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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 9/2020
Arbeiten und Leben nach Corona
Was wir aus der Krise lernen können
Der Inhalt:
Gastkommentar

Jedes Leben ist gleich wertvoll

von Wolfgang Thierse vom 15.05.2020
In der Corona-Krise wird heftig darüber gestritten, ob dem menschlichen Leben absoluter Wert zukomme. Eine Reaktion von Wolfgang Thierse auf Wolfgang Schäuble und Boris Palmer.
Wolfgang Thierse (Foto: pa/Heinrich)
Wolfgang Thierse (Foto: pa/Heinrich)

Krisenzeiten – so ist die geschichtliche Erfahrung – sind Zeiten der Entscheidung und der Unterscheidung der Geister. Das gilt offensichtlich auch für die gegenwärtige Pandemie-Krise.

Vor drei Monaten hat unser höchstes Gericht ein Urteil gefällt, nach dem die freie Entscheidung zum Suizid ein Grundrecht sei und dass niemand einen Menschen am Vollzug seines eigenen Todes hindern dürfe. Die Verfügung über das eigene Leben, seine gezielte Vernichtung eingeschlossen, sei Teil der grundrechtlich geschützten Handlungsfreiheit. Frei nach Schillers »Das Leben ist der Güter höchstes nicht«.

In den vergangenen Wochen der Corona-Pandemie haben wir dagegen – zu unser aller Glück – erlebt, wie die Verantwortlichen nach der Maxime handelten, alles müsse so eingerichtet sein, dass der Tod von Menschen verhindert werden kann. Dass der Staat seiner Pflicht zum Schutz des Lebens gerade in dieser Extremsituation nachgekommen ist, das entspricht erkennbar auch der Erwartung der Bürger, ja es ist sogar ihr Anspruch an den Staat – wenn dieser denn Rechts- und Sozialstaat sein soll und bleiben will.

Nun aber hat nach Wochen bedrängender Einschränkungen und sich verstärkender Ungeduld eine Debatte darüber eingesetzt, ob dem menschlichen Leben absoluter Wert zukommen müsse. Diese Debatte ist von Wolfgang Schäuble eröffnet und von Boris Palmer radikalisiert worden. Bisher galt – nach der moralischen Katastrophe der Nazi-Ideologie »vom unwerten Leben« – der Schutz des Lebens für alle Menschen gleichermaßen. Menschenleben gegeneinander abzuwägen, das war, dank Immanuel Kant, in unserem Rechtsstaat nicht legitim. Der Grünen-Politiker Palmer meinte nun, den Aufwand für die Gesundheit der Alten, der größten

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Giorgio Zankl
30.05.202021:09
Da hat sich Herr Thierse aber, bei allem Respekt, vergaloppiert. „So musste man Palmers Bemerkung ja verstehen...“ – nein, eben nicht, Herr Thierse. Ich finde es unredlich, Palmer als Opponenten von Kants Pflichtethik entgegen utilitaristischem Denken darzustellen. Weder Schäuble noch Palmer wollten alte Menschenleben für junge Menschenleben opfern, wie Sie zu unterstellen scheinen, noch dazu mit dem diffamierenden Hinweis auf Naziideologie vom „unwerten Leben“. Das ist kein guter Stil im Umgang mit Andersdenkenden, Herr Thierse! Wobei Sie selber ja wohl gar nicht so anders denken: „Leben ist ja mehr als Überleben. Es geht...um menschenwürdiges Leben, um lebbares Leben, ...meint menschliche Begegnungen und Beziehungen...Es schließt Krankheit und Leid ein...Und sogar der Tod ist ein Teil des Lebens...“ Dann lassen Sie konsequenterweise die alten Leute doch selber entscheiden, welches Leben sie wollen, mit oder ohne Begegnungen mit ihren Familien, und wie lange sie es zu leben gedenken!
Martin Krauß
18.05.202009:59
Die umstrittene Äußerung von Boris Palmer nuss man keinesegs so verstehen wie es W.Thierse und viele Mitglieder der Grünen
verstanden haben. Das Missverständnis hätte sich vermeiden lassen, wenn man die Äußerung in seinem Kontext interpretiert hätte. Da ging es nämlich um Millionen armutsbedrohter Kinder,vor allem in Entwicklungsländern, deren Leben durch die wirtschaftlichen Folgen des Lockdowns bedroht sei. Es ging also gar nicht um die Frage, welches Leben wertvoller sei, sondern darum, das Schickal dieser Kinder nicht aus den Augen zu verlieren.
Mit Kant kommt man allerdings nicht weiter. Denn Kant hat bekannt-lich für eine reine Gesinnungsethik plädiert und behauptet, dass allein der gute Wille und nicht die Konsequenzen einer Handlung darüber entscheidet, ob sie richtig oder falsch sei. Mit diesem Ansatz kann man weder das Leben älterer Menschen noch das Leben armutsbedrohter Kinder retten. Die Karikatur trägt leider auch nicht zur Klärung bei, sondern verstärkt das Vorurteil.
Sabine Schulz
15.05.202010:44
Für mich stirbt kein Mensch an einer Krankheit, sondern wenn er von Gott "abberufen" wird. Dies zeigt sich immer stärker daran, dass nicht nur ältere Menschen von Krankheit und Lebensunmut betroffen sind, dass Menschen, die von Medizinern aufgegeben wurden, noch lange lebten.
Diese Statistiken, die jetzt wieder aus der Schublade für öffentliche Disskussionen geholt werden, die auf mathematischen Formeln basieren, wann ein Mensch stirbt, finde ich perfiede.
Keine versicherungsmathematische Formel bestimmt die Lebensfreude von Menschen.
Wir sollten uns von anderen Etnien abschauen, dass Weisheit, die durch Lebenserfahrung geprägt ist, ein hohes Gut in einer Gemeinschaft ist.
Ich erinnere mich, dass ein CDU Politiker die Hüft-OP an älteren Menschen gesetzlich einschränken wollte. Welch ein Aufschrei in der Presse in der Bevölkerung.
Diesen Aufschrei vermisse ich jetzt in C-Zeiten. Den Aufschrei der Empörung und nicht das Hantiere mit Statistiken.