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Kettenbriefe und Gewaltvideos

Fast jede Klasse einer weiterführenden Schule hat einen WhatsApp-Klassenchat. Per Smartphone schicken sich die Schüler darüber Nachrichten, beleidigen Lehrer – und finden wenig Schlaf
von Barbara Tambour vom 09.04.2017
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So sieht es manchmal in Chats bei WhatsApp aus: Wenn falsche Behauptungen oder Beleidigungen über einen Menschen in sozialen Netzwerken, bei Messengern wie WhatsApp und anderen Online-Diensten verbreitet werden, sprechen Fachleute von Cybermobbing. (Foto: pa/dpa/Julian Stratenschulte)
So sieht es manchmal in Chats bei WhatsApp aus: Wenn falsche Behauptungen oder Beleidigungen über einen Menschen in sozialen Netzwerken, bei Messengern wie WhatsApp und anderen Online-Diensten verbreitet werden, sprechen Fachleute von Cybermobbing. (Foto: pa/dpa/Julian Stratenschulte)

Was machen Schüler und Schülerinnen, wenn sie nach Unterrichtsende das Schulgelände verlassen? Viele greifen als Erstes nach ihrem Smartphone. Schauen, ob die Eltern eine Nachricht geschickt haben – und schreiben schnell einen Kommentar im WhatsApp-Klassenchat über Lehrer und Mitschüler.

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Über WhatsApp können Textnachrichten, Fotos, Filme und Sprachnachrichten verschickt werden, unentgeltlich, zwischen zwei Personen und innerhalb von Gruppen. Weil viele Kinder schon in der fünften Klasse ein Smartphone besitzen, verfügt fast jede Klasse einer weiterführenden Schule über eine WhatsApp-Klassengruppe. Sie wird genutzt, um nach den Hausaufgaben zu fragen oder zu verabreden, mit welchem Bus zum Schulschwimmen gefahren wird. Und zu vielem mehr.

Weil sich die Schüler unbeobachtet fühlen, entgleist die Wortwahl schnell. Ein Lehrer, der am Vormittag zwei Schülern eines Frankfurter Gymnasiums eine Strafarbeit aufgebrummt hatte, wurde am Nachmittag im Klassenchat als »Wichser« und »Arschloch« bezeichnet. »Als ich das im Klassenchat meines Sohnes sah, habe ich diesen Chat auf seinem Smartphone sofort gelöscht«, berichtet die Mutter eines Sechstklässlers.

»Es wird schnell bösartig«

Im Unterschied zu vielen anderen Eltern behielt sie die Aktivitäten ihres Sohnes und seiner Schulklasse auf WhatsApp im Blick: »zu seinem Schutz«, wie sie sagt. Dabei stellte sie fest: Es wird nicht nur auf Lehrer geschimpft. Konflikte unter Klassenkameraden finden ihre Fortsetzung per Smartphone nach Unterrichtsende. Mitschüler werden aus dem Klassenchat hinausgeworfen, Jungs ziehen über das Aussehen von Mädchen her. »Es wird schnell bösartig«, schildert die Mutter des Zwölfjährigen.

Nachrichten treffen auch noch um Mitternacht ein, an einem Tag sind es oft mehrere Hundert. Häufig seien Kettenbriefe rumgeschickt worden, in denen es hieß: »Wenn du diesen Brief nicht an alle deine Kontakte weiterschickst, dann stirbt deine Mutter« – oder »... dann räche ich mich an dir«, berichtet die Mutter. Ein Mädchen habe tagelang nicht schlafen können.

Doch auch anderes, das per Smartphone im Kinderzimmer von Zehn-, Elf- und Zwölfjährigen landet, sorgt für Albträume: Kürzlich kursierte in Klassenchats Frankfurter Schulen ein Gewaltvideo der Terrormiliz »Islamischer Staat«, das eine Tötung zeigte, berichtet der Fachberater für digitale Medien, Günter Steppich. »Kinder sollten solche Erfahrungen nicht machen«, findet er. Deshalb rät er davon ab, Kindern und Jugendlichen vor dem 14. Geburtstag ein Smartphone zu überlassen.

Aus der Not geboren: Eltern führen »Klassenchat-Aufsicht«

»Fünftklässler sind längst nicht so weit, damit smart umzugehen«, erläutert der Fachberater für Jugendmedienschutz aus Wiesbaden. Er ist Lehrer für Englisch und Sport an einem Wiesbadener Gymnasium. »In meiner Arbeit für das Staatliche Schulamt und das Hessische Kultusministerium habe ich seit Jahren alle Hände voll mit digitaler Schadensbegrenzung zu tun, insbesondere in Fällen von Nacktfotos, Onlinemobbing per WhatsApp und Facebook, pädophilen Übergriffen in Chats sowie jugendgefährdenden Inhalten wie Pornografie und Gewaltvideos. Auch Tierquälervideos und Grusel-Kettenbriefe können Kinder heftig belasten«, schrieb Steppich im Herbst im Auftrag der Schulleitungen der weiterführenden Schulen in Wiesbaden und im Rheingau-Taunus-Kreis an alle Grundschuleltern und bat sie: »Schenken Sie ihrem Kind kein Smartphone zum Übergang in die 5. Klasse.«

Fast alle Schulen sind mit den Folgen von Cybermobbing konfrontiert. An vielen ist es untersagt, während der Schulzeit und auf dem Schulgelände das Handy zu benutzen. Doch was Schüler damit nach Unterrichtsende machen, darauf haben die Schulen kaum Einfluss. In Programmen wie Digitale Helden oder Medienscouts versuchen ältere Schüler die unteren Klassen zu einem kritischen und vernünftigen Umgang mit WhatsApp & Co anzuhalten, sie über Risiken aufzuklären und Regeln für Klassenchats zu vereinbaren. Mit mäßigem Erfolg. An einem Oberurseler Gymnasium führen Eltern abwechselnd »Klassenchat-Aufsicht«. Der Schulelternbeirat des Frankfurter Lessinggymnasiums hingegen hat gerade an die Eltern der Unterstufe appelliert, auf die Einführung von Klassenchats in Klasse 5, 6 und 7 grundsätzlich zu verzichten. Begründung: »Die leicht zu ersetzenden Vorteile eines Klassenchats stehen in keinem Verhältnis zu den kaum kontrollierbaren Nachteilen.« Doch nur, wenn Eltern dies bei ihren Kindern durchsetzen, wird sich etwas ändern.

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