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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 22/2022
Von Natur aus gerecht?
Ein Streitgespräch über Klima, Armut und die Würde des Menschen
Der Inhalt:

Pro und Contra
Fernsehboykott der Fußball-WM?

vom 15.11.2022
In Katar findet das Sportereignis des Jahres statt: 32 Nationalteams spielen um den Titel des Fußball-Weltmeisters. Doch nach wie vor werden im Gastgeberland eklatant die Menschenrechte verletzt. Sollte man da nicht aufs Mitfiebern verzichten? Stimmen Sie hier ab!
Fernseher aus bei der Fußball-WM? Nikolaus Schneider und Gregor Gysi im Pro und Contra (Fotos: pa/Andreas Arnold, pa/Christoph Hardt)
Fernseher aus bei der Fußball-WM? Nikolaus Schneider und Gregor Gysi im Pro und Contra (Fotos: pa/Andreas Arnold, pa/Christoph Hardt)

Nikolaus Schneider:

Ja, auch wenn
es wehtut!

Die Spiele der WM in Katar werde ich mir nicht im Fernsehen anschauen. Das fällt mir schwer. Fußball gehört für mich zu den schönsten Nebensachen meines Lebens. Das galt für den Fußball, den ich viele Jahre selbst gespielt habe. Und das gilt für den Fußball, den ich jetzt in Stadien oder am Fernseher verfolge. Die Begeisterung ist geblieben, trotz zunehmender Kritik an der Maßlosigkeit im Fußball-Geschäft, besonders bei der Fifa.

Dieser Artikel stammt aus Publik-Forum 22/2022 vom 18.11.2022, Seite 8
Von Natur aus gerecht?
Von Natur aus gerecht?
Ein Streitgespräch über Klima, Armut und die Würde des Menschen

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Die Vergabe der Weltmeisterschaft nach Katar hat meine Toleranzgrenze dann überschritten. Denn auch die schönste Nebensache meines Lebens darf für mich nicht im krassen Widerspruch zu den Hauptsachen stehen: etwa zu Menschenrechten. »Fußball-WM in Katar – das geht gar nicht!« – war mein erster und ist auch mein gegenwärtiger Gedanke. Für mich ist das eine WM am falschen Ort und zur falschen Zeit. Ich kann nicht daran vorbeisehen, dass beim Bau der Stadien und der Infrastruktur Menschen durch das Einkassieren ihrer Papiere entrechtet wurden. Oder, dass sie menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen auf den Baustellen ausgesetzt waren. Oder, dass ihnen Löhne vorenthalten sowie erbärmliche Unterkünfte zugemutet wurden. Ich will nicht verdrängen, dass Katar die Rechte von Frauen und Homosexuellen mit Füßen tritt. Und ich habe spirituelle Probleme damit, dass der Ewigkeitssonntag und die Adventszeit mit der Fußballweltmeisterschaft zusammenfallen. Vieles in Katar wurde doch verbessert, höre ich sagen. Das ist auch gut so. Aber: Wie viel davon bleibt Ankündigung? Und was an Verbesserungen wird bleiben? Was wird aus dem Fonds zur Unterstützung verletzter Arbeiter oder der Familien der zu Tode Gekommenen?
Ich will kein Spielverderber für andere sein. Doch die WM in Katar werde ich mir nicht anschauen.

Gregor Gysi:

Nein, wegschauen hilft nicht!

Irgendwie will auch bei mir diesmal keine richtige Vorfreude auf die Fußball-WM aufkommen. Die Behauptung der Fifa, sie wolle die Faszination des Fußballs durch die WM auch in Regionen verbreiten, wo er nicht unbedingt zu den massentauglichen Kernsportarten zählt, entpuppt sich als vom Profitstreben dominiert. Die WM hält Kriterien des Klimaschutzes und der Nachhaltigkeit nicht stand und ist angesichts von Tausenden Todesopfern unter den Arbeitern, die die Stadien errichtet haben, ein menschliches Fiasko.

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Ich halte dennoch wenig von Boykott-Aufrufen. Ich fände es viel besser, wenn die Spieler, die Offiziellen und die Zuschauer vor Ort mit vielen Menschen aufklärend sprächen. Man kann auch an eine Schweigeminute vor jedem Spiel denken oder an schwarze Armbinden.

Die WM bleibt das größte sportliche Weltereignis. Deshalb müssen die Übertragungen genutzt werden, um auf die Umstände und Gegebenheiten im Gastgeberland hinzuweisen. Das kann man dann auch als Fernsehzuschauer von den Sendern einfordern. Dass man heute schon drei, vier teure Abos braucht, um Bundesliga und europäische Wettbewerbe schauen zu können, macht Fußball für immer mehr Menschen von der schönsten Nebensache zum Luxusgut. Exorbitante Gehälter und Ablösesummen tun ihr Übriges. Gerade weil mit der Vergabe der WM an Katar deutlich geworden ist, dass die Fifa letztlich bereit ist, für ihren Profit den Weltmeistertitel im übertragenen Sinn auf den Gräbern von 15 000 Menschen ausspielen zu lassen, wird der Fußball nicht um eine Diskussion herumkommen, wo die Grenzen der Kommerzialisierung zu ziehen sind.

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Fernsehboykott der Fußball-WM?

In Katar findet das Sportereignis des Jahres statt: 32 Nationalteams spielen um den Titel des Fußball-Weltmeisters. Doch nach wie vor werden im Gastgeberland eklatant die Menschenrechte verletzt. Sollte man da nicht aufs Mitfiebern verzichten? Stimmen Sie hier ab!
44 x Ja, auch wenn es weh tut
16 x Nein, wegschauen hilft nicht
insgesamt abgegebene Stimmen: 60
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Reiner Neises
25.11.202208:19
Wegschauen ist das einzige, was jetzt noch hilft - nicht mehr für diese WM, aber vielleicht für künftige. Die einzige Sprache, die die FIFA versteht, ist doch, Wenn die Zuschauerquoten ausbleiben und Sponsoren eine Fehlinvestition ihrer Gelder fürchten. Am Wenigsten helfen die, die - manche zynischerweise sogar im Namen des Klimaschutzes - nach Katar fliegen. Würden Sie zu Hause bleiben, wäre es daher gleich eine Win-Win-Situation.
Georg Lechner
22.11.202217:45
Herrn Gysis Meinung in Ehren, aber äußere Zeichen wie schwarze Armbinden sind von der FIFA mit strengen Sanktionsandrohungen bewehrt. Wahrscheinlich würde sie auch im Namen des Profits Schweigeminuten zu verhindern wissen. Nur gegen das Nicht-Mitsingen der Hymne durch die iranische Mannschaft aus Protest gegen die Unterdrückungsmaßnahmen im Iran war sie machtlos.
Gustav Haab
21.11.202220:50
Die Fußball-WM ist neben den Olympischen Spielen die kleinere Sportveranstaltung, die längst politisch ge-oder missbraucht werden. Deshalb lohnen sich Finanzinvestitionen (staatliche oder private Schmiergelder)! Nein, wir sollten nicht boykottieren! Wir sind zu spät dran weil längst - politisch verflochten - eingekauft! Etwas Gutes hat die WM – es gibt ein Alkoholverbot! Es mehrt die Chance, sie nüchtern zu betrachten! Der stumme Protest der iranischen Fußballspieler macht leider die Toten auf den iranischen Straßen und Plätzen nicht lebendig! The games must go on!
Benedikt Hoß
20.11.202213:44
Ich habe nepalesische Freunde und schäme mich für das Verhalten der FIFA.
In einem Boykott sehe ich in der heuten Zeit generell eher Unsinn, gleich einem Bumerangwurf.
Es gibt in Nepal wunderbare Initiativen von den wir lernen können.