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»Die Religion spielt keine Rolle«

Nicht nur Kirchengemeinden gewähren Flüchtlingen Asyl. In Pinneberg fand ein junger Sudanese Zuflucht in der Synagoge. In Glinde bei Hamburg schützten Muslime zwölf afrikanische Flüchtlinge, darunter auch Christen, und gewährten ihnen eineinhalb Jahre Asyl in der Moschee
von Elisa Rheinheimer-Chabbi vom 02.03.2015
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Auf engstem Raum: Genau wie die Kirchen stand auch die Moschee in Glinde vor der Frage, wo sie Flüchtlinge unterbringen konnte (Foto: Ferraz)
Auf engstem Raum: Genau wie die Kirchen stand auch die Moschee in Glinde vor der Frage, wo sie Flüchtlinge unterbringen konnte (Foto: Ferraz)

Während im Sommer vergangenen Jahres der Gazakrieg tobte, nahm eine jüdische Gemeinde in Schleswig-Holstein einen muslimischen Flüchtling auf und gewährte ihm Asyl. Diesen Satz muss man zweimal lesen. Für Wolfgang Seibert, den Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Pinneberg, war das jedoch keine Frage: »Es ging um einen verfolgten Menschen in Not – da spielt die Religion keine Rolle«, sagt er. Die Journalisten kamen in Scharen. Sie wollten sehen, wie der Jude den Muslim in die Moschee fuhr, damit er nicht alleine beten musste. Und sie hörten, wie der Muslim zum Juden sagte, er werde ihn vermissen.

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Drei Monate lang bot die jüdische Gemeinde mit ihren 260 Mitgliedern dem jungen Sudanesen Ashraf Zuflucht. Sie war die wahrscheinlich erste in Deutschland, die einen Flüchtling aufnahm, dem die Abschiebung drohte. »Ich hatte gehofft, dass wir ein starkes Signal senden und andere Synagogen es uns nachmachen, aber das ist nicht passiert«, bedauert Seibert.

Das Asyl in der Synagoge rief die Rechten auf den Plan

Woran es liegt, dass nicht mehr jüdische Gemeinden Asyl gewähren, weiß er auch nicht. Schließlich stünde schon in der Thora: »Und den Fremdling sollst du nicht bedrücken; ihr selbst wisset ja, wie es dem Fremdling zumute ist.« Seibert vermutet, dass viele Synagogen eine zu große Scheu haben, in der Öffentlichkeit zu stehen.

Diese Scheu ist zum Teil berechtigt: Hildegard Grosse vom Niedersächsischen Netzwerk Kirchenasyl erzählt, ein Unterstützerkreis für Flüchtlinge habe eine Synagoge in der Nordheide gefunden, die bereit dazu war – doch das Asyl musste abgebrochen werden. »Es hat die Rechten auf den Plan gerufen«, sagt sie.

»Synagogen-Asyl, das ist ja eine interessante Idee«, tönt es überrascht aus der Israelitischen Kultusgemeinde für München und Oberbayern. In einem Rabbinat, das nicht namentlich zitiert werden will, heißt es schnöde: »Welche Flüchtlinge sollen wir schon aufnehmen? Es gibt keine Juden, die Flüchtlinge sind.«

In Pinneberg wählte die jüdische Gemeinde »ihren« Flüchtling nicht danach aus, ob er Jude war oder nicht. Gerade damit wollte sie anderen jüdischen Gemeinden ein Beispiel geben. In der Ortschaft Glinde nahe Hamburg ging eine Moscheegemeinde nach demselben Kriterium vor. Die dortige Moschee gewährte Moschee-Asyl. Arif Tokicin, der Vorsitzende der nur 19 Mitglieder zählenden Gemeinde, stimmte sofort zu, als er gefragt wurde, ob die Moschee zwölf afrikanische Flüchtlinge aufnehmen könne. »Zuerst ging es nur um ein paar Tage«, sagt er und lacht. Aus den paar Tagen wurden eineinhalb Jahre.

Flucht und Vertreibung ist auch im Koran ein Thema

Christen und Muslime seien unter »seinen« Flüchtlingen gewesen, antwortet Tokicin, »aber danach wurde nie gefragt«. Es gab Geld- und Sachspenden, der Bürgermeister unterstützte die Moschee, Bürgerinnen und Bürger boten ihre Hilfe an. »Wir sind dadurch sehr zusammengewachsen als Stadt«, erzählt Tokicin. Wenn er über das Moschee-Asyl spricht, klingt es, als sei es selbstverständlich, dass eine muslimische Gemeinde zwölf Männer 18 Monate lang beherbergt, bekocht und für einen Deutschunterricht sorgt.

Flucht und Vertreibung sind nicht nur in Thora und Bibel wichtige Themen. »Auch im Koran gibt es mehrere Verse dazu«, sagt der Islamwissenschaftler Said Arif. »Flüchtlingen steht Hilfe zu, auch materieller Art, und im Koran steht geschrieben, dass niemand deswegen Neid im Herzen empfinden sollte«, erläutert der Imam aus Berlin mit Blick auf Sure 59, Vers 8-9 des heiligen Buchs der Muslime.

Islamwissenschaftler: »Wir müssen vorsichtig sein«

Doch viele islamische Gemeinden sind unsicher in Bezug auf die Rechtslage – und haben schlichtweg Angst. Arif bringt es auf den Punkt: »Wir müssen vorsichtig sein. Unser Image ist ein anderes als das der Kirchen – gerade im Moment. Vielleicht würde man uns Schleusung unterstellen, wenn wir Flüchtlinge aufnehmen.«

Wolfgang Seibert von der jüdischen Gemeinde und die Flüchtlingsaktivistin Hildegard Grosse halten das für eine berechtigte Sorge. »Für Muslime ist es ein Problem, weil ihre Moscheen keine Körperschaften des öffentlichen Rechts sind«, bestätigt Seibert. »Wir hatten Glück: Die Hemmschwelle der Polizei, eine Synagoge zu stürmen, ist hoch.« Die Öffentlichkeit würde sich empören, wenn Polizisten eine Kirche oder eine Synagoge räumten, meint er: »Aber bei einer Moschee ... ?« Die Frage lässt er vielsagend unbeantwortet.

Arif Tokicin und Wolfgang Seibert jedoch sind sich in einem einig: Sie würden es sofort wieder machen. Demnächst will Seibert seinen ehemaligen Schützling, der inzwischen in der Lüneburger Heide wohnt, besuchen. Vielleicht schaut er dabei ja auch mal bei Arif Tokicin vorbei. Ihr Engagement verbindet sie – über alle Religionsgrenzen hinweg.

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Personalaudioinformationstext:   Elisa Rheinheimer Chabbi ist Volontärin bei Publik-Forum
Schlagwörter: Asyl Flüchtlinge Kirche Religion
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