Zur mobilen Webseite zurückkehren
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 19/2019
Abschied von Gandhi
150 Jahre nach seiner Geburt herrschen in Indien Gewalt und Fanatismus
Der Inhalt:

Pro und Contra: Ein Rettungsschiff der Kirche?

vom 08.10.2019
Die Europäische Union hat die staatliche Seenotrettung im Mittelmeer eingestellt. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) will nun ein eigenes Rettungsschiff schicken. Ist das eine sinnvolle Hilfsaktion?
Krisenherd Mittelmeer: Wann hört das Sterben auf? (Foto: pa/Sisto/Fotogramma)
Krisenherd Mittelmeer: Wann hört das Sterben auf? (Foto: pa/Sisto/Fotogramma)

Heinrich Bedford-Strohm:

Ja, das sichert Menschenrechte!

Das Vorhaben der EKD, in einem breiten Bündnis Spenden für ein neues Seenotrettungsschiff zu sammeln und dieses Schiff den erfahrenen Seenotrettern zum Betrieb zu überlassen, ist Teil einer Gesamtstrategie diakonischen Handelns der Kirche.

Dieser Artikel stammt aus Publik-Forum 19/2019 vom 04.10.2019, Seite 8
Abschied von Gandhi
Abschied von Gandhi
150 Jahre nach seiner Geburt herrschen in Indien Gewalt und Fanatismus

In unserem internationalen Netzwerk begleiten wir Menschen, die sich auf den Weg machen wollen, schon im Ursprungsland. Dazu gehört das Aufzeigen von Perspektiven im eigenen Land als Alternative zum gefährlichen Weg durch die Wüste. Viele sterben auf diesem Weg oder landen in den schlimmen Lagern in Libyen. Inzwischen hat sich bei fast jedem herumgesprochen, dass es im tiefen Widerspruch zu allen Menschenrechtsstandards steht, gerettete Menschen dorthin zurückzuschicken.

Andere Länder in Nordafrika – das hat der Bundesinnenminister gerade deutlich gemacht – stehen gar nicht zur Verfügung. Eine realistische Alternative zur Anlandung in Europa bleiben die Kritiker der Seenotrettung also schuldig. Mit Verantwortungsethik haben ihre kritischen Einsprüche deswegen nichts zu tun. Die Zahl der im Mittelmeer geretteten Flüchtlinge ist im Vergleich zu den Flüchtlingen auf den sonstigen Wegen nach Europa minimal. Einen nennenswerten Pull-Effekt hat bisher niemand belegen können. Wenn es endlich gelingt, einen verlässlichen europäischen Verteilmechanismus für gerettete Menschen zu etablieren, können die Geretteten in jedem Falle in die vielen europäischen Städte gebracht werden, die sich ausdrücklich zur Aufnahme bereit erklärt haben. So kann Europa seinen Teil der Verantwortung für die Bewältigung der weltweiten Flüchtlingsbewegungen übernehmen. Sie ertrinken zu lassen ist keine Alternative, jedenfalls keine, die mit christlichen Grundorientierungen vereinbar wäre. Deswegen ist es richtig, die zivile Seenotrettung aktiv zu unterstützen.

Richard Schröder:

Nein, das ist nur Symbolpolitik!

Menschen aus Seenot zu retten und an einen sicheren Ort zu bringen ist Menschenpflicht. Die privaten Seenotretter – ob von der Kirche unterstützt oder nicht – erbringen aber eine Dienstleistung, für die die Migranten die Schlepper teuer bezahlt haben: sichere Überfahrt und illegale Einreise nach Europa. Zu uns kommen nicht die Elendsten, sondern Zahlungsfähige.

Anzeige

Wolfgang Kessler: Die Kunst, den Kapitalismus zu verändern

»Sagenhaft aufrüttelnd«. Friedhelm Hengsbach SJ. »Ein Buch für alle, die in diesem Land etwas verändern wollen.« Stephan Hebel ... /mehr

Doch Seenotrettung ist eigentlich eine staatliche Aufgabe. Wenn Kirchen und private Vereine Seenotrettung praktizieren, kann das nur als vorläufiger Ersatz gerechtfertigt werden. Denn die Europäische Union hat bisher keine Lösung zustande gebracht, die dem Ertrinken im Mittelmeer ein Ende setzt, ohne Anreize für weitere lebensgefährliche Überfahrten zu schaffen. Weder Kirchen noch private Vereine dürfen Aufenthaltsrechte verleihen.

Wenn Kommunen sich zu »sicheren Häfen« erklären oder die EKD ein Rettungsschiff schickt, ist das bloß Rhetorik, die falsche Hoffnungen weckt. Private Seenotretter brauchen die verbindliche Zusage von Staaten, dass sie die Geretteten aufnehmen. Eine endgültige Lösung ist das aber nicht, da sie das verbrecherische Schlepperunwesen nicht beendet. Dies bräche sofort zusammen, wenn alle hochseeuntauglichen Boote beziehungsweise ihre Insassen nach Afrika zurückgebracht würden.

Aus Seenot gerettet zu sein begründet kein Bleiberecht in Europa. Die Geretteten müssen anerkannte Fluchtgründe vorweisen. Besser als ein Rettungsschiff der Kirche wäre es also, wenn afrikanische Flüchtlinge und Einwanderungswillige von einem sicheren Ort in Afrika ihre Anträge auf Einreise nach Europa stellen könnten. Bei Genehmigung wäre eine sichere Überfahrt kein Problem. Wir empören uns zu Recht über das Ertrinken im Mittelmeer. Das Verdursten in der Sahara übersehen wir.

Umfrage: Stimmen Sie ab!

Ein Rettungsschiff der Kirche?

Die Europäische Union hat die staatliche Seenotrettung im Mittelmeer eingestellt. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) will nun ein eigenes Rettungsschiff schicken. Ist das eine sinnvolle Hilfsaktion?
Kommentare
Ihr Kommentar
Noch 1000 Zeichen
Wenn Sie auf "Absenden" klicken, wird Ihr Kommentar ohne weitere Bestätigung an Publik-Forum.de verschickt. Sie erhalten per E-Mail nochmals eine Bestätigung. Der Kommentar wird veröffentlicht, sobald die Redaktion ihn freigeschaltet hat. Auch hierzu erhalten Sie ein E-Mail. Siehe dazu auch Datenschutzerklärung.

Mit Absenden des Kommentars stimmen Sie der Verarbeitung Ihrer Daten zur Bearbeitung des Kommentars zu. Zum Text Ihres Kommentars wird auch Ihr Name gespeichert und veröffentlicht. Die E-Mail-Adresse wird für die Bestätigung der Bearbeitung genutzt. Dieser Einwilligung können Sie jederzeit widersprechen. Senden Sie dazu eine E-Mail an [email protected].

Jeder Artikel kann vom Tag seiner Veröffentlichung an zwei Wochen lang kommentiert werden. Publik-Forum.de behält sich vor, beleidigende, rassistische oder aus anderen Gründen inakzeptabele Beiträge nicht zu publizieren. Siehe dazu auch Netiquette.
Mantey
15.10.201915:24
Das ist nicht eine Aufgabe der Kirche, damit werden nur die Schleuser weiter motiviert.
Es muss verhindert werden, dass die "Schiffbrüchigen" in die offene See gelangen.
Nado
15.10.201909:57
Ich finde das eine gute Sache, dass die Kirche was für die Flüchtlinge tut. Annelies Hegnauer, unserer [url=https://www.kirchenpflege.ch]Kirchenpflege[/url] steht auch für die Würde eines jeden Menschen, unabhängig von Herkunft und Lebensentwurf.
Hans Uwe Müller
15.10.201905:27
... das kirchliche Rettungsschiff ist ein Muss, wenn die staatlichen Einrichtungen dazu nicht Willens und in der Lage sind.
Alexandra Wagner
11.10.201915:56
Wie wäre es mit einer Brücke bei Gibraltar?! Das wäre einfacher und kann als Staumauer bei steigenden Meeresspiegel ausgebaut werden. - Ich finde es, super wenn die ev. Kirche jetzt die Seenotrettung übernimmt und Asyl vermittelt. Es gäbe natürlich noch viel mehr zu tun, um die Ungerechtigkeit in der Welt auszugleichen. <3
Franz Foltz7
10.10.201913:17
Die Position der EKD ist verständlich, aber wir dürfen die Augen nicht vor den Fluchtursachen und dem kriminellen Schleppertum verschließen. Insofern ist die Argumentation von Herrn Schröder schlüssig. Menschenwürdige Aufnahmezentren in Afrika sind sicher der bessere Weg die Migration nach Europa zu steuern. In diesen Zentren gäbe es viele sinnvolle Aufgaben für die EKD.
Hartmut Nötzig
09.10.201901:50
Schade: Diese Idee hätte die katholische Kirche vor 1 1/2 Jahren haben sollen, um dann ein Rettungsschiff mit dem Namen "Maria Immacolata" unter der Flagge des Vatikans ins Mittelmeer zu schicken! Wie hätte wohl die damalige italienische Regierung reagiert, vor allem ihr Innenminister Salvini, der sich nicht scheute, seine Politik der "porti chiusi" mit Anrufung der Madonna und mit Kreuz- und Rosenkranz-Küssen zu bekräftigen??
Hartmut Nötzig
Hanjo von Wietersheim
06.10.201916:44
Es kann nicht sein, dass wir Menschen ertrinken lassen oder in KZ-ähnliche Gefängnisse zurückbringen.
Auch wenn wir derzeit nicht wissen, wie wir sie dauerhaft unterbringen können: Ertrinken lassen ist keine Alternative.
Ich bin Mitglied in einer Freiwilligen Feuerwehr. Hier wird zu Recht viel Geld ausgegeben, damit Menschen gerettet werden. Es will mir nicht in den Kopf, dass das für Menschen aus anderen Ländern nicht gelten soll.
Hanjo von Wietersheim