Revolte in der Kirche?
Hat die 68er-Bewegung Christen und Kirchen verändert? Und haben Christen und Kirchen die Bewegung beeinflusst? Beides ist richtig. Exemplarisch steht dafür das Politische Nachtgebet in Köln. Das spätere Theologenpaar Dorothee Sölle und Fulbert Steffensky mischt sich zusammen mit anderen in die politischen Streitfragen der Zeit ein. Es geht um den Vietnamkrieg, die Militärdiktatur in Griechenland und den Schwangerschaftsabbruch nach Paragraph 218. Steffensky erinnert sich: »Wir waren jung und es galt: ›Viel Feind, viel Ehr!‹ Es war zum ersten Mal der Gedanke: Die Kritik an gesellschaftlichen Zuständen muss auch ein Thema des Gebetes, des Gottesdienstes sein.«
Konfessionelle Grenzen spielen für die ’68er keine Rolle mehr – und doch sind Katholiken und Protestanten in diesem Jahr voneinander zu unterscheiden. Jene Katholikinnen und Katholiken, die sich als Teil der Bewegung fühlen, setzen vor allem die Inspiration des Zweiten Vatikanischen Konzils um, das 1965 zu Ende gegangen war. Sie besinnen sich auf die Welt, die Armen, ihr eigenes Gewissen. Sie fühlen sich beflügelt vom Aufbruchskonzil. Mut und Wut führen sie in den Protest auf der Straße – und in der Kirche. Der Kampf zwischen vorkonziliaren Bewahrern und den »68ern« ist live zu erleben. Bis heute ist er nicht entschieden. Der Katholizismus schwankt zwischen Aufbruch und Stillstand. Doch die Gegenwart ist geprägt von der 68er-Bewegung. Es gäbe wohl heute kein Kirchenasyl, keinen Gremien-Katholizismus, keine diskursoffene kirchliche Bildungsarbeit ohne sie.
Evangelische Christinnen und Christen bringen ihre politischen Anliegen nicht nur auf die Straße, sondern auf die Kanzel. »Ich nahm als Lektion mit: Wenn du Predigten schreibst, musst du nicht nur die Bibel lesen, sondern auch die Zeitung«, erinnert sich Pfarrer Friedrich Gehring, ein Alt-68er. Man startet einen »frontalen Angriff auf die herrschende Theologie«, löst sich von einem autoritären Gott und pfeift auf »bürgerliche Religion«. Konflikte mit »Bewahrern« folgen auf dem Fuß; sie prägen – in manchen Fällen brechen sie auch – Biografien. Und in der DDR? Die »Kirche im Sozialismus« sucht in dieser Zeit ihren Weg zwischen Widerstand und Diplomatie. Aus der – vorwiegend evangelischen – christlichen Bewegung für Frieden und einen »Sozialismus mit menschlichem Antlitz« nährt sich 1989 die Friedliche Revolution. Dank der Sympathie von West-’68ern wird die Bewegung früh auch in der Bundesrepublik bekannt.
Und heute? Kirchengemeinden sind Orte politischer Diskussion: über grassierenden Rechtspopulismus, Umweltthemen, Integration und Emanzipation. Das hat mit ’68 zu tun. Mit dem Jahr, das so vieles veränderte.
