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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 13/2016
Europäische Union: Auf der Suche nach dem neuen Wir
Der Inhalt:

Norbert Coprays gesammelte Werke (22)

von Norbert Copray vom 14.07.2016
In ganz Europa werden rechtspopulistische Strömungen stärker. Wie durchschaut man die Strategien rechter Denker? Norbert Copray bespricht Ruth Wodaks Buch »Politik mit der Angst«
Das Buch des Monats: Ruth Wodak schreibt über die neue »Politik mit der Angst« in Europa.
Das Buch des Monats: Ruth Wodak schreibt über die neue »Politik mit der Angst« in Europa.

Der Rechtspopulismus nimmt in Europa enorme Ausmaße an. Kein europäisches Land ohne eine starke rechtspopulistische, nationalistische Partei oder Gruppierung, die nicht »Politik mit der Angst« betreibt, wie Ruth Wodak ihr Buch betitelt.

Dieser Artikel stammt aus Publik-Forum 13/2016 vom 08.07.2016, Seite 54
Europäische Union: Auf der Suche nach dem neuen Wir
Europäische Union: Auf der Suche nach dem neuen Wir

Die österreichische Professorin für Sprachwissenschaften an der Universität Wien und an der Lancaster University (England) ist ein führender Kopf der »Kritischen Diskursanalyse«, die ein problemorientiertes, geschichtsbewusstes, trans- und interdisziplinäres Forschungsprogramm ist. Wodak beobachtet »eine Normalisierung nationalistischer, fremdenfeindlicher, rassistischer und antisemitischer Rhetorik, die in erster Linie mit ›Angst‹ arbeitet: Angst vor Veränderung, vor Globalisierung, vor Verlust von sozialer Sicherheit, vor Klimawandel, vor Wandel der Geschlechterrollen«.

Weil nahezu alles »als Bedrohung des ›Wir‹ konstruiert« werden kann, »eines imaginierten homogenen Volkes auf einem gut geschützten Territorium«, ist es Wodaks Anliegen, die »Wirkung rechtspopulistischer Diskurse« und ihre Mechanismen aufzudecken und zu analysieren. Es geht dabei nicht nur um die »Form der verwendeten Rhetorik«, sondern vor allen Dingen auch um Inhalte und ihren Umgang damit.

Unter Rechtspopulismus versteht Wodak eine »politische Ideologie«, die »bestehenden politischen Konsens ablehnt und in der Regel Laissez-faire-Liberalismus mit Anti-Elitismus verbindet«. Also völlig zurückgenommener Staat im wirtschaftlichen Bereich bei gleichzeitiger Ablehnung aller Arten von Eliten. So wie das bei der Alternative für Deutschland (AfD) hierzulande zu beobachten ist. Doch das ist nur die Grundstruktur, die mit Attributen und Inhalten aufgefüllt und aufgepumpt wird.

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Wodak unterscheidet sorgfältig verschiedene linke wie rechte populistische Strömungen historisch, weltweit und thematisch. Sie untersucht genau die Kategorien, in denen sich der Rechtspopulismus äußert und sich nach der Emotionalisierung durch die »Politik mit der Angst« als »Politik der Ausgrenzung« verstetigt. Anhand aktueller Beispiele zeigt sie die Strategien des »Zwiedenkens«, die perfiden Tricks und die Eigenarten der »Mikropolitik der Angst« auf, um bestehende Macht- und Politikverhältnisse zu unterlaufen, zu diskreditieren, letztlich zu chaotisieren und um dadurch eigene Machtvorteile zu erringen.

Der Journalist und Schauspieler Michael Herl beschreibt das so: »Diese AfD ist vergleichbar mit der NSDAP in ihren ersten Jahren!« Dazu gehören die »Politik des Nationalismus«, die »Politik der Leugnung des Holocausts«, die »Politik des Patriarchats« und der doppelbödige Umgang mit den Medien.

Wodak scannt im Anhang detailliert die rechtspopulistischen Parteien in Europa; nur die AfD konnte sie noch nicht voll erfassen, weil sie die Studie kurz vor dem Herbst 2014 abschließen musste. Das Buch liefert ein vorzügliches Instrumentarium, um jegliche rechtspopulistische Machart zu durchdringen und ihr kritisches Denken und Handeln entgegenzusetzen.

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