Gefährlicher Schlingerkurs des Papstes
Den Jüngern Christi, so formuliert es ein berühmtes Wort über die Kirche aus dem Zweiten Vatikanischen Konzil, ist nichts Menschliches fremd. Anscheinend gilt das nicht nur für Trauer, Angst, Freude und Hoffnung der Menschen, die im Herzen der Kirche, vor allem ihrer Amtsträger, Widerhall finden sollen. Es gilt genauso für das Abgründige: Missgunst, Wut, Neid, Rache, Begierde, Vertuschung, Intrige …
Die Welt wird gerade Zeugin, wie der Vatikan in einer geistig-moralischen Krise zum Schauplatz öffentlich ausgetragener Richtungskämpfe wird. Ein ranghoher Bischof, Insider der Verwaltung und ehemaliger Nuntius in den Vereinigten Staaten, fordert öffentlich den Rücktritt des Papstes. Franziskus habe, so der Vorwurf, nicht nur früh von den Missbrauchsvorwürfen gegen Kardinal McCarrick gewusst, sondern auch Sanktionen, die Benedikt XVI. gegen diesen verhängt habe, rückgängig gemacht. Ist Franziskus, der »Papst der Barmherzigkeit«, in den eigenen Reihen zu »barmherzig«, wenn es um schwere Straftaten geht?
Reformer erzeugen in Übergangskrisen immer Chaos
Der Vorwurf ist ebenso heftig wie die Reaktionen darauf. Ausgerechnet erzreaktionäre Kardinäle finden es auf einmal völlig normal, dass Bischöfe den Rücktritt des Papstes fordern. Andere weisen auf die Ungereimtheiten in der pamphletartigen Anklage hin. Derweil fordert der prominente Theologe Paul Michael Zulehner die deutschen Bischöfe auf, ihre Solidarität mit Franziskus deutlicher zu bezeugen. Wie Seismografen zeugen solche Aktionen von der extremen Spannung im Epizentrum der katholischen Kirche. Dass sich Kirchenführer »zerfleischen«, ist für den Jesuiten Klaus Mertes wiederum, der den Missbrauch am Berliner Canisius-Kolleg öffentlich machte, ein Zeichen dafür, »dass die Aufklärung vorankommt«. Reformen verursachten immer Spaltungen.
Aber kommen die Reformen voran? Gewiss: Franziskus hat die höfische Etikette abgeschafft und freie, kontroverse Rede ermöglicht. Er hat der Kurie öffentlich Geistlosigkeit und Trägheit vorgeworfen. Das hat jenen Mut gemacht, die das ebenso sehen – aber auch Wut erzeugt. Dass sie in Übergangskrisen Chaos verursachen, ist das Schicksal aller Reformer, mögen sie Gorbatschow oder Franziskus heißen. Umso wichtiger wäre es, dass der Papst klar sagt, wohin es gehen soll, und Regelungen schafft, um dies umzusetzen.
Der Missbrauchsskandal, der die Kirche mit voller Wucht wieder eingeholt hat, zwingt zu tiefer Ursachenforschung und energischem Handeln. Man darf konservativen wie liberalen Gläubigen ein ehrliches Entsetzen über das Ausmaß des Skandals unterstellen. Doch ihre Erklärungsversuche stehen sich diametral gegenüber. Liberale Theologinnen und Theologen sehen das Problem letztlich im religiösen Machtmissbrauch, in der Idealisierung einer Institution und im männerbündischen Klerikalismus begründet. Konservative Theologen betonen dagegen den Verlust des Sündenbegriffs, den Einzug einer laxen Sexualmoral in die Mauern der heiligen Kirche und wittern »homosexuelle Netzwerke«, die sich an Jungs vergreifen. Der Kurs der Kirche – inklusive Sexualethik und Personalpolitik – wird davon abhängen, welche Deutung sich hier durchsetzt.
Franziskus sendet doppeldeutige Signale
Franziskus sendet doppeldeutige Signale. Einerseits kritisiert er den Klerikalismus, andererseits scheint er auch jenen recht zu geben, die in der Homosexualität eine brandgefährliche Bedrohung für die Kirche sehen. In diesem Schlingerkurs liegt das Problem. Der Papst hat Projekte angeregt, die die katholische Kirche nachhaltig verändern könnten. Er wollte die Rolle der Diakoninnen untersuchen lassen, was zu einer Öffnung der Weiheämter für die Frau führen könnte. Ein Kreis aus Kardinälen sollte eine Reform der Kurie erarbeiten, was zu mehr Gewaltenteilung führen würde. Und für Missbrauchsfälle sollte ein eigener Gerichtshof geschaffen werden, was eine tiefere Aufarbeitung des hochkomplexen Feldes zwischen Macht und Sexualität bedeutet hätte. All diese Projekte sind versandet oder stecken im Stadium der Idee. Werden sie nicht weiterverfolgt, bleibt eine Kirche zurück, die gespalten und unentschlossen vor sich hin dümpelt, anstatt unter den Bedingungen der Gegenwart vom Reich Gottes zu sprechen.
