Pro und Contra
Olympia nach Deutschland holen?

Max Deisenhofer: Ja!
Olympische und Paralympische Spiele in Deutschland, ja vielleicht sogar in München? Wer die Historie meiner Partei verfolgt, der weiß, dass wir uns solche Entscheidungen nicht leicht machen. In der Vergangenheit haben wir Grüne uns in Stadt, Land und Bund bei Sportgroßereignissen an exotischen Austragungsorten, mit drastischem Flächenfraß oder unter fragwürdigen Autokraten oft und zu Recht an die Spitze der Widerstandsbewegung gesetzt. Beim Bürgerentscheid um Olympische Winterspiele 2022 in München und Bayern noch klar dagegen, haben wir uns als Landtagsfraktion diesmal sehr deutlich für eine Bewerbung 2036, 2040 oder 2044 ausgesprochen – unter einer Bedingung: wenn die Bevölkerung es will. Mit einem Votum von 66,4 Prozent bei einer Rekordbeteiligung von 42 Prozent der Wahlberechtigten haben die Münchnerinnen und Münchner uns einen klaren Auftrag erteilt. Genau das unterscheidet diesen Bewerbungsprozess auch von vielen der Vergangenheit: Die Bevölkerung wurde gefragt, und sie will die Spiele.
Wir sprechen von Sommer- statt Winterspielen, für uns Grüne in Anbetracht der Auswirkungen auf Mensch und Natur ein maßgebliches Kriterium. Das Konzept in München setzt überwiegend auf Sportanlagen, die bereits bestehen, nicht auf solche, die erst noch zu bauen sind. Ein Konzept der kurzen Wege mit dem seit den Sommerspielen 1972 bestehenden Olympiapark als Herzstück. Nahezu die Hälfte aller Sportarten würde hier ausgetragen. Insgesamt 90 Prozent der Sportstätten liegen weniger als 30 Kilometer zum geplanten olympischen Dorf entfernt. Falls München nicht den Zuschlag erhalten sollte, sondern sich die DOSB-Mitgliederversammlung im September 2026 für eine andere Ausrichterstadt entscheidet, so gilt auch hier: Wir benötigen dringend eine positive Perspektive für unser Land, wir haben die Chance, ein Fest der Völkerverständigung zu feiern, und wir wollen unsere Kinder in Bewegung bringen. Diesen Impuls kann die Aussicht auf Olympische und Paralympische Spiele in Deutschland leisten und sie kann neue Investitionen in Sportstätten und die städtische Infrastruktur freisetzen, die in dieser Dimension sonst nicht möglich wären.
Ich respektiere die Kritik an internationalen Sportorganisationen wie dem IOC und teile sie oft sogar. Sich in der Konsequenz aber gar nicht mehr für Sportgroßereignisse zu bewerben, halte ich für falsch. Dann überlassen wir den autokratischen Ländern das Feld und führen die immer gleichen Boykottdiskussionen. Mein Umdenken hat spätestens 2024 eingesetzt: Die Spiele in Paris haben gezeigt, wie es besser gehen kann.
Felix Hälbich: Nein!
Olympische Spiele in Deutschland werden gerne als nachhaltig verkauft – als Chance für Sport, Infrastruktur und internationale Aufmerksamkeit. Aus unserer Sicht ist dies eine Illusion. Denn das Grundproblem bleibt: Olympische Spiele sind ein Megaevent, das enorme Ressourcen frisst, Flächen beansprucht und am Ende teurer wird als versprochen. So waren die Kosten für die Olympischen Spiele in Paris 2024 am Ende fast dreimal so hoch wie ursprünglich geplant. Analysen zeigen, dass Wirtschaftseffekte häufig gering ausfallen oder überbewertet werden.
Nachhaltiger wirtschaftlicher Aufschwung entsteht dort, wo gezielt in soziale und ökologische Infrastruktur investiert wird – nicht in ein temporäres Event. Am gravierendsten sind aber die ökologischen Folgen. Neubauten für Sportstätten, Medienzentren, provisorische Unterkünfte und Sicherheits- und Parkflächen führen zu Flächenverbrauch und Bodenversiegelung. Hinzu kommen erhöhte Emissionen durch Bau- und Verkehrsaufkommen.

Olympische Spiele erzeugen damit enormen Druck auf Flächen und Stadtentwicklung. Selbst wenn bestehende Sportstätten genutzt werden, führt ein solches Ereignis zu neuen Bauprojekten und Eingriffen in Natur und Landschaft. Was heute als temporär geplant wird, bleibt morgen als Beton, Straße oder Versiegelung bestehen.
In allen bisherigen Gastgeberstädten blieb das Nachhaltigkeitsversprechen der Organisatoren hinter den tatsächlichen Auswirkungen zurück. Auch die Olympiabewerbung Münchens soll angeblich nachhaltiger sein als frühere Projekte. Dabei ist München schon jetzt eine der am stärksten beanspruchten Metropolen Europas. Olympia würde zu mehr Verkehr, höherem Druck auf Wohnraum, steigenden Mieten und größeren sozialen Ungleichheiten führen. Zudem schafft das IOC mit seinen Knebelverträgen Abhängigkeiten: Städte geben Rechte ab und tragen das finanzielle Risiko, während die Gewinne das IOC einstreicht – häufig sogar steuerfrei.
In einer Zeit, in der wir den Klimaschutz ernst nehmen, bezahlbaren Wohnraum schaffen und öffentlichen Verkehr zukunftssicher ausbauen müssen, ist Olympia ein falsches Signal. Unsere Städte brauchen kein einmaliges Megaevent, sondern dauerhafte Investitionen in soziale Infrastruktur und ökologische Resilienz. Olympische Spiele sind kein nachhaltiges Projekt im Sinne einer generationengerechten Zukunft. Der BUND Naturschutz ist nicht gegen Sport und Bewegung.
Wenn Deutschland aber wirklich Vorreiter sein will, dann mit einer konsequenten Politik für Natur, Klima und soziale Gerechtigkeit.
Max Deisenhofer ist sportpolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion im bayerischen Landtag.
Felix Hälbich ist Referent beim BUND Naturschutz in Bayern.




