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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 20/2014
Wie mich mein Glaube trägt
Von Menschen, die Gott suchen
Der Inhalt:

Norbert Coprays gesammelte Werke (5)

von Norbert Copray vom 29.10.2014
Dieses Buch sollen Katholiken nicht lesen. Jedenfalls hat das die Glaubensbehörde des Vatikans beschlossen. An katholischen Schulen und Universitäten ist es verboten. Dabei hat die US-amerikanische Ordensfrau und emeritierte Yale-Professorin Margaret A. Farley nur begründet, warum man Homosexualität, Scheidung und Formenvielfalt der Familie nicht verdammen muss. Erstaunlich! Das Buch des Monats
Vor diesem Buch warnt der Vatikan: Norbert Copray bespricht Margaret A. Farleys Streitschrift "Verdammter Sex. Für eine neue christliche Sexualmoral". (Foto: luxuz:./photocase.de/modifiziert)
Vor diesem Buch warnt der Vatikan: Norbert Copray bespricht Margaret A. Farleys Streitschrift "Verdammter Sex. Für eine neue christliche Sexualmoral". (Foto: luxuz:./photocase.de/modifiziert)

Dieses Buch stehe in einigen Punkten in »direktem Widerspruch« zu Lehren der katholischen Kirche, heißt es aus Rom. Doch gerade zur Klärung und für den Fortschritt hin zu einer neuen christlichen Sexualmoral ist das Buch erschienen. Geschrieben hat es die renommierte amerikanische Theologin Margaret Farley, Jahrgang 1935, Ordensfrau der Schwestern der Barmherzigkeit. Sie stellt einen garstigen Graben fest zwischen der gelebten Sexualität und der intimen Liebe einerseits und der katholischerseits gelehrten und abverlangten Sexualmoral andererseits.

Dieser Artikel stammt aus Publik-Forum 20/2014 vom 24.10.2014, Seite 70
Wie mich mein Glaube trägt
Wie mich mein Glaube trägt
Von Menschen, die Gott suchen

Im Englischen heißt das Buch »Just Love«, so viel wie »Einfach Liebe« oder besser noch »Nur die Liebe zählt«. Die Autorin hätte es gern auf Deutsch »Gerechte Liebe« genannt, was das Zentrum des Buches genau trifft. Doch der Verlag hat es jetzt unter dem Titel »Verdammter Sex« herausgebracht, um darin den Streit um den Inhalt und den Fortschritt in der christlichen Sexualmoral zu signalisieren. Es ist zweifelhaft, dass das der Titel leistet.

Dafür leistet die Autorin Margaret A. Farley Einiges. Sie formuliert die Begründung einer neuen christlichen Sexualmoral, wie sie seit den Büchern von Wolfgang Bartholomäus (»Lust aus Liebe«, 1993; »Glut der Begierde – Sprache der Liebe«, 1988) nicht mehr versucht wurde. Farley zieht vier Quellen zurate: die Bibel, die aber interpretationsbedürftig und umweltabhängig ist; die Tradition, die in sich widersprüchlich ist; die Wissenschaften, die vieles in neuem Licht erkennen lassen, aber selbst keine Moral lehren – und die Erfahrung, die quer zu den genannten Quellen liegt und gedeutetes Erleben und Empfinden ist.

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Sorgfältig wägt die Autorin die Quellen und zeigt, wie wir uns auch in unserer Sexualität und Sexualmoral weiterentwickeln, ohne dass wir deshalb einen »verdammten Sex« praktizieren. Bevor sie ihre Ergebnisse präsentiert, nimmt sie einen langen Anlauf durch die Geschichte, durch interkulturelle Erkenntnisse, durch Theologie und Biologie. Dadurch erarbeitet sie sich – stets im Blick auf den Zusammenhang von Sexualität, Macht und Gemeinschaft – die »Leitlinien für die Sexualethik«: Unversehrtheit, Einvernehmen, Gegenseitigkeit, Gleichheit, Verbindlichkeit, Fruchtbarkeit und soziale Gerechtigkeit. Kurz: für »gerechte Liebe und gerechten Sex«. So kennzeichnen die Leitbegriffe auch das, was sexuelle Gerechtigkeit meint.

Von daher verdammt Farley Homosexualität, Masturbation, Scheidung, Polygamie und Formenvielfalt der Familie nicht per se – wie es die Kirche tut –, sondern nur dann, wenn sie gegen die Leitlinien verstoßen. Sie widerspricht so vor allem der katholischen – mitunter auch der protestantischen –, oftmals lebensfernen Lehre. In deren Deutung von Bibel, Tradition und heutiger Praxis wird Herrschaft manifestiert statt Liebe und Barmherzigkeit – wie bei Farley.

Kommentare
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Heidrun Meding
29.10.201415:38
Gerade dann, wenn die römisch-katholische Kirche ihre Gläubigen verpflichtet, bestimme Bücher nicht zu lesen, werden diese Werke "mit größtem Interesse" verschlungen, nicht nur von Katholikinnen und Katholiken.
Der Kirchengeschichtler Hubert Wolf veröffentlichte im Jahre 2007 eine Abhandlung mit dem Titel: "Index - Der Vatikan und die verbotenen Bücher". Darin zeigt er auf, dass dieser Index geradezu verkaufsfördernd wirkte.
Die Zeiten kirchlicher Bevormundung, insbesondere durch die römische Kirche, sind lange vorbei.
Deshalb ist es zu begrüßen, wenn sich alle Interessierten ein eigenes Bild über dem Komplex "Kirche und Sexualität" machen und sich nicht von kirchlichen Verboten davon abhalten zu lassen.
Nur wer "vom Baum der Erkenntnis" gekostet hat, argumentiert selbst bestimmt und nicht angstbesetzt.