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Pro und Contra
Sollten Hausaufgaben abgeschafft werden?

Manche Kinder haben ein eigenes Zimmer und Eltern, die helfen. Anderen fehlen diese Privilegien. Verstärken Hausaufgaben soziale Ungerechtigkeit?
vom 13.01.2026
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 (Foto: istockphoto/South_agency)
(Foto: istockphoto/South_agency)

Nicole Gohlke: Ja!

Nicole Gohlke ist stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Fraktion Die Linke im Bundestag und Sprecherin für Bildung und Wissenschaft. (Foto: Büro Gohlke)Jeden Nachmittag kämpfen Millionen Familien mit Tränen, Streit und Frust. Das ist die Realität von Hausaufgaben in Deutschland. Für viele ist es Alltag, dass Eltern über den Matheaufgaben ihrer Sprösslinge sitzen oder Kinder mit Bauchschmerzen am Küchentisch verzweifeln. Aber macht das wirklich klüger? Nein, sagt die Wissenschaft eindeutig. Forschende wie Bernhard Wittmann, Johann Gängler oder John Hattie liefern seit Jahrzehnten klare Zahlen. Der Lernfortschritt durch Hausaufgaben ist in ihren Studien kaum messbar. Selbst ein hoher Zeitaufwand bei den Hausaufgaben wirkt sich nicht automatisch positiv aus. Aus diesem Grund sage ich: Hausaufgaben sind ein Relikt aus der Vergangenheit, das abgeschafft werden muss.

Dieser Artikel stammt aus Publik-Forum 1/2026 vom 16.01.2026, Seite 8
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Was viele überrascht: Hausaufgaben sind Motor sozialer Ungerechtigkeit. Am heimischen Küchentisch entscheidet der elterliche Bildungsstand beziehungsweise Geldbeutel über den Bildungserfolg der Kinder – nicht etwa deren individuelle Begabung. Während Kinder aus Akademikerfamilien meist auf die Unterstützung ihrer Eltern zählen können, sind Kinder aus bildungsfernen oder einkommensschwachen Familien oft auf sich allein gestellt. Sie erhalten kaum Förderung und verlieren den Anschluss. Auch das ist wissenschaftlich belegt: Das von der Bildungsforscherin Karin Bräu herausgegebene Buch »Die verborgenen Seiten von Hausaufgaben« zeigt, dass Hausaufgaben soziale Ungleichheit verstärken, weil die ungleichen familiären Ressourcen unsichtbar bleiben und gleichzeitig in die schulische Leistungsbewertung einfließen.

Es ist kein Zufall, dass laut dem ifo-Institut gerade einmal 27 von 100 Nicht-Akademikerkindern ein Studium beginnen, während es bei Akademikerkindern 79 sind. So wandelt sich die Schule zu einem Ort, an dem die soziale Spaltung vorangetrieben wird, anstatt sie zu verkleinern. Hinzu kommt, dass Hausaufgaben für viele Familien ein täglicher Konfliktherd sind. Gerade die Kinder, die im Unterricht Probleme haben, bekommen zu Hause zusätzlichen Druck, verstehen die Aufgaben aber dadurch nicht besser und haben so nicht nur in der Schule, sondern auch daheim das Nachsehen.

Die gute Nachricht: Viele Schulen haben die heimische Paukerei bereits durch betreute Übungszeiten während der Schulzeit ersetzt. Auch Ganztagskonzepte mit integrierten Lernzeiten werden häufiger. Dort bekommen alle Kinder, unabhängig von ihrem Elternhaus, Zugang zu professioneller Unterstützung und einen verlässlichen Rahmen. Die Abschaffung von Hausaufgaben ist alternativlos! Wer Bildung als Grundrecht versteht, darf nicht zusehen, wie soziale Unterschiede das Lernen bestimmen. Lernen gehört in die Schule, und zwar ausnahmslos für alle Kinder.

Christian Tischner: Nein!

Christian Tischner (CDU) ist Thüringer Minister für Bildung, Wissenschaft und Kultur. Vor seinem Amtsantritt war er als Gymnasiallehrer tätig (Foto: Jacob Schröter)Die Debatte um die Abschaffung von Hausaufgaben wird meist unter dem Schlagwort der Bildungsgerechtigkeit geführt. Das Argument: Unterschiedliche Voraussetzungen im Elternhaus würden zu einer Vertiefung sozialer Ungleichheiten führen. Diese Sorge ist ernst zu nehmen. Doch die Schlussfolgerung, Hausaufgaben abzuschaffen, ist ein Irrtum, der das Kind mit dem Bade ausschüttet. Sie löst nicht das Problem der Ungleichheit, sondern nimmt uns ein pädagogisches Werkzeug.

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Hausaufgaben sind mehr als nur Stoffwiederholung. Sie sind ein bewährtes Mittel, um grundlegende Haltungen und Kompetenzen zu vermitteln, die für ein erfolgreiches Leben – und Lernen – notwendig sind. Hausaufgaben vermitteln Sorgfalt, Selbstständigkeit und Ausdauer. Zugleich dienen sie der Vertiefung der im Unterricht erworbenen Kompetenzen und führen das schulische Lernen weiter.

Der Unterricht in der Schule legt die Basis. Doch tief verankertes Wissen entsteht oft erst durch die nachbereitende, selbstverantwortliche Auseinandersetzung. Die Forschung zeigt, dass die kurzfristige Wiederholung des Gelernten – idealerweise am selben Tag – entscheidend für die Überführung ins Langzeitgedächtnis ist. Das Gehirn benötigt Zeit und Distanz zum Unterrichtsgeschehen, um Verbindungen stabil zu knüpfen. Zudem lernen Schülerinnen und Schüler, den eigenen Lernprozess zu planen und zu steuern. Spätestens in Studium und Arbeitswelt sind Zeitplanung und Prioritätensetzung Schlüsselqualifikationen.

Wenn Hausaufgaben zu reinen Leistungsnachweisen verkommen oder die Zeit zur Bearbeitung nicht ausreicht, wirken sie ungerecht. Die Antwort darf jedoch nicht im Verbot liegen. Stattdessen müssen wir sinnvolle Rahmenbedingungen schaffen: Hausaufgaben müssen individuell unterstützen und dürfen nicht überfordern. Dazu gehört eine methodische Vielfalt – kreative, handlungsorientierte und entdeckende Aufgaben eröffnen unterschiedliche Lernwege und fördern das Potenzial der Kinder.

Verlässliche, gut betreute Lernzeiten und Hausaufgabenbetreuungen in der Schule sind der richtige Weg, um Chancengleichheit herzustellen. Qualität in der Bildung entsteht nicht durch neue Einschränkungen für Lehrkräfte, sondern durch klare Anforderungen und Rahmenbedingungen. Die Studienlage ist eindeutig: Sinnvoll konzipierte und betreute Hausaufgaben leisten einen wichtigen Beitrag.

Wir müssen sicherstellen, dass Hausaufgaben als wertvolles pädagogisches Instrument eingesetzt werden, das Selbstständigkeit, Verantwortung und Ausdauer vermittelt – Tugenden, die unsere jungen Menschen dringend brauchen, um in einer komplexen Welt erfolgreich zu sein.

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Personalaudioinformationstext:   Nicole Gohlke ist stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Fraktion Die Linke im Bundestag und Sprecherin für Bildung und Wissenschaft.

Christian Tischner (CDU) ist Thüringer Minister für Bildung, Wissenschaft und Kultur. Vor seinem Amtsantritt war er als Gymnasiallehrer tätig.
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