren Routinen. Neues, Ungewöhnliches oder Mutiges wird nicht ausprobiert. Es gibt stattdessen ständig Videokonferenzen. Ich habe sogar schon an zwei parallel teilgenommen. Sieht ja keiner. Aber mein Kopf ist schon so eckig wie ein Bildschirm, dabei muss er doch rund sein, damit das Denken die Richtung wechseln kann. Kurzum: Es wird Zeit, dass ich wieder rauskomme, ich will wieder unter Menschen, ich brauche neue Ideen.

Eva-Maria Lerch:

Anzeige

Nein, denn Not macht erfinderisch!

Ich will hier ganz bestimmt kein Loblied auf das Virus singen, das uns zu einem besseren Leben verholfen hätte. Natürlich leide auch ich unter den fortlaufenden Lockdowns, sehne mich nach Kontakten, Abwechslung und dem Ausbruch aus der Gefangenschaft in den eigenen vier Wänden. Aber trotzdem habe ich den Eindruck, dass meine Zeitgenossen und ich in der Corona-Krise erstaunliche neue Ideen und Energien gesammelt haben, denn Not macht bekanntlich erfinderisch.

Die Pandemie hat fast alle eingespielten Alltags- und Arbeitsabläufe, die wir stets für selbstverständlich hielten, außer Kraft gesetzt. Das heißt, dass wir uns keiner Routine mehr überlassen können, sondern uns umstellen müssen. Solch neue Herausforderungen aktivieren die Gehirnzellen. Für mich hat das erst mal bedeutet, dass ich mich in digitale Programme wie slack, zoom und teams einarbeiten musste, obwohl ich schon über sechzig bin und mir die Mühe sonst nicht gemacht hätte. Jetzt bin ich froh, dass ich das alles gelernt habe, finde es bisweilen sogar spannend, kann mit Freunden aus der Ferne Bildschirmbilder malen und vergnügt in der weltumspannenden Emoji-Sprache kommunizieren.

Meine Frauengruppe, die sich bisher in geschlossenen Räumen versammelt hat, trifft sich nun zu Wanderungen, wo wir in wechselnden Zweierformationen über matschige Pfade stapfen und dabei überraschend vor Aus- und Einsichten stehen, die wir vorher nie gehabt haben. Und ein Freund, der im November Geburtstag feiert, lud uns diesmal nicht auf sein Sofa, sondern paarweise zum Lagerfeuer mit Glühwein unterm Sternenhimmel ein. Seine anderen Feste haben wir längst vergessen, dieses nicht.

Irgendwann, wenn diese schlimme Pandemie sich endlich ausgewütet hat, werden wir den Lockdown vielleicht wie einen Retreat betrachten, der schwer zu ertragen war – und aus dem doch eine neue Energie erwachsen ist.

Die Umfrage ist vorbei: so haben unsere Leser abgestimmt!

Zerstört Corona die Kreativität?

Reisen, Feiern, Freunde treffen, ins Kino oder ins Restaurant gehen - das alles ist seit Ausbruch der Pandemie schwierig oder gar nicht mehr möglich. Stattdessen arbeiten viele im Homeoffice. Impulse von außen sind damit selten geworden. Leidet darunter auch die schöpferische Kraft?
37 x Ja, die Pandemie lähmt das Denken!
33 x Nein, denn Not macht erfinderisch!
insgesamt abgegebene Stimmen: 70
53%
Kommentare und Leserbriefe
Ihr Kommentar
Noch 1000 Zeichen
Wenn Sie auf "Absenden" klicken, wird Ihr Kommentar ohne weitere Bestätigung an Publik-Forum.de verschickt. Sie erhalten per E-Mail nochmals eine Bestätigung. Der Kommentar wird veröffentlicht, sobald die Redaktion ihn freigeschaltet hat. Auch hierzu erhalten Sie ein E-Mail. Siehe dazu auch Datenschutzerklärung.

Mit Absenden des Kommentars stimmen Sie der Verarbeitung Ihrer Daten zur Bearbeitung des Kommentars zu. Zum Text Ihres Kommentars wird auch Ihr Name gespeichert und veröffentlicht. Die E-Mail-Adresse wird für die Bestätigung der Bearbeitung genutzt. Dieser Einwilligung können Sie jederzeit widersprechen. Senden Sie dazu eine E-Mail an [email protected].

Jeder Artikel kann vom Tag seiner Veröffentlichung an zwei Wochen lang kommentiert werden. Publik-Forum.de behält sich vor, beleidigende, rassistische oder aus anderen Gründen inakzeptabele Beiträge nicht zu publizieren. Siehe dazu auch Netiquette.
Luise Bortenschlager
06.04.202117:47
Ich bin 83 Jahre und seit 12 Monaten in gezwungener Isolation, es ist wie in untersuchungshaft, wartend auf ein Urteil - Tod oder Leben. Ich hatte sehr viele Kontakte in und mit Gruppen verschiedenster Art. Alles ist weggefallen. Das einzige was geblieben ist sind Spaziergänge, aber allein!! Ich werde zu Hause träge und faul. Das ewige Alleinsein, keine Anregungen durch die Gruppen, die besuche bei Freundinnen dürfen nicht stattfinden. Jetzt warte ich auf den 2. Impftermin, und hoffe, das dann wieder Besuche sein dürfen. Meine Freude ist verhalten. Wer weiß was bis dahin wieder alles passiert - ein neuer Lockdown? Ich habe mir in dieser Zeit Internett angeschafft und gelernt damit umzugehen. Persönliche Kontakte d,h, Begegnungen mit Freundinnen wären m,ir lieber. "Alles wirkliche Leben ist Begegnung" Martin Buber. Ich wünsche mir das das bald wieder stattfinden kann. Luise Bortenschlager.
Gustav Haab
03.04.202109:12
Es liegt an uns selbst, mit den Widrigkeiten der Pandemie umzugehen. Im Einzelfall sicher nicht immer einfach! Aber es liegt in der Natur des Menschen, gerade in scheinbar ausweglosen Situtionen kunstvolle und situative Möglichkeiten zu erdenken, die ohne den Druck (Herausforderung) nicht in Betracht gezogen worden wären!
Reiner Neises
29.03.202121:19
Corona tötet nicht nur jede Kreativität, sondern auch fast alle sozialen Kontakte. Und was das Virus nicht schafft, erledigt die mittlerweile hochgradig ideologisierte und fast flächendeckend geltende Maskenpflicht – selbst draußen, wo sie überhaupt keinen Sinn macht und häufig sogar kontraproduktiv ist. Das bedeutet für mich: Nur noch die nötigsten Einkäufe, kein Museumsbesuch mehr, kein Flohmarkt, kaum noch Spaziergänge und Besuche auf dem Wochenmarkt, keine öffentlichen Verkehrsmittel und daher auch seit 12 Monaten einen einzigen – zwangsläufig nicht ganz legalen – Besuch bei meiner Familie. Das ist fast wie Knast mit Freigang zur Arbeit. Ich bewundere jeden, dem es gelingt mit Atmungserschwerungs- und Brillenbeschlagungsmasken noch einen klaren Gedanken zu fassen. Mir gelingt es kaum.