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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 11/2024
Der Inhalt:
Leben & Kultur

Pro und Contra
Den Verkauf von Tabak schrittweise verbieten?

Die britische Regierung will den Verkauf von Tabak an junge Menschen verbieten. Langfristig soll so die gesamte Bevölkerung keine Zigaretten mehr kaufen können. Eine kluge Idee auch für Deutschland? Machen Sie mit bei unserem Pro & Contra!
vom 11.06.2024
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Schädliches Vergnügen: Würde es helfen, den Verkauf von Tabak schrittweise zu verbieten? (Foto: istock by Getty  /  isabella antonelli)
Schädliches Vergnügen: Würde es helfen, den Verkauf von Tabak schrittweise zu verbieten? (Foto: istock by Getty / isabella antonelli)

Johann Bartelt: Ja!

(Foto: Pro-Rauchfrei e.V.)»Wenn Tabak ein Virus wäre, würde die Welt alle Mittel aufbieten, um es zu stoppen«, hat Tedros Adhanom Ghebreyesus, Generaldirektor der WHO, festgestellt. Nach deren Zahlen sterben jährlich acht Millionen Menschen durch Tabak, darunter mehr als eine Million Nichtraucher, an den Folgen des Passivrauchens. Ungefähr alle vier Minuten verliert in Deutschland ein Mensch sein Leben infolge des Tabakkonsums. Das damit verbundene Leid lässt sich nicht in Zahlen fassen.

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Tabak ist das tödlichste Produkt der Welt. Die Zahl der jährlichen Tabaktoten übersteigt die Zahl der Toten durch bewaffnete Konflikte, Naturkatastrophen und der Verkehrstoten zusammen um ein Vielfaches. Sollte man nachfolgende Generationen nachhaltig vor so einem Produkt schützen? Selbstverständlich! Ein Abgabeverbot an alle nach 2008 Geborenen soll sicherstellen, dass junge Menschen, die heute noch nicht süchtig nach dem gesundheitsschädlichen Tabak sind, ihn niemals legal erwerben können.

Tabak zählt zu den gefährlichsten Drogen überhaupt, sowohl beim Suchtpotenzial als auch im Hinblick auf die gesundheitlichen Folgen. Vielen ist das nur deshalb nicht bewusst, weil Zigaretten von der Tabakindustrie mit großem Aufwand als Alltagsprodukt vermarktet werden. Tatsächlich gehört das im Tabak enthaltene Nikotin zu den Substanzen mit dem höchsten Suchtpotenzial. Zwei von drei Menschen, die erstmals eine Zigarette rauchen, entwickeln eine Abhängigkeit. Auch bei den Todeszahlen liegt Tabak vorn: Alle illegalen Drogen zusammen haben im Jahr 2023 in Deutschland 2227 Menschen getötet. Die Zahl der Tabaktoten liegt hierzulande jährlich bei etwa 127 000 und ist damit 57-mal so hoch. Hinzu kommt, dass Tabakrauch auch andere schädigt, die selbst gar nicht konsumieren möchten.

Natürlich würde es Verstöße gegen so ein Verbot geben. Das lässt sich jedoch gegen jedes Gesetz vorbringen und sollte die Politik nicht abhalten. Bereits jetzt untersagt die Tabakerzeugnisverordnung beispielsweise Menthol und andere Aromen sowie stimulierende Zusätze wie Koffein im Tabak. Verbote zum Gesundheitsschutz sind bei Tabak also nichts Neues. Die Frage ist nur, wie konsequent man sein möchte. Beim tödlichsten Produkt der Welt sollte man sehr konsequent sein.

Ein Abgabeverbot für Tabak, wie es in Großbritannien diskutiert wird, wäre auch in Deutschland zu begrüßen. Es müsste begleitet werden durch die erwiesenermaßen wirksamen Maßnahmen der Tabakkontrolle: Nichtraucherschutz, Tabaksteuererhöhungen, Werbe- und Sponsoringverbote, kein Einfluss der Tabakindustrie auf die Politik und Aufklärungskampagnen.

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Linda Heitmann: Nein!

(Foto: Pressebild © Linda Heitmann)Mit Verboten allein werden Menschen nicht vom Rauchen abgehalten und entwickeln leider trotzdem Abhängigkeitserkrankungen. Das heißt: Verbote allein sind kein wirksamer Gesundheitsschutz. Sie führen zudem häufig zu negativen Begleiterscheinungen, weil der Konsum dann erst recht im Verborgenen stattfindet und keine Gespräche über den jeweiligen Umgang damit möglich sind. Und auf dem illegalen Markt gibt es weder Suchtberatung noch Qualitätskontrollen.

Ein Verbot, wie es in Großbritannien beschlossen wurde, ist politisch ein überaus mutiger Schritt. Leider führt er allerdings auch zu einer schrittweisen Kriminalisierung von Menschen, die rauchen wollen. Zukünftige Erwachsene haben praktisch keine Möglichkeit mehr, für sich selbst über den Konsum zu entscheiden. Das ist nicht mein Ansatz.

Wirkungsvolle Prävention geht vielmehr mit Aufklärung über einen individuell gesunden Lebenswandel einher. Vor allem aber ist der Staat in der Verantwortung, gesunde Bedingungen zu schaffen. Dazu gehört beispielsweise ein komplettes Werbeverbot für Tabakprodukte, E-Zigaretten und ähnliche Produkte, und zwar an den Orten, an denen sie verkauft werden. In Deutschland wird gerade in Kiosken, Tankstellen und Tabakshops immer noch fleißig fürs Rauchen und Dampfen geworben. Wirksame Rauchprävention heißt für mich auch, Sponsoring und die Abgabe von kostenfreien Werbegeschenken der Tabakindustrie etwa auf Festivals zu beenden.

Mit macht es große Sorge, dass insbesondere die Zahl der jugendlichen E-Zigaretten-Raucher*innen in Deutschland steigt. Das ist kein Zufall. Die Tabakindustrie versucht Jugendliche etwa mit süßen Aromen und cool klingenden Produktnamen von Liquids und Vapes zu ködern. Gleichzeitig erklärt sie stets, E-Zigaretten seien unschädlicher als herkömmliche Zigaretten und ein gutes Rauchentwöhnungsprodukt – ohne dass es aber Anstrengungen gäbe, diese tatsächlich als Ausstiegsprodukt medizinisch überprüfen und anerkennen zu lassen. Das ist unehrlich!

Nikotin ist eines der stärksten Suchtmittel, es macht nachweislich körperlich und psychisch abhängig. Wir müssen die Industrie daran hindern, jugendliche Nichtraucher*innen zum Raucheinstieg zu motivieren. Ich begrüße es daher sehr, dass die britische Regierung auch Einschränkungen plant, um E-Zigaretten unattraktiver für Jugendliche zu machen. Als Gesundheitspolitikerin befürworte ich auch eine Verteuerung von Tabakprodukten sowie nikotinhaltige Alternativen. Gerade bei Jugendlichen spielt der Preis eine wichtige Rolle bei der Konsumentscheidung.

Personalaudioinformationstext:   Johann Bartelt ist Jurist und Landesleiter Berlin des Verbands Pro Rauchfrei.

Linda Heitmann ist Bundestagsabgeordnete der Grünen. Zuvor leitete sie die Hamburgische Landesstelle für Suchtfragen.
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