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Norbert Coprays gesammelte Werke (6)

von Norbert Copray vom 21.02.2015
Viele Menschen halten Kirchengeschichte für ein langweiliges Thema. Doch das stimmt nicht immer. Wie Kirchengeschichte auch ganz anders erzählt, gedeutet und für Reforminteressen herangezogen werden kann, zeigt der Bestsellerautor und Münsteraner Kirchengeschichtsprofessor Hubert Wolf mit seinem neuen Werk »Krypta«. Das Buch des Monats
Hubert Wolf, Kirchenhistoriker an der Universität Münster, deckt unterdrückte Traditionen der Kirchengeschichte auf - mit geradezu kriminalistischem Spürsinn. Sein aktuelles Buch trägt den Titel "Krypta".
Hubert Wolf, Kirchenhistoriker an der Universität Münster, deckt unterdrückte Traditionen der Kirchengeschichte auf - mit geradezu kriminalistischem Spürsinn. Sein aktuelles Buch trägt den Titel "Krypta".

Krypta (von griechisch: das Verborgene) ist die oft unter dem Altar gelegene, früher geheime Grabstelle für Bischöfe, Würdenträger oder Herrscherfamilien.

Wolf nimmt die Leser in seinem Buch mit auf eine Expedition in die verdrängten und umgedeuteten Traditionen der katholischen Kirche, von der die protestantischen Ereignisse nicht ganz unberührt gebleiben sind. Dabei deckt er auf, wie oft und bei welchen entscheidenden Themen die historischen Vorgänge umgedeutet und in eine Pseudohistorie verwandelt wurden – im Interesse bestimmter Herrschercliquen in der Kirche und auf Kosten einer offeneren Kirche, in der echter Dialog, wirkliche Mitbestimmung der Gläubigen und Pluralität möglich gewesen wären.

Geschichtsklitterei, die Verschleierung von Tatsachen, die Verdrehung von Prozessen und die Pervertierung der ursprünglichen christlichen Botschaft sind nicht selten. So etwa im Umgang mit Franz von Assisi, den sich der heutige Papst zum Namenspatron gewählt hat. Wolf kann exakt belegen, wie die ursprüngliche Intention des Franz von Assisi zunächst von der Kirche angenommen, dann vereinnahmt und schließlich in ihr Gegenteil verdreht und durch seine Heiligsprechung spiritualisiert und verharmlost worden ist: von Papst, Kardinälen und Bischöfen. Die charismatische Gemeinschaft der franziskanischen Brüder wurde »verkirchlicht« und »klerikalisiert«. Aus der »Option einer Kirche der Armen« wird eine gezähmte, institutionalisierte und von der Kirchenleitung kontrollierte Gemeinschaft. Doch die »Sprengkraft der Utopie« bleibt. Wolf ist gespannt darauf, welche Konzeption sich beim Papst durchsetzen wird: das Papstamt oder Franziskus.

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In ähnlicher Weise gräbt Wolf auch andere verschüttete Traditionen aus: die Wahl des Bischofs und des Priesters durch die Gemeinde; die Bevollmächtigung von Frauen für priesterliche Aufgaben; die Einbindung des Bischofs in die kollegiale Führung eines Bistums; die Einbindung des Papstes in konziliare Entscheidungsprozesse; das Prinzip vom »Primat der kleineren Einheit« (Unterstützung durch die übergeordneten Ebenen, nicht deren Dominanz); der Eigenstand der Laien; die pseudohistorische Mythologisierung des Konzils von Trient zum Maßstab für einen angeblich korrekten Katholizismus durch ultrakonservative Kirchenkreise.

Selten ist ein kirchengeschichtliches Buch so gut zu lesen. Wolf versteht es ausgezeichnet, einen guten Schreibstil, inhaltsreiche Darstellung, kritische Aufarbeitung und eine historisch begründete Reformperspektive zu verknüpfen. Die historische Wahrheit ist ein wichtiger Fundus für die innerkirchliche Kritik.

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