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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 24/2015
Friede auf Erden!
Navid Kermani über die Macht der Feindesliebe und das Geheimnis Gottes
Der Inhalt:

Norbert Coprays gesammelte Werke (15)

von Norbert Copray vom 05.01.2016
Woher eine neue Praxis von Glaube, Kultur und Politik kommen kann: Norbert Copray bespricht das aktuelle Werk des englischen Literaturprofessors Terry Eagleton. Unser Buch des Monats
Seit der Aufklärung versuchten die Menschen, Gott auszugrenzen, zu minimieren, ihm eine störungsfreie Funktion zuzuweisen, bis er schließlich überflüssig erscheint. Norbert Copray bespricht Terry Eagletons Werk »Der Tod Gottes und die Krise der Kultur«
Seit der Aufklärung versuchten die Menschen, Gott auszugrenzen, zu minimieren, ihm eine störungsfreie Funktion zuzuweisen, bis er schließlich überflüssig erscheint. Norbert Copray bespricht Terry Eagletons Werk »Der Tod Gottes und die Krise der Kultur«

Mit der Geburt Jesu beginnt eine tragische Geschichte. Denn Jesus kommt ans Kreuz. Doch Jesus war und ist »kein menschlicher Ersatzgott. Er ist das Zeichen, dass Gott in aller menschlichen Zerbrechlichkeit und Nichtigkeit Fleisch geworden ist. Nur indem diese Realität ganz gelebt wird, in der Erfahrung des Todes bis zum Ende, eröffnet sich ein Weg über das Tragische hinaus.« Das schreibt Terry Eagleton in seinem neuen Buch »Der Tod Gottes und die Krise der Kultur«.

Dieser Artikel stammt aus Publik-Forum 24/2015 vom 18.12.2015, Seite 62
Friede auf Erden!
Friede auf Erden!
Navid Kermani über die Macht der Feindesliebe und das Geheimnis Gottes

Der englische Literaturprofessor, Kulturphilosoph, Marxist und Katholik sieht den Tod Gottes und des Menschen in der Menschwerdung Gottes und folglich der des Menschen überwunden: »Der Tod Gottes und des Menschen und in der Folge die Geburt einer neuen Menschheit ist traditionelle christliche Lehre. In der Inkarnation erleben Gott und Mensch eine Art Kenose, eine Selbst-Demütigung, symbolisiert durch die Selbstentäußerung Christi. Erst durch diese tragische Selbstentäußerung kann eine neue Menschheit überhaupt auf ihre Geburt hoffen.« Das ist der zentrale Gedanke des Buches, das aus Eagletons Firth Lectures an der Universität in Nottingham hervorgegangen ist.

Um zu diesem Punkt zu kommen, liefert er eine dramatisch gestaltete Geschichte der Auseinandersetzung der Menschen mit Gott. Seit der Aufklärung versuchten sie, Gott zunächst auszugrenzen, zu minimieren, ihm eine störungsfreie Funktion zuzuweisen, bis er schließlich überflüssig erscheint. Dabei ging es zunächst darum, die »Machenschaften der Priester« zu bekämpfen: »Eine radikale Ablehnung des Christentums begründete sich immer in der Feindseligkeit gegenüber der Rolle der Kirche in der Politik.«

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»Sagenhaft aufrüttelnd«. Friedhelm Hengsbach SJ. »Ein Buch für alle, die in diesem Land etwas verändern wollen.« Stephan Hebel ... /mehr

Eine privatisierte Religion stört den Kapitalismus nicht

Eine privatisierte, individualisierte Religion gilt dagegen als weitgehend unschädlich. Sie stört nicht die Kreise des Kapitalismus, sofern sie nicht radikal ökologische und soziale Ausbeutung infrage stellt. Vernunft, Moral, Natur, Geist und Kultur wurden zu Stellvertretern Gottes erklärt und gemacht. »Unsere eigene Zeit ist weniger anspruchsvoll bei ihrer Suche nach Göttern aus zweiter Hand. Die derzeitige Form der Religion ist der Sport.« Sie ist »zu einem Opium fürs Volk« und zu »Volkskultur« geworden: Lebensform und Kunstfertigkeit.

Eagleton lässt etliche andernorts geäußerte Gedanken in sein Buch einfließen, sodass es auch einen Zugang zu seinem Denken insgesamt bietet. Seine Ausdrucksweise ist stark verdichtet, stilistisch hochklassig, messerscharf in der Analyse und weitsichtig in der Perspektive. Er sieht, dass der Kapitalismus »nicht nur den Säkularismus, sondern auch den Fundamentalismus« wie etwa den Islamismus hervorbringt. »Eine bemerkenswert dialektische Meisterleistung«, spottet Eagelton.

Sein Credo: Der Glaube muss aufhören, eine soziale Ordnung zugunsten der Privilegierten abzusichern. Stattdessen soll er zur prophetischen Kritik an einer Politik zurückkommen, wie sie etwa Papst Franziskus geißelt. Dann kann es zur »Solidarität mit den Armen und Machtlosen« kommen, aus der »eine neue Struktur von Glaube, Kultur und Politik hervorgehen« wird.

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