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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 19/2019
Abschied von Gandhi
150 Jahre nach seiner Geburt herrschen in Indien Gewalt und Fanatismus
Der Inhalt:

Aufgefallen: Spider-Woman

von Ulrike Scheffer vom 04.10.2019
Brenda Hale, Richterin am Supreme Court Großbritanniens, erteilt Premierminister Boris Johnson eine Lektion in Demokratie

Eine solche Frau kann es nur in Großbritannien geben. Brenda Hale sieht aus wie eine etwas verschrobene Großmutter, die ihren Enkeln zum Einschlafen Gruselgeschichten vorliest: graue mittellange Haare, Lesebrille, auf dem dunklen Kleid eine untertassengroße, glitzernde Brosche in Form einer Spinne. Doch der erste Eindruck täuscht. Die 74-jährige Baroness Hale of Richmond steht voll im Berufsleben, sie ist Vorsitzende Richterin am britischen Supreme Court, dem obersten Gericht des Königreichs. Als solche hat sie Premierminister Boris Johnson einen harten Schlag versetzt. Leise im Ton, aber scharf in der Wortwahl erklärte sie die Beurlaubung des britischen Parlaments durch den Premier für gesetzeswidrig und deshalb für nichtig. Aus Sicht vieler Briten und vieler Europäer hat sie damit die britische Demokratie gerettet.

Dass ausgerechnet Hale einmal eine so herausgehobene Rolle im britischen Königreich einnehmen würde, war kaum vorauszusehen. In den Adelsstand wurde sie erst als Richterin berufen. Ihre Eltern waren Lehrer im nordenglischen Yorkshire. Anders als etwa Boris Johnson ging Brenda Hale als Kind auf eine staatliche Schule und nicht auf eine Eliteschule. Den Aufstieg in höchste Staatsämter schaffen in Großbritannien unter diesen Vorzeichen nur wenige. Hale erhielt am Ende ihrer Schulzeit jedoch ein Stipendium für Cambridge, das ihr dann doch den Zugang zur Elite ebnete.

Ihr jüngstes Urteil fällte die Richterin freilich nicht allein, sondern zusammen mit ihren Kollegen – allesamt Männer. Hale kennt es nicht anders. In ihrer langen Laufbahn war sie meist die einzige oder erste Frau, die ein bestimmtes juristisches Amt bekleidete. Ihre Karriere verdankt sie ihren herausragenden Leistungen, ihrer Bildung und der Tatsache, dass sich hinter der zierlichen Gestalt ein willensstarker Charakter verbirgt. Im britischen Oberhaus, in das Brenda Hale 2004 als Lordrichterin einzog, durfte sie sich mit einem Wappen verewigen. Es trägt den Wahlspruch: »Omnia Feminae Aequissimae«, »Frauen sind in allem gleich«.

Hale ist Feministin und bleibt gleichzeitig gewissen britischen Traditionen treu. Sie gilt als exzentrisch und hat ein Faible für große Broschen mit Tiermotiven. Mal ziert eine Raupe ihr ansonsten eher konservatives Outfit, mal ein Frosch oder eine Libelle. Zur Verkündung des Urteils zur Parlamentspause trug sie eine Spinne. Weltweit wird s

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