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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 16/2019
Attacke von rechts
Wie die AfD im Osten die Kirche spaltet
Der Inhalt:

Pro und Contra: Sonntagsgottesdienst aufgeben?

Eine neue Untersuchung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zeigt, dass der Gottesdienst am Sonntag nur noch für wenige Gläubige attraktiv ist. Sollen wir über Alternativen zum obligatorischen Sonntagsgottesdienst nachdenken?
Haben Sonntagsgottesdienste noch eine Zukunft? (Foto. epd/Neetz)
Haben Sonntagsgottesdienste noch eine Zukunft? (Foto. epd/Neetz)

Julia Koll:

Ja, das schafft Zeit fürs Wesentliche!

Der Gottesdienst am Sonntagmorgen ist ein Klassiker und ein Kulturgut. Ohne ihn würde der Welt etwas fehlen. Das ist unbestritten. Doch was wird aus ihm, wenn keiner mehr kommt? Muss dann wirklich auf Gedeih und Verderb an ihm festgehalten werden, mit Verweis auf seine beeindruckende Geschichte?

Dieser Artikel stammt aus Publik-Forum 16/2019 vom 23.08.2019, Seite 8
Attacke von rechts
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Wie die AfD im Osten die Kirche spaltet

Ich meine: Nein. Wo ich als Pastorin regelmäßig für drei oder vier predige, wo der Gesang nicht mehr trägt und sich selbst die Treuesten darüber an der Kirchentür besorgt zeigen – da ist es höchste Zeit umzusteuern. Das sture Festhalten am wöchentlichen Rhythmus und am vermeintlich althergebrachten Ritual bindet zu viele von den immer knapper werden Ressourcen. Schlimmer noch: Es verhindert geradezu, dass wir das tun, was jetzt am nötigsten wäre: mit Fantasie und Gottvertrauen nach vorne zu denken. Denn das ist auch klar: Das Additionsprinzip »Sonntag plus zweites Programm plus Abendandacht plus Jugendgottesdienst plus …« stößt längst an seine Grenzen. Zugleich hat die gesellschaftliche Ausdifferenzierung ein Ausmaß erreicht, das den Traum des für alle gleichermaßen passenden und attraktiven Gottesdienstes naiv erscheinen lässt.

Wir brauchen also viele verschiedene Weisen, Gottesdienst zu feiern – und nicht überall dasselbe. Vor Ort sollte man sich fragen: Worin steckt am meisten Energie? Welches Format verspricht welche lebensweltliche Reichweite? Wie machen Menschen heute Resonanzerfahrungen? Das geistliche Gebot der Stunde: viel genauer wahrnehmen und dann Experimente wagen – ohne den Anspruch, gleich einen neuen Klassiker etablieren zu müssen. Zum Beispiel eine offene Kirche, stundenlang. Etwas Musik. Gelegenheit zum stillen Gebet, zur Segnung oder zum Gespräch über einer Tasse Kaffee – der Sonntagmorgen kann dabei sehr wohl eine besondere Zeit bleiben.

Michael Meyer-Blanck:

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Nein, die Kirche muss verlässlich sein!

Dem Gottesdienst ist nichts vorzuziehen, heißt es in der Regel des heiligen Benedikt (480-547). Recht hatte er. Gottesdienst schafft Ruhe und Konzentration. Er verbindet die Menschen miteinander und mit Gott. Darüber hinaus ist der Gottesdienst ein Stück Kultur und Tradition. Wann er stattfindet, ist dabei eigentlich zweitrangig. Doch der Gottesdienst am Sonntagvormittag ist eine gute Sitte. Jede und jeder kann sich darauf verlassen: Jetzt wird geläutet, gebetet und gepredigt – auch wenn ich selbst nicht hingehe. Ich habe aber jederzeit die Möglichkeit, dabei zu sein. Der Gottesdienst ist keine Vereinsversammlung für Kirchenmitglieder. Er ist öffentlich, regelmäßig, verlässlich. Es ist absurd, über die Abschaffung des regelmäßigen Sonntagsgottesdienstes nachzudenken. Das tut auch niemand ernsthaft. Die Studie der Liturgischen Konferenz hat ergeben, dass der regelmäßige Kirchgang am Sonntag besonders von den Mitarbeitenden der Kirche geschätzt und getragen wird. Viele andere dagegen sagen, sie würden sich eher für besondere Gottesdienste, also alternative Zeiten, Themen und Formate interessieren. Darum stellt sich die Frage: Soll man künftig mehr zeitliche und finanzielle Ressourcen in das alternative Gottesdienstangebot, das sogenannte »zweite Programm«, stecken als bisher?

Ich plädiere für die bleibende Sorgfalt und Wertschätzung im Hinblick auf den Sonntagsgottesdienst und die Sonntagskirchgänger. Diese kommen. Sie tragen den Gottesdienst. Die Besonderheit selbst braucht das Normale und Regelmäßige. Die Glocken laden erkennbar und verlässlich ein – ein Bild für Gottes Zuwendung zur Welt. Der Gottesdienst ist die Kirche »on stage«, der performative Kirchturm. Ihm ist nichts vorzuziehen – am Sonntagvormittag nicht und auch sonst nicht.

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Sonntagsgottesdienst aufgeben?

Eine neue Untersuchung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zeigt, dass der Gottesdienst am Sonntag nur noch für wenige Gläubige attraktiv ist. Sollen wir über Alternativen zum obligatorischen Sonntagsgottesdienst nachdenken?
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Georg Lechner
23.08.201909:08
Kleiner Nachtrag: https://orf.at/salzburgerfestspiele19/stories/3134343/
Valery Tscheplanowa, die heurige Darstellerin der Buhlschaft im Jedermann, offenbart im Interview ihre Schwierigkeiten mit dem Gottesverständnis, das dieses Stück durchzieht. Ich denke, da ist sie bei weitem nicht allein. Ich habe den "Jedermann" vor einigen Jahren auf einer kleinen Freilichtbühne in Mödling gesehen. Die meiste Übereinstimmung zur Aussageabsicht des Stücks sah ich noch darin, dass es teuflisch ist, jemand als Fixkandidat für die Hölle zu bezeichnen. Wäre ich in der Verlegenheit, dieses Stück inszenieren zu sollen, würde ich wohl eine Anleihe bei Jacques Offenbach nehmen und die Partie des Teufels von der veröffentlichten Meinung vortragen lassen, mit Anspielungen auf Boulevard, Facebook und Twitter.
Georg Lechner
22.08.201920:45
Das Problem aus meiner Sicht ist, dass mit der Theodizeefrage ("Wo war Gott, als er nicht da war") die personale Gottesvorstellung in die Krise gekommen ist. Damit ergibt sich das Problem, die liturgischen Texte nur mehr "mit Gänsefüßchen" akzeptieren zu können. In weiterer Folge sinkt/schwindet das Bedürfnis, bei der Messe dabeizusein. Eine Gottesvorstellung in Anlehnung an Hugo Ball ("Freiheit der Geringsten in der Gemeinschaft aller") wäre für einen Teil der potenziellen Kirchgänger als alleinige Version auch nicht akzeptabel, aber die Hinzunahme dieser Perspektive in einer Analogie zum Welle/Teilchen-Dualismus der elektromagnetischen Strahlung (die Physiker schlagen sich deswegen ja auch nicht gegenseitig die Schädel ein) würde doch ein Signal sein, das zumindest Aufmerksamkeit erregt. Die Publikation von Hugo Ball mit diesem Denkansatz ("Zur Kritik der deutschen Intelligenz") ist heuer übrigens 100 Jahre alt.