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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 23/2019
Mach mich unsterblich!
Der Plan von der Erschaffung des perfekten Menschen
Der Inhalt:

Pro und Contra: Kirchensteuer für Missbrauchsopfer?

vom 03.12.2019
Tausende Menschen sind Opfer sexualisierter Gewalt durch katholische Priester geworden. Die Deutsche Bischofskonferenz will Entschädigung künftig in größerem Ausmaß und möglicherweise auch in größerer Höhe zahlen. Nur: Woher soll das Geld kommen? Von allen Katholiken – aus der Kirchensteuer? »Ja!«, sagt Norbert Denef. »Nein!«, meint Claudia Lücking-Michel
(Foto: pa/Bildagentur-online/Ohde)
(Foto: pa/Bildagentur-online/Ohde)

Norbert Denef:

Ja, holt Gemeinden mit ins Boot!

Ich sage entschieden »Ja!« zur Finanzierung der Entschädigungen mit Mitteln der Kirchensteuer. Denn der Respekt vor den Betroffenen geht alle an. Auch die, die persönlich nicht zu Tätern wurden.

Dieser Artikel stammt aus Publik-Forum 23/2019 vom 06.12.2019, Seite 8
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Es ist ganz einfach: Wer Kirchensteuer zahlt, unterstützt eine Institution, die Täter hervorgebracht hat. Aus diesem Zusammenhang kann sich niemand lösen. Die Missbrauchsopfer gehen die Gemeinden deshalb etwas an. Wer das nicht sehen will, macht Betroffene erneut zu Opfern.

Für die Übergriffigkeit der »Hirten«, ihr systemisches Schweigen und ihren Machtmissbrauch sollten natürlich zunächst sie selber zur Kasse gebeten werden. Entsprechend der kirchenrechtlichen Struktur in Deutschland sind die Bischöflichen Stühle in der Haftung. Auf diese Zusammenhänge hat der Theologe und Coach Thomas Hanstein in seinem Sachbuch »Von Hirten und Schafen« aufmerksam gemacht.

Steuerfinanzierte Bistumshaushalte sind beileibe nicht die einzigen Haushalte und Vermögensanlagen der Kirche. Kirchliches Vermögen kennt viele Rechtsträger: die Vermögensmassen der sogenannten Bischöflichen Stühle und der Domkapitel, dazu erhebliches kirchliches Vermögen in Anlageform, was der wirksamen Kontrolle durch die Kirchensteuer-Gremien entzogen ist.

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Alle Bistümer sollten endlich vollständige Transparenz im Blick auf kirchliche Vermögenswerte herstellen. Dann wird man sehen, dass sie sehr wohl zahlen können – und Kirchensteuern zur Entschädigung erst herangezogen werden müssen, wenn diese Mittel ausgeschöpft sind.

Bischöfe könnten im Übrigen mit gutem Beispiel vorangehen und auf die Hälfte ihres monatlichen Einkommens verzichten, ein Leben lang. Missbrauchsopfer haben schließlich auch lebenslänglich.

Claudia Lücking-Michel:

Nein, Laien sind nicht verantwortlich

Als Bischof Stefan Ackermann kürzlich über mögliche Entschädigungen für Missbrauchsopfer informierte, machte vor allem eine Zahl die Runde: Bis zu 300 000 Euro pro Opfer sollen möglich sein. Woher soll das Geld kommen? Ackermann hat die Kirchensteuer erwähnt und auf die Solidargemeinschaft der Gläubigen hingewiesen. Die Empörung darüber verstehe ich gut.

Ackermanns Appell an die Solidargemeinschaft geht ins Leere. Unsere Solidarität gilt den Opfern – nicht den Verantwortlichen. Es gibt weder eine Solidar- noch eine Haftungsgemeinschaft mit den Tätern. Zuerst müssen die Täter mit ihrem Privatvermögen herangezogen werden. Als Nächstes diejenigen, die an verantwortlicher Stelle vertuscht, Täter geschützt und so weitere Straftaten möglich gemacht haben. Kleriker sind uns Laien – nach dem Kirchenrecht und nach dem Selbstverständnis vieler – keine Rechenschaft schuldig. Sie sind Nutznießer eines Systems, das ihnen allein Vollmacht zuspricht. Sie stützen diesen Absolutismus, deshalb sollten sie die Konsequenzen tragen. Natürlich muss ich als Bürgerin für Verfehlungen staatlicher Akteure haften. Aber – das ist der Unterschied zur Kirche – ich habe Einfluss auf die Machthaber: Ich kann sie (ab-)wählen. In unserer Kirche sollen wir Laien jetzt für Straftaten von Klerikern verantwortlich gemacht werden, obwohl wir keine Handhabe besitzen, um Machtmissbrauch zu verhindern. Eine Abgabe aller amtierenden und emeritierten (Weih-)Bischöfe wird die Kosten nicht decken, aber es wäre ein Symbol. Dann ist weiteres Vermögen anzuschauen: Bischöflicher Stuhl, Immobilien, Land, Kunstschätze … Auch wenn dies einmal vom Kirchenvolk durch Steuern, Schenkungen oder Stiftungen aufgebracht wurde, profitieren jetzt die aktuellen Besitzer. Jedenfalls dürfen bei der Aufarbeitung des Missbrauchsskandals nicht Unbeteiligte zur Kasse gebeten werden.

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Kirchensteuer für Missbrauchsopfer?

Tausende Menschen sind Opfer sexualisierter Gewalt durch katholische Priester geworden. Die Deutsche Bischofskonferenz will Entschädigung künftig in größerem Ausmaß und möglicherweise auch in größerer Höhe zahlen. Nur: Woher soll das Geld kommen? Von allen Katholiken – aus der Kirchensteuer? »Ja!«, sagt Norbert Denef. »Nein!«, meint Claudia Lücking-Michel
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Hans-Joachim
06.12.201916:12
Herr Denef macht es sich da ja sehr einfach, wie er auch treffend selbst sagt.

Aber so ist es nicht.

Wir sind keine Mitglieder, die freiwillig eine Vereinigung mit Kirchensteuern unterstützen. Diese Zwangsabgabe darf auf keinen Fall dazu benutzt werden, um Straftaten von Würdenträgern zu finanzieren bzw. deren Opfer zu entschädigen. Dann trete ich endgültig aus der Kirche aus, Gründe gibt es schon zuhauf. Nicht nur die Neuorganisation der Pfarreien, auch die zusätzlich erhobene Steuer für die Pfarrgemeinde sind Maßnahmen, die bereits den Austritt rechtfertigen. Jesus selbst wäre schon längst ausgetreten.
Hans Peter Deuß
06.12.201915:29
Die Beteiligung derer die in der Kirche und in Instutitionen arbeiten, ist nicht erforderlich. Die Täter egal wie alt sie heute sind und deren Oberen haben die Last der Entschädigungen zu tragen. Die Zahlungen aus Kirchensteuermitteln ist falsch, da sie z.B. in der den Menschen zugewandten Arbeit (Kindern/Jugendlichen/Bedürftigen und anderen die der Hi6lde bedürfen fehlen würde. In erster Linie ist auf das reichlich vorhandene Kapital der Kirche ggf. durch Veräußerung von Werten usw. zurück zu greifen.
Ludwig Lang
04.12.201906:51
Dass Herr Ackermann hinsteht und behauptet seine Forderung sei alternativlos, ist ganz im hergebrachten Duktus der Amtsinhaber in der Kirche, und das finde ich empörend! Eine solche Forderung absolut zu setzen, verkennt die aktuelle Lage. Eine Mithaftung der Kirchensteuerzahler würde (hoffentlich) die Austrittswelle beschleunigen. Die Bistümer haben zum Teil einen unermesslichen Reichtum, immer noch zu großen Teilen geheim. Da wäre erst einmal eine rückhaltlose Transparenz angesagt. Zum zweiten sollen ausschließlich die Amtsträger und Angestellten der Kirche haften, die missbraucht und vertuscht haben. Da sehe ich auch eine Mithaftung aller anderen Amtsträger als gegeben an. Erst wenn die Kirchenoberen bereit sind, die Zeichen der Zeit (nicht des sogenannten "Zeitgeistes") zu erkennen und zu einer Demokratisierung der Kirche bereit sind, und erst wenn sie die gerechte Einbindung der Hälfte aller Katholiken, der Frauen, voranzubringen, sind sie für mich glaubwürdig. L. Lang
Bernd Rohlfs
03.12.201919:54
Im August 2010 hieß es noch: "Die beiden großen Kirchen in Deutschland haben 2018 so viel Kirchensteuer erhalten wie nie. Trotz sinkender Mitgliederzahlen erreichten diese Einnahmen nach Kirchenangaben mit insgesamt rund 12,4 Milliarden Euro ein Rekordhoch. Davon erhielt die katholische Kirche 6,643 Milliarden und die evangelische 5,790 Milliarden Euro." Da dies ein Allzeit-Hoch ist, dürften die Kirchen also im Überschuss stehen. Es müssen also nicht Gebäude, Land oder Kunstschätze veräußert werden, um Betroffene jahrelangen Missbrauchs angemessen zu entschädigen. Wir haben übrigens auch Laien als Täter, etwa Chorleiter, Organisten, Lehrer und so weiter. Hier gibt es keine Trennung. Mir erscheint es wenig logisch, wenn Frau Claudia Lücking-Michel nun erklärt, die Kirchensteuer gehöre allein den Laien.