Pro und Contra
Das Recht auf Teilzeitarbeit beschränken?

Holger Schäfer: Ja!
Demografisch bedingt schrumpft das Arbeitskräftepotenzial in Deutschland dramatisch. Der Höhepunkt kann spätestens 2031 erwartet werden. Dann erreicht der mit 1,4 Millionen Menschen geburtenstärkste Jahrgang 1964 das Renteneintrittsalter. Er muss am Arbeitsmarkt durch einen Jahrgang ersetzt werden, der nur noch rund 700 000 Personen zählt. Es bleibt nicht mehr viel Zeit zum Handeln.
Es gibt drei Optionen, dem entgegenzuwirken: Erstens mehr Fachkräftezuwanderung, zweitens den Anteil der Bevölkerung zu erhöhen, die am Arbeitsmarkt aktiv ist – und drittens die Verlängerung der Pro-Kopf-Arbeitszeit. Bei der Zuwanderung wurde schon vieles auf den Weg gebracht. Die Erwerbsbeteiligung lässt sich bestenfalls mittelfristig erhöhen. Der Verlängerung der Arbeitszeit kommt daher besondere Bedeutung zu. Und die am niedrigsten hängende Frucht ist dabei der hierzulande große Anteil Teilzeitbeschäftigter.
Doch nicht die Politik bestimmt über die Arbeitszeiten, sondern Beschäftigte und Betriebe autonom und eigenverantwortlich. Die Politik kann nur Rahmenbedingungen schaffen, unter denen die Ausweitung der individuellen Arbeitszeit attraktiv wird. Das ist keine Frage der Moral, sondern von ökonomischen Kalkülen. Der Gesetzgeber kann nicht unterscheiden, ob jemand Teilzeit arbeiten möchte oder aufgrund diverser Umstände muss. Und sollte es auch nicht versuchen.
Zu den Rahmenbedingungen für mehr Arbeit gehören in erster Linie eine bessere Infrastruktur zur Kinderbetreuung und eine verringerte Abgabenlast. Befragungen zeigen, dass Menschen bereit sind, mehr zu arbeiten – wenn es sich stärker für sie lohnt. Darüber hinaus sind aber auch Fehlanreize in den Blick zu nehmen, die Teilzeit- statt Vollzeitarbeit fördern. Der Rechtsanspruch legt fest, dass Arbeitnehmer ihre Arbeitszeit im Zweifel auch gegen den Willen des Betriebes beliebig verkürzen können. Angesichts eines Teilzeitanteils von 40 Prozent ist das ein Anachronismus vom Anfang der 2000er-Jahre, als man sich noch von der Teilzeit erhoffte, einen Beitrag zur Umverteilung des Arbeitsvolumens auf mehr Köpfe und damit zur Reduzierung der Arbeitslosigkeit zu leisten.
Es geht nicht um ein Verbot von Teilzeitarbeit. Auch ohne den Rechtsanspruch werden Arbeitnehmer künftig in Teilzeit arbeiten können, und sie werden ihre Arbeitszeitpräferenz auch nicht rechtfertigen müssen. Schon gegenwärtig sind die meisten Betriebe bemüht, den Arbeitszeitwünschen ihrer Beschäftigten nachzukommen, mit fortschreitender Arbeitskräfteknappheit werden es künftig noch mehr sein.

Lucia Lagoda: Nein!
Die Forderung der Mittelstands- und Wirtschaftsunion, das Recht auf Teilzeit einzuschränken, hat unnötig Unruhe in unsere Gesellschaft gebracht. Nur bei Angabe besonderer Gründe wie der Erziehung von Kindern könne eine Ausnahme gemacht werden. Der Antrag verweigert vielen Beschäftigten die angemessene Wertschätzung.
Vieles bleibt zudem unklar: Was umfasst die Erziehung von Kindern, wo beginnt und wo endet sie? Wenn Eltern keinen Kitaplatz für ihr Kind bekommen – müssen dann trotzdem beide in Vollzeit arbeiten? Wer legt die Kriterien für künftige Teilzeitverträge fest? Und was ist mit den Menschen, die nach vielen Jahren Schichtarbeit diese körperlich nicht mehr schaffen? Was, wenn eine häusliche Pflegesituation jahrzehntelang anhält? Gibt es zeitliche Begrenzungen in der Teilzeitarbeit, und wer maßt sich eine Entscheidung darüber an?
Der Begriff »Lifestyle-Teilzeit« hat viele Beschäftigte beleidigt. Häufig arbeiten Frauen in Teilzeit, weil sie Familien- und Pflegearbeit leisten. Manchmal bekleiden sie zusätzlich Ehrenämter und übernehmen für die Gesellschaft wichtige Aufgaben. Sie verzichten auf Gehalt, Rentenansprüche und Aufstiegschancen. Das Recht auf Teilzeit hat überhaupt erst dazu geführt, dass Frauen Familien- und Erwerbsarbeit miteinander vereinbaren können. Viele Frauen würden gerne mehr arbeiten, scheitern aber an den Rahmenbedingungen. Hinzu kommt, dass viele Stellen, zum Beispiel in Erziehungsberufen, oft gar nicht in Vollzeit angeboten werden.
Die Forderung nach weniger Teilzeit verkennt gesellschaftliche Realitäten sowie Notwendigkeiten in der Arbeitswelt. Die wenigsten, die keine Fürsorgearbeit leisten und trotzdem in Teilzeit arbeiten, tun dies aus Lifestyle-Gründen. Oft haben sie gesundheitliche Einschränkungen oder arbeiten unter Bedingungen, die sie permanent an ihr Limit bringen. Müssen solche Gründe demnächst dem Arbeitgeber offengelegt werden? Viele Teilzeitkräfte haben außerdem eine zentrale Bedeutung für Branchen wie die Gastronomie, die Pflege und das Dienstleistungsgewerbe. Es ist ein Trugschluss, dass die Beschränkung des Rechts auf Teilzeit die Produktivität fördert und den Fachkräftemangel behebt.
Wenn Teilzeit-Beschäftigte länger arbeiten sollen, müssen die Rahmenbedingungen stimmen. Es braucht mehr und bezahlbare Betreuungsangebote für Kinder und Pflegebedürftige. Außerdem: Die Förderung der wirtschaftlichen Eigenständigkeit von Frauen, Steuergerechtigkeit, ein leichterer Zugang für Migrantinnen und Migranten zum Arbeitsmarkt und bessere Bedingungen für eine partnerschaftliche Aufgabenteilung. Wer sich dazu entscheidet, in Teilzeit zu arbeiten, muss dies ohne Rechtfertigungsdruck tun dürfen.
Holger Schäfer ist Senior Economist beim Institut der deutschen Wirtschaft. Dort ist er Experte für empirische Arbeitsmarktforschung.
Lucia Lagoda ist stellvertretende Vorsitzende der katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands.
Das Recht auf Teilzeitarbeit beschränken?




Pro und Contra
Dieter Rathgeber 13.03.2026:
Es ist immer leicht, andere Themen vorzuschieben. Aber Familienpolitik beginnt bei der Gleichheit von Mann und Frau. Natürlich geht es immer um Finanzen. Auch hier geht es darum, was dem Staat oder besser uns, der Gemeinschaft, Schwangerschaft, Kinder und Bildung wert sind. Bei guter Gleichheit können die Partner selbst entscheiden, wie sie ihr Leben gestalten wollen.
Rainer Krems 13.03.2026:
In der Diskussion fehlt mir der Aspekt, dass Menschen in Teilzeit arbeiten, denen »Zeitwohlstand« wichtiger ist als materieller Konsum. Die Genügsamkeit steht ebenfalls in der Kritik (»Konsumneigung zu gering, Sparquote zu hoch«). Die öffentliche Diskussion liest sich, als gehöre es zu den Bürgerpflichten, hüben wie drüben zum Wachstum möglichst viel beizutragen.
Günther Hoffmann 13.03.2026:
Es ist schon merkwürdig: Früher sah man es positiv, wenn ein Elternteil mehr zu Hause blieb um der Kinder und der Familie willen. Heute gilt das zumindest bei christlichen Politikern fast als unmoralisches Sozialvergehen. Um Kinder und Familie geht es denen wohl gar nicht. Im Gegenteil: Jetzt ist es auf einmal ein Ideal, wenn Frauen möglichst schnell nach der Entbindung wieder voll ans Fließband oder ins Büro zurückkehren und die Kinder – dank umfassender Betreuungsangebote und besserer Rahmenbedingungen – möglichst früh ganztags kollektiviert werden. Wie in der DDR.
Albert Huber 13.03.2026:
Meine Tochter arbeitet teilweise über 70 Stunden pro Woche als Ärztin in einem Krankenhaus. Sie reduziert jetzt ihre Stunden auf 80 Prozent, um sich vor diesem kranken System zu schützen. Ich denke, dieses Recht der Teilzeitarbeit sollte auch weiterhin gelten, um die eigene Gesundheit nicht zu gefährden.
Rainer Krems 21.02.2026, 10:23 Uhr:
In der Diskussion fehlt mir der Aspekt, dass Menschen in Teilzeit arbeiten, denen "Zeitwohlstand" wichtiger ist als materieller Konsum. Diese Genügsamkeit stets ebenfalls in der Kritik ("Konsumneigung zu gering, Sparquote zu hoch"). Die öffentliche Diskussion liest sich, als gehöre es zu den Bürgerpflichten, hüben wie drüben zum Wachstum möglichst viel beizutragen.
Dieter Rathgeber 20.02.2026, 09:08 Uhr:
Es ist immer leicht andere Themen vorzuschieben. Aber Familienpolitik beginnt bei der Gleichheit von Mann und Frau. Natürlich geht es immer um Finanzen. Auch hier geht es darum, was dem Staat oder besser uns der Gemeinschaft Schwangerschaft, Kinder, Bildung Wert ist. Bei guter Gleichheit können die Partner selbst entscheiden wie sie ihr Leben gestalten wollen
Günther Hoffmann 20.02.2026, 07:13 Uhr:
Es ist schon merkwürdig: Früher sah man es positiv, wenn ein Elternteil mehr zu Hause blieb um der Kinder und um der Familie willen. Heute gilt das zumindest bei christlichen Politikern fast als unmoralisches Sozialvergehen. Um Kinder und Familie geht es denen wohl gar nicht. Im Gegenteil: Jetzt ist es auf einmal ein Ideal, wenn Frauen möglichst schnell nach der Entbindung wieder voll ans Fließband oder ins Büro zurückkehren und die Kinder - dank umfassender Betreungsangebote und besserer Rahmenbedingungen - möglichst früh ganztags kollektiviert werden. Wie in der DDR. "Das ist keine Frage der Moral, sondern von ökonomischen Kalkülen."(Holger Schäfer)
Albert Huber 19.02.2026, 20:09 Uhr:
Meine Tochter arbeitet teilweise über 70 Stunden pro Woche als Ärztin
in einem Krankenhaus. Sie reduziert jetzt ihre Stunden auf 80%, um sich vor diesem kranken System zu schützen. Ich denke dieses Recht der Teilzeitarbeit sollte auch weiterhin gelten, um die eigene Gesundheit nicht zu gefährden.
Martin Vogell 17.02.2026, 21:02 Uhr:
Mit seiner Forderung nach Beschränkung des Rechts auf Teilzeitarbeit widerspricht sich Holger Schäfer selbst, heißt es doch in seiner Stellungnahme ganz deutlich
"Die Politik kann nur Rahmenbedingungen schaffen, unter denen die Ausweitung der individuellen Arbeitszeit attraktiv wird."
Das wiederum ist doch genau die Kernforderung von Lucia Lagoda - oder habe ich da etwas falsch verstanden?