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Pro und Contra
Sollen Läden sonntags öffnen?

Was in anderen Ländern selbstverständlich ist, bleibt in Deutschland umstritten: einkaufen können an jedem Tag der Woche. Wird es Zeit, das Ladenschlussgesetz zu ändern?
vom 21.07.2026
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Sonntagsruhe in der Düsseldorfer Altstadt. Für die Angestellten heißt das: Zeit für die Familie oder mit Freunden, dafür bleibt unter der Woche oft wenig Raum. (Foto: PA / ImageBroker/ / Olaf Döring)
Sonntagsruhe in der Düsseldorfer Altstadt. Für die Angestellten heißt das: Zeit für die Familie oder mit Freunden, dafür bleibt unter der Woche oft wenig Raum. (Foto: PA / ImageBroker/ / Olaf Döring)

Constantin Wißmann: Ja!

Als ich in London in eine WG eingezogen war, fehlte uns an einem Sonntag Waschmittel. »Ich kann nachher welches vom Supermarkt mitbringen«, sagte mein Mitbewohner. »Aber es ist doch Sonntag?«, erwiderte ich. Er schaute mich entgeistert an. Es war derselbe Gesichtsausdruck, in den man schaut, wenn man Ausländern in Deutschland erläutert, dass sonntags nur Bäckereien und Tankstellen geöffnet haben.

Dieser Artikel stammt aus Publik-Forum 14/2026 vom 24.07.2026, Seite 8
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Es stimmt schon. Es hat etwas, dass am Sonntag ein bisschen weniger los ist auf den Straßen. Und einen Tag in der Woche pausieren zu wollen, ist ebenfalls nicht verwerflich. Die Fünf-Tage-Woche ist eine Errungenschaft, die den Familien zugute kommt. Nur leuchtet nicht ein, warum von einer Gemeinschaft von 83 Millionen Menschen verlangt wird, am gleichen Tag die Beine hochzulegen. Bis auf Ärztinnen, Krankenpfleger, Mitarbeitende in der Gastronomie und viele andere. Die arbeiten schon jetzt ganz selbstverständlich auch am Sonntag – für die Gemeinschaft.

Aber ist der Sonntag nicht der heilige Tag, an dem die Menschen in die Kirche und nicht zur Arbeit gehen sollen? Nun ja. Für Priester und Organistinnen in der Kirche gilt das schon mal nicht. Die müssen gerade am Sonntag ran. Und auch in katholischen Ländern wie Spanien, Frankreich oder Irland sind die Geschäfte sonntags geöffnet, offenbar ohne dass die Menschen dort das Gefühl haben, schlechte Christen zu sein. Der geschlossene Sonntag ist also weniger eine Glaubensfrage als eine deutsche Eigenart – und so verwurzelt wie das Bargeld an der Kasse.

Was spricht eigentlich dagegen, die Entscheidung einfach den Geschäften selbst zu überlassen? Ein Inhaber eines Modegeschäfts in der Innenstadt, der sonntags öffnen will, weiß besser als ein Landespolitiker, ob sich das lohnt. Die Bäckerin um die Ecke, die lieber ausschläft, muss es ja nicht tun. Niemand zwingt die Metzgerei im Dorf, an einem verkaufsoffenen Sonntag die Rollläden hochzuziehen. Und wer nicht selbst entscheiden kann und am Sonntag arbeiten muss, hat dafür in der Woche frei. Er oder sie kann die Kinder an seinem freien Tag früher aus dem Hort abholen und mit ihnen etwas unternehmen und muss sich dann nicht auch noch in die Schlange der Supermarktkasse einreihen. Dank des Feiertagszuschlags hat man sogar noch ein bisschen mehr Geld für Familienaktivitäten im Geldbeutel.

Aus anderen Ländern ist wenig bekannt über Protestbewegungen, die für den freien beziehungsweise konsumfreien Sonntag kämpfen. Vielleicht ist es also gar nicht so schlimm. Wer selbst am Sonntag partout nicht einkaufen möchte, kann das ja weiterhin lassen.

Matthias Drobinski: Nein!

Ja, ich kaufe am Sonntagmorgen frische Brötchen. Und ich habe mich auch schon geärgert, als ich an einem Sonntagnachmittag vor einer verschlossenen Ladentür stand. Strenge Öffnungszeiten beschränken meine Freiheit als Kunde und Konsument, das stört auch mich. Aber will ich die Welt wirklich nur durch die Brille des Konsumenten sehen?

Der Sonntag ist ein »Tag der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung« – der Satz, der über die Weimarer Reichsverfassung von 1919 ins bundesdeutsche Grundgesetz kam, klingt überholt. Faktisch ist die Sonntagsruhe tausendfach durchlöchert, allen voran durchs Kirchenpersonal, durch den Krankenpfleger und die Polizistin, durch Sonntagsdienstleistende aller Art. Und doch ist der Satz von 1919 heute so weise wie zu den Zeiten, da die allermeisten sonntags brav zur Kirche gingen. Ein Tag in der Woche soll der allgemeinen Verwertungslogik entzogen sein, dem Diktat des Effizienzdenkens. Die Seele soll sich erheben können, an einem kollektiv freien Tag. Gemeinsame freie Zeit ist ein Schatz, gerade wenn Gemeinschaft und Zusammenhalt bröckeln.

Ich habe lange bei einer Tageszeitung gearbeitet und sehr viele Sonntage in der Redaktion verbracht. Das gab dann einen steuerfreien Zuschlag und einen freien Tag – und doch bedeutete die Sonntagsarbeit einen Verlust. Ja, ich konnte dienstags ausschlafen, schön frühstücken und zur Radtour aufbrechen. Aber ich machte das allein, ohne Frau, Kinder, Kumpels. Aus dieser Erfahrung heraus ärgere ich mich, zu welch kleiner Münze diese gemeinsame Zeit nun verkauft werden soll.

Es ist doch ein Trugschluss, dass längere Ladenöffnungszeiten dem Einzelhandel aus der Krise helfen. Die Leute haben nicht mehr Geld, bloß weil die Geschäfte länger geöffnet sind; sie geben es nur anders verteilt aus. Für kleine Läden bedeutet das: Entweder stehen sich Betreiber und Angestellte am Sonntag selbstausbeuterisch die Beine in den Bauch, oder sie überlassen das Geschäft den Großen, die einen Schichtdienst organisieren können.

Und glauben denn die Befürworter der Liberalisierung wirklich, dass die Leute dem Internetshopping ade sagen und am Sonntagabend zum Kleiderladen eilen? Oder dass eine öde Fußgängerzone wirtlich wird, wenn die Geschäfte sonntags öffnen?

Ein Tag für die Seele und fürs Gemeinsame – das sollte höher stehen als die möglichst vollständige Befriedigung der Konsumbedürfnisse. Dazu müssen aber auch die Konsumierenden ihr Verhalten ändern. Also auch ich: den Einkauf besser planen. Wenn möglich: Einzelhandel vor Internet. Auch wenn es nervt. Und nicht meckern, wenn mal die Ladentür zu ist.

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Personalaudioinformationstext:   Constantin Wißmann ist Redakteur bei Publik-Forum.

Matthias Drobinski ist Chefredakteur von Publik-Forum.
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