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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 13/2024
Der Inhalt:
Religion & Kirchen
Leben & Kultur
Gerade in der Krise sind wir auf Vertrauen angewiesen. Das Anliegen der Konferenz ist es, über die gegenwärtigen Verhältnisse hinauszublicken. (Foto: Felix Konerding)
Die Konferenz »Vertrauen – eine utopische Praxis?« in Lüneburg will das Vertrauen der Menschen in die Zukunft stärken. Wie geht das? Fragen an den Organisator Sven Prien-Ribcke./mehr

Pro und Contra
Pferdesport bei Olympia?

Verstörte Pferde mit Nasenbluten und Peitschenhiebe – der Hochleistungssport mit Pferden hat keinen guten Ruf. Kann der Wettbewerb so reformiert werden, dass er mit dem Tierwohl vereinbar ist?
vom 09.07.2024
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Partnerschaft oder Ausbeutung? Vielseitigkeitsreiter Michael Jung auf Sam bei den Olympischen Spielen 2012 in London (Foto: PA/DPA/Jochen Lübke)
Partnerschaft oder Ausbeutung? Vielseitigkeitsreiter Michael Jung auf Sam bei den Olympischen Spielen 2012 in London (Foto: PA/DPA/Jochen Lübke)

Jan Tönjes: Ja!

(Foto: Privat)Natürlich muss der Reitsport olympisch bleiben. Nicht nach dem Motto »Das haben wir immer so gemacht!«, sondern weil er faszinierend und besonders ist: der einzige Sport mit Tieren und der einzige, in dem Frauen und Männer gemeinsam auf dem höchsten Niveau konkurrieren. Ja, das geht nur, weil es die Pferde den Reiterinnen und Reitern ermöglichen. Die Kommunikation zwischen Mensch und Tier, die in den drei Reitsportdisziplinen Höchstleistungen entstehen lassen, ist der Kern des Reitsports. Das kann man nicht kaufen, auch wenn die Kommerzialisierung die größte Gefahr für den Pferdesport darstellt. Warum? Weil der Sport, und daran lässt sich nichts ändern, buchstäblich auf dem Rücken der Pferde ausgetragen wird. Wie groß die aus diesem Umstand erwachsende Verantwortung für jede Reiterin und jeden Reiter ist – übrigens ganz egal, ob olympisch ambitioniert oder verträumt am Strand unterwegs –, hat sich leider noch nicht bei allen Athleten herumgesprochen. Man mag ein Pferd bedingt kurzfristig zu etwas zwingen können, aber bei 600 Kilogramm Eigengewicht ist letztendlich das Pferd die stärkere Komponente. Als der Vielseitigkeitssport, der Mehrkampf zu Pferde, zunehmend Schlagzeilen von tödlichen Stürzen produzierte, musste sich die Disziplin neu erfinden. Das gelang: 25 Jahre später sind Ingrid Klimke, Michael Jung oder Sandra Auffarth Lichtgestalten für die gesamte Reiterei. Sinnbilder für Partnerschaft und Fairness.

Dieser Artikel stammt aus Publik-Forum 13/2024 vom 12.07.2024, Seite 8
Zuversicht
Zuversicht
Was bleibt, wenn die Hoffnung schwindet

Die Gesellschaft schaut mittlerweile anders auf den Spitzensport, nicht nur im Pferdebereich. Darauf muss jede Sportart reagieren, erst recht, wenn es um Schutzbefohlene geht. Nichts anderes sind die Pferde. Verbände haben ihr Reglement entsprechend angepasst – ein fortwährender Prozess und der richtige Weg. An der Umsetzung aber hapert es. Tierschutzskandale von Olympiareitern erschüttern immer wieder die Öffentlichkeit. Dann kommt der Sport in Erklärungsnot. Die Insider – Sportlerinnen, Trainer, Funktionäre – reagieren leider zumeist falsch. Sie zaudern, stellen sich, einem Art »Ganovenehre-Kodex« folgend, vor die schwarzen Schafe, statt dafür zu sorgen, dass diese keine Chance mehr haben, Pferde weiter zu missbrauchen. Das ist bitter, das führt in die Sackgasse. Und das muss aufhören.

Der Spitzensport, und Olympia ist der Olymp für jeden Topathleten, funktioniert nur auf einer breiten Basis. Die Züchter, die teilweise ihre Stutenfamilien über Generationen gepflegt haben, kümmern sich um ihre Familienmitglieder – nur eben mit vier Beinen. Pferde sind ein Stück lebendige Kultur, sie haben dem Menschen Mobilität verliehen. Schon aus der gemeinsamen Geschichte von Mensch und Pferd gehört der Reitsport in die olympische Familie.

Hilal Sezgin: Nein!

(Foto: Pressebild Hilal Sezgin)So vieles fasziniert am Körper und Bewegungsablauf der Pferde. Ihre Kraft, ihre Anmut, das Wehen der Mähnen; dieses Sinnbild von Freiheit und Lebenslust, wenn eine Herde in großem Bogen über Wiesen und Hügel galoppiert.

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Beim Pferdesport ist es genau umgekehrt: Sein Charme liegt in der Zügelung (wortwörtlich!), in der messbaren Leistung. Der Parcours beim Springen ist durchgeplant, das Regelwerk ausgeklügelt. Statt seine Schritte selbst wählen zu dürfen, wird vom Pferd verlangt, seitwärts und rückwärts zu trippeln. Per definitionem ist Dressur das Gegenteil freier Bewegung. Die ethische Frage steht im Raum: Wer berechtigt uns, andere Lebewesen derart umfassend abzurichten und zu manipulieren?

So gesehen ließe sich der Pferdesport als Sinnbild menschlicher Naturbeherrschung interpretieren, und gewiss ist auch Dominanz dabei: die Lust, sich ein so starkes anderes Wesen zu unterwerfen. Aber für die meisten Reiterinnen und Reiter heute steht zumindest dem Selbstverständnis nach etwas anderes im Vordergrund: Sie empfinden Freundschaft zu dem Pferd. – Doch das ist ein sonderbares Verständnis von Freundschaft, wenn einer die Regeln vorgibt, und der andere auf den Millimeter genau mittun muss.

Als Herdentier will sich das Pferd mit anderen Artgenossen abstimmen – stattdessen verlangt der Reitsport von ihm, sich auf den Menschen zu konzentrieren. Pferdesportlerinnen loben das feine kommunikative Gespür des Pferdes und instrumentalisieren es im nächsten Atemzug für Gehorsam. Statt auf Weiden und Hügeln verbringen diese Hochleistungspferde viel Zeit alleine in Boxen. In Autos und Flugzeugen werden sie zu den Schauplätzen transportiert – wenn sie es so weit schaffen. Von den vielen Trainingsopfern wollen wir ja gar nicht erst sprechen oder von denen, die das »Zuchtziel« oder die geforderte Leistung nicht erreichen.

Dass auch Pferde diesen Sport genössen, dass die Bewegungen, die ihnen in olympischen Wettbewerben abverlangt werden, natürlich seien, will uns eine finanziell sehr gut ausgestattete Lobbygruppe verkaufen, und Pferdeliebhaberinnen möchten ihnen nur allzu gern glauben. Da werden neue Methoden des Pferdeflüsterns ausprobiert, da wird behauptet, dass der Zwang kein Zwang, sondern Kooperation sei. Mich erinnert das an US-amerikanische Schönheitswettbewerbe, für die kleine Mädchen in rosa Rüschenkleider gesteckt und stark geschminkt über den Laufsteg geschickt werden. Angeblich machen sie das gerne, sagen die Eltern, aber sorry: Auch wenn sie es nicht anders kennen mögen – es sind und bleiben dressierte Mädchen. Und spätestens, wenn wir das Wort Dressur auf Menschen anwenden, hören wir ja sofort, was falsch daran ist.

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Personalaudioinformationstext:   Jan Tönjes ist Chefredakteur des Pferdemagazins St. Georg und Pferdezüchter.

Hilal Sezgin ist Schriftstellerin und Philosophin mit dem Schwerpunkt Tierethik.
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Verstörte Pferde mit Nasenbluten und Peitschenhiebe – der Hochleistungssport mit Pferden hat keinen guten Ruf. Kann der Wettbewerb so reformiert werden, dass er mit dem Tierwohl vereinbar ist?
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Annalena Katrin 11.07.2024, 08:19 Uhr:
wer sich andere Individuen unterwerfen muss, um sich selbst als "sportlich" zu präsentieren, hat kaum bis null Empathie.

Generell empfinde ich das menschliche Nutzen =
Ausnutzen von Tieren > Individuen als erbärmlich und null "stark" oder als "Errungenschaft" ...lasst endlich die Tierwelt und die Natur in Ruhe

I.Hetzel 10.07.2024, 16:22 Uhr:
Es ist und bleibt Tierquälerei.

Kerstin B. 10.07.2024, 13:57 Uhr:
Tiere gehören in keinen Sport. Weder Dressur, Springen, Rennen, Hindernissrennen, Trabrennen und Militärs. Dazu schon mal garnicht Olympia mit Flug, wechselnden Reitern und den ganzen Stress.
Für viele Menschen muß mal eine Aufklärung stattfinden, was solche sachen mit den Tieren machen. Was der Mensch sich einfallen lässt um zu Gewinnen. Rollkur, Barren, scharfe gebissen.....kaputte Knochen, Rücken Verspannung bis hin zum tot. Was nur eine grobe Beschreibung dessen ist, was noch alles dazu kommt. Vegan leben, aber im Pferdesport oder als Zuschauer.....

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