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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 12/2020
Erbsünde Rassismus
Schwarze Befreiungstheologie von der Sklaverei bis zur Ermordung George Floyds
Der Inhalt:

Haben die Kirchen in der Corona-Krise versagt?

vom 23.06.2020
Pro und Contra: Während des Lockdowns wurden schwere Vorwürfe gegen die Kirchen laut. Sie seien ihrem Auftrag nicht gerecht geworden und hätten falsch reagiert. Stimmt das?
Social distancing im Gottesdienst: Der erste öffentliche Gottesdienst nach dem Lockdown fand am 3. Mai 2020 unter Einhaltung im Kölner Dom statt.. (Foto: KNA)
Social distancing im Gottesdienst: Der erste öffentliche Gottesdienst nach dem Lockdown fand am 3. Mai 2020 unter Einhaltung im Kölner Dom statt.. (Foto: KNA)

Klaus Mertes:

Ja, sie waren mir zu ängstlich!

Pauschale Urteile liegen mir nicht. Viele in der Kirche haben viel Gutes gemacht. Was mir fehlte, das waren und sind lautere Stellungnahmen im Geiste der österlich-pfingstlichen Botschaft: Habt keine Angst! An Pfingsten wird aus einer verängstigten Schar eine Gruppe von Vorwärtsstürmern. Sie überwinden die Angst, so wie Jesus die Angst am Ölberg überwand, und zwar nicht deswegen, weil sie unberechtigt war, sondern obwohl sie berechtigt war.

Dieser Artikel stammt aus Publik-Forum 12/2020 vom 26.06.2020, Seite 8
Erbsünde Rassismus
Erbsünde Rassismus
Schwarze Befreiungstheologie von der Sklaverei bis zur Ermordung George Floyds

Das Lob der »Solidarität durch Distanz« aus kirchlichem Mund wurde mir schwer anzuhören. Die Botschaft von der Menschwerdung Gottes weist in die Gegenrichtung. Solidarität der leiblichen Nähe: Aussätzige berühren, Obdachlose aufnehmen, Weinende in den Arm nehmen, Dementen die Hand halten, Kinder trösten, bei Gewalt intervenieren, Sterbende begleiten. Kann man als Kirche brutale Folgen der Solidarität durch Distanz ansehen und bloß kommentieren: »Muss leider sein«? In Predigten wurden Personen als Egoisten abgestempelt, die für Grundrechte auf die Straße gehen. Grundrechte sind aber auch Rechte der Schwächsten. Gerade bei ihnen kann ihr Aussetzen schlimme, ja tödliche Folgen haben. Die Freiheit, darauf hinzuweisen, gehört zur Würde gerade auch der Schwächsten.

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Schließlich: Auf wen setzen wir unsere Hoffnung? Coronaviren wird es immer geben. Keine Forschung, keine Technik, keine Politik wird daran etwas ändern können. Wie viel Macht über unser Leben geben wir also auf Dauer dem Infektionsrisiko? Das Evangelium ist der Sieg über den Allmachtsanspruch der Angst. Das ist es, was die Kirche in Corona-Zeiten über die Unterstützung sinnvoller Infektionsschutz-Maßnahmen hinaus besonders zu sagen hat!

Bettina Schlauraff:

Nein, ich erlebte sie lebendiger denn je!

Am frühen Ostermorgen stand ich gemeinsam mit meinem katholischen Kollegen in vollem Ornat in seiner Kirche. Bei geöffneten Türen und Fenstern sangen wir Osterlieder und entzündeten das Osterlicht. Die Kirche war leer, bis auf eine ältere Schwester. Danach zog ich alleine weiter durch die Dörfer. Der Osterhymnus ertönte, vor den Kirchen standen Menschen. Den ganzen Tag lang haben sie sich das Osterlicht aus den Kirchen geholt. Zu Hause haben sie Gottesdienste gefeiert. An Küchentischen und auf Wohnstubensofas. Den Vorwurf, die Kirchen hätten sich nicht genug um Seelsorge bemüht, lese ich mit Fassungslosigkeit. Sie haben Nähe geschaffen, ohne das gesundheitlich sinnvolle Social Distancing zu unterlaufen. Über Wochen hinweg schicken mir Menschen aus der Gemeinde Gebetsanliegen, die ich öffentlich über »Whatsapp« teile. Plötzlich bin ich mit jungen Eltern und Mittvierzigern, die nie in der Gemeinde auftauchen, im Gespräch über die Kraft des Glaubens. Vor Seniorenheimen spielen regelmäßig Posaunen auf. Auch wenn keine Besuche möglich waren, es fand sich immer eine Schwester, die ein Gebet sprach über einer Sterbenden. Wäscheleinen mit Segenssprüchen und Gebeten hingen vor den Kirchen. Eine Frau erzählte mir, dass sie zum ersten Mal seit fünfzig Jahren alleine in ihrer Dorfkirche saß und tief berührt war. Es wanderten geistliche Worte und tägliche Andachten in Briefen, Videobotschaften und Wurfsendungen in die Häuser. Trost leuchtete in Regenbögen von den Fenstern und Segenssteine lagen überraschend vor der Haustür. Seelsorge fand am Telefon, in E-Mails oder aus dem Autofenster statt. Noch nie war ich so intensiv mit meiner Gemeinde und mit Christen deutschlandweit verbunden. Der Glaube wurde greifbar auch für die, die ihn vielleicht schon vergessen hatten. Nie habe ich Kirche lebendiger erlebt.

Die Umfrage ist vorbei: so haben unsere Leser abgestimmt!

Haben die Kirchen in der Corona-Krise versagt?

Während des Lockdowns wurden schwere Vorwürfe gegen die Kirchen laut. Sie seien ihrem Auftrag nicht gerecht geworden und hätten falsch reagiert. Stimmt das?
63 x Ja, sie waren mir zu ängstlich!
24 x Nein, ich erlebte sie lebendiger denn je!
insgesamt abgegebene Stimmen: 87
72%
Kommentare
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Ursula Krüger
05.07.202018:21
Zur Aussage von Frau Pfarrerin Schlauraff
Die Krise gab uns die Chance, unseren Glauben anders zu leben, verhärtete Strukturen aufzubrechen, Kirche lebendig zu erfahren. Die vielen kreativen Ansätze geben Mut und machen Hoffnung.
Dies als positiv zu bewerten, ist dennoch kurzsichtig, denn es geschah unter dem negativen Vorzeichen der Einschränkung der Religionsfreiheit, der Aushebelung unseres Grundgesetzes.
Das ist nicht akzeptabel. Die Kirche muss sich lautstark gegen solche Restriktionen zur Wehr setzen.
Ursula Krüger, Salem
Ursula Krüger
03.07.202021:16
Ich kann P. Klaus Mertes nur zustimmen.
Die Kirche befolgt die Anordnungen des Staates statt sich am Wort Gottes zu orientieren. Dieses sagt uns: Gottes Gebote über und vor allem. Warum unterwirft sie sich den Zwangsmaßnahmen des Staates? Hat sie Angst?Wir haben doch die Zusage: „Fürchte dich nicht. Ich bin bei dir alle Tage.“
Statt sich durch Angst manipulieren zu lassen, sollte die Kirche selbst nach der Wahrheit suchen, z.B. durch umfassende Information über die freien, unabhängigen Medien.
Oder wollen wir uns vom Staat diktieren lassen, was wir zu glauben haben? Die Kirche muss frei sein und ihren Glauben selbstbewusst ausüben dürfen.Die Orientierung am Wort Gottes, an der Botschaft des Evangeliums hat dabei oberste Priorität!
Es braucht klare Entscheidungen auf der Basis unseres Glaubens, ein konsequentes Handeln und ein geschlossenes Auftreten der Kirche. Dringendst! Es könnte schon zu spät sein für die freie Ausübung unseres Glaubens in der Zukunft.



Walter Ulbrich
01.07.202010:05
Es gab und gibt sehr große Unterschiede im Engagement der einzelnen Pfarrgemeinden vor Ort.
Mit fehlt nach wie vor eine gemeinsame Solidaritätsaktion der kirchlichen Hilfswerke zugunsten der Pandemie-Betroffenen in ihren Partnerländern.
Thomas Kaufhold
30.06.202011:32
Wer oder was ist "die Kirche"? Bestimmt nicht die Amtskirchen. Die haben versagt. Aber die Kirchen aller Getauften waren und sind phantasievoll mit zahlreichen guten Aktionen vor Ort. Dagegen machten sich die röm.kath. Amtsträger mit Eucharistiefeiern mit Maske und Desinfektionsmitteln geradezu lächerlich.
Thomas Kaufhold, Wir sind Kirche
Peter Lehmann
30.06.202009:43
Keine Pauschalurteile. Richtig! Zwar waren Corona-Verordnungen der Kirchenleitungen teilweise unsinnig, weil Seelsorgebesuche immer in Heimen, bei Kranken und Hilfsbedürftigen und anderen zugelassen waren, aber das Vertrauen in Gott gegen das Corona-Virus auszuspielen, ist kein Zeichen unserer Hoffnung, sondern eine "Versuchung in der Wüste". Jesus widerstand dieser Versuchung und sprang nicht von der Zinne des Tempels nur weil da jemand sagte: es steht geschrieben, dass Engel dich tragen werden. Ja, ich werde weiter sorgsam mit meinem Nächsten und mit mir umgehen und mir nicht in falscher Hoffnung den Mund-und-Nasen-Schutz vom Gesicht reißen.
waltraud anheier
28.06.202014:33
Ich teile die Meinung von Herrn Mertes voll und ganz. Sicher haben viele Menschen kreativ u. angagiert vor Ort gehandelt. Was mir aber gefehlt hat, war, das Wort zu erheben für Eltern u. Kinder und dafür ggf.leerstehende Pfarrheime u. Gärten zur Verfügung zu stellen. Es hat mir gefehlt, lautstark auf die Not von Menschen in Altenheimen hinzuweisen. Meine 90j Patin sagte, ich lebe in Gefangenschaft, selbst nach Wochen durften sie nicht nach draussen. Es war die Angst, ohne Angehörige noch einmal zu sehen sterben zu müssen. Ich fand es unmenschlich, dass Beerdigungen auf 5 bis 10 Pers. begrenzt waren. Supermärkte waren geöffnet unsere großen Friedhöfe nicht, ebenso , dass Gespräche mit Trauernden nur am Telefon möglich waren.
Da hätte Kirche räumlich doch andere Möglichkeiten gehabt. Auch habe ich nichts davon gehört, dass kirchliche Häuser für Obdachlose geöffnet wurden.
Ja, ich habe Kirche in der Coronakrise als ängstlich undfeige erlebt.
Gerhard
26.06.202017:29
Herr Mertes schreibt: "In Predigten wurden Personen als Egoisten abgestempelt, die für Grundrechte auf die Straße gehen. Grundrechte sind aber auch Rechte der Schwächsten. Gerade bei ihnen kann ihr Aussetzen schlimme, ja tödliche Folgen haben." Sehr richtig! Herr Mertes übersieht aber anscheinend, dass in einer Pandemie die Schwächsten die sind, die an mehreren Risikofaktoren leiden und für die eine Ansteckung rasch tödliche Folgen haben kann, so dass weitere Grundrechte für sie keine Bedeutung mehr haben. Ein Lob allen katholischen Priestern und evangelischen Pastoren, die Grundrecht-Egoismus auch also solchen bezeichnet haben.
Johannes Welschen
24.06.202011:17
Ja oder Nein ist für mich nicht die Alternative. Ich erkenne mich in beiden Beschreibungen. Wir mussten alle unseren Weg finden in einer völlig neuen Situation. Dabei ist viel Gutes entstanden und doch sind wir Manchen Manches schuldig geblieben. Für uns - ich bin Mitglied der Kirchenleitung der Herrnhuter Brüdergemeine - ist die Emmausgeschichte neu wichtig geworden. Jesus geht mit, wenn wir ängstlich und verzweifelt unseren Weg suchen.