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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 6/2022
Pazifismus unter Beschuss
Frieden schaffen – mit Waffen?
Der Inhalt:

Pro und Contra
Auf russische Energie verzichten?

vom 22.03.2022
Auch nach dem Angriff auf die Ukraine erhält Russland täglich mehrere hundert Millionen Euro aus Deutschland und der EU für Öl, Gas und Kohle. Viele fordern deshalb ein Energie-Embargo. Ist das richtig? Stimmen Sie hier ab!
Protest gegen Energie aus Russland: Naiv oder legitime Forderung? (Foto: Imago / Joerg Boethling)
Protest gegen Energie aus Russland: Naiv oder legitime Forderung? (Foto: Imago / Joerg Boethling)

Rüdiger Bachmann:

Ja, aber es wird schmerzhaft!

Die simple Antwort lautet ja. Eine komplexere Antwort läuft auf eine Abschätzung der Effekte und auf die Beantwortung der Frage hinaus, ob Deutschland es sich leisten will. Mit einem Energie-Embargo fielen die letzten Euro- und Dollarquellen des Putinregimes weg. Damit dürfte der Kauf ausländischer Güter auch über Drittstaaten und also die Reparatur von Militärausrüstung schwierig werden. Soldaten und interne Staatskäufe können weiterhin in Rubel bezahlt werden, was aber in hohe Inflation und Instabilität der russischen Wirtschaft münden dürfte. Ob dadurch kurzfristig das Putinregime unter Druck geraten wird, kann niemand mit Sicherheit sagen, aber die Wahrscheinlichkeit ist nicht Null. Wichtiger sind die langfristigen Aspekte eines Energie-Embargos: erstens kann ein solches ja auch von russischer Seite kommen, also müssen wir uns darauf als Versicherung vorbereiten, wozu sowohl den Haushalten als auch der Industrie klarzumachen ist, dass Gas teurer wird und Anpassungen schnell erfolgen müssen; zweitens geht es um eine starke Verhandlungsposition für die Nachkriegszeit; und drittens kann man so das Putinregime für weitere Angriffskriege in Osteuropa schwächen.

Dieser Artikel stammt aus Publik-Forum 06/2022 vom 25.03.2022, Seite 8
Pazifismus unter Beschuss
Pazifismus unter Beschuss
Frieden schaffen – mit Waffen?

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Die kurzfristigen Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft und Gesellschaft wären allerdings enorm, da vor allem Gas kurzfristig nur bedingt zu ersetzen ist; bei Öl und Kohle ginge das eher. Kurzfristig müsste man wohl mit einer erneuten coronaartigen Rezession rechnen. Teilverstaatlichungen, Kurzarbeiterregelungen, eventuell Bankenrettungen wären wohl nötig. Aber auch langfristig wären nicht alle auf billigem Gas beruhenden Geschäftsmodelle tragfähig. Will man sich das für Frieden und Freiheit in Europa leisten? Das ist eine politische Entscheidung.

Bertram Brossardt:

Nein, kurzfristig ist das nicht möglich!

Wer über einen Energieboykott gegen Russland diskutiert oder ihn gar fordert, verkennt die Lage. Deutschland ist heute überwiegend von russischen Energielieferungen abhängig, am stärksten von Erdgas. Mehr als die Hälfte unseres Erdgases wird aus Russland importiert. Viele Produktionen in der Industrie sind auf Gas eingestellt und lassen sich nicht kurzfristig umstellen. Sollte der Gashahn aus Russland zu sein, würde das sofort ganze Branchen stilllegen. In Bayern beispielsweise wären Betriebe mit mindestens 220 000 Beschäftigten aus energieintensiven und gasabhängigen Branchen direkt betroffen. Die Bereiche Chemie, Glas und Keramik sowie Betriebe der Metallerzeugung und -verarbeitung würden besonders stark unter den ausbleibenden Gaslieferungen leiden.

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Statt russisches Gas ganz zu boykottieren, ist es jetzt wichtig, unsere Energie-Importe zu diversifizieren und weitere Handelspartner zu gewinnen. Das wird aber kurzfristig nicht gehen. Mehr Tempo und Engagement bei der heimischen Energiewende stärkt mittel- und langfristig die unabhängigere Energieversorgung und dämpft langfristig die Preise.

Westliche Staaten haben entschieden und geschlossen mit umfassenden Sanktionspaketen auf den russischen Angriffskrieg reagiert. Die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) steht hinter den bisherigen Maßnahmen, auch wenn das unmittelbare Auswirkungen auf unsere Wirtschaft hat. Wir begrüßen aber auch die Haltung der Bundesregierung, dass sie nicht auf Eskalation durch ein Energieembargo setzt, sondern auf die Verringerung von Abhängigkeiten.

Die Umfrage ist vorbei: so haben unsere Leser abgestimmt!

Auf russische Energie verzichten?

Auch nach dem Angriff auf die Ukraine erhält Russland täglich mehrere hundert Millionen Euro aus Deutschland und der EU für Öl, Gas und Kohle. Viele fordern deshalb ein Energie-Embargo. Ist das richtig? Stimmen Sie hier ab!
91 x Ja, aber es wird schmerzhaft
44 x Nein, kurzfristig ist das nicht möglich
insgesamt abgegebene Stimmen: 135
67%
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Sigrid Raschke
03.04.202206:27
Ich finde den Gedanken unerträglich, dass wir mit unserem Geld Putins Krieg unterstützen und ich bin bereit, Einbußen in meinem „Komfort“ und unserem Lebensstil hinzunehmen, um dem ein Ende zu bereiten. Es ist mir unerklärlich, warum es noch nicht einmal zur Einführung eines Tempolimits kommt, um damit eine so wenig einschränkende Maßnahme zu ergreifen (falls man überhaupt von „Einschränkung“ sprechen kann!), die Auswirkungen auch auf Putins Einkünfte hätte.
Andreas Jani
24.03.202211:05
Der inzwischen verstorbene Kämpfer für die Erneuerbaren Energien, Dr. Hermann Scheer (ehem. SPD) setzte sich sehr stark dafür ein. Wir wären heute unabhängiger, wären seine und die vieler anderer Forderungen und Vorschläge umgesetzt worden. In der Zeitschrift "Solarzeitalter 1/96" erschien ein Artikel "Das fossile Äquivalent der Solarkonstante" ab Seite 27 von Andreas Brockmöller. Darin legt der Autor dar, was geschieht, wenn die fossilen Stoffe, die sich in Jahrtausenden bildeten, in menschlichen Zeitabschnitten weniger Jahrhunderte verbrannt werden. Er nennt es sinngemäß die Rückwärtsentwicklung der Evolution, die uns und die Ökosphäre hervorbrachten. Weitere Unterlagen finden sich in Prof. Schellnhubers Werk "Selbstverbrennung" vom PIK Potsdam. Entscheider, Politiker u.a. sollten sich darüber informieren. Anstatt Kriege zu führen müssen alle zum Erhalt unserer Lebensgrundlagen beitragen - ein Beitrag zur Versöhnung!