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Kessler auf der Kanzel

Einst predigte hier Martin Luther, jetzt stand Wolfgang Kessler an seinem Platz: In der Reihe der Wittenberger Kanzelreden sprach der Ökonom und Chefredakteur von Publik-Forum über »Gewissen und Kapital«. Publik-Forum.de dokumentiert seine Kanzelrede
von Wolfgang Kessler vom 08.06.2016
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Wolfgang Kessler auf Luthers Kanzel: Am 5. Juni hielt er hier seine Ansprache zum Thema "Gewissen und Kapital". Am 28. August folgt ihm Christian Wulff zum Thema "Weltfrieden und Weltreligionen". (Foto: epd/Neetz)
Wolfgang Kessler auf Luthers Kanzel: Am 5. Juni hielt er hier seine Ansprache zum Thema "Gewissen und Kapital". Am 28. August folgt ihm Christian Wulff zum Thema "Weltfrieden und Weltreligionen". (Foto: epd/Neetz)

Meine Damen und Herren,

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mein Thema »Gewissen und Kapital« klingt sehr abstrakt. Ich möchte Sie deshalb auf eine Reise mitnehmen. Sie beginnt bei meinem Geld, bei unserem Geld. Und sie führt direkt hinein in das Weltfinanzsystem. Und dann zurück zu unserem Geld.

Meine Reise in die Wirren des Finanzsystems begann vor 28 Jahren am lauschigen Bodensee, wo ich herkomme. Als Wirtschaftsjournalist recherchierte ich über eine mittelgroße Firma, die es heute nicht mehr gibt. Sie produzierte Pumpen und Rohre – zum Beispiel für die Wasserversorgung. Ganz harmlos. Plötzlich rief mich ein Aktivist der Friedensbewegung an. Er beschuldigte diese Firma der Waffenexporte. Ich war misstrauisch. Doch ich ging der Sache nach. Und siehe da: Die Firma baute die Rohre für unser Wasser regelmäßig kreativ um: zu Panzerrohren, auch für den Irak.

Natürlich hatte sich längst herausgestellt, dass die Firma auch Kredite einer örtlichen Bank erhalten hatte. Und plötzlich fragte mich jemand bei einer Demonstration, ob wir denn mit unseren Spargroschen Panzerrohre für Saddam Hussein finanziert hätten? Da wurde mir schlagartig klar, dass wir ja in unserem Bankensystem gar nicht wissen, was wir mit unseren Spargeldern finanzieren. Es können also auch Verbrechen sein.

Wie einfach das gehen kann, erlebte ich sechs Jahre später in einem Gerichtssaal in London. Die siebtgrößte Bank der Welt, die Bank of Credit and Commerce International, war einige Monate zuvor pleite gegangen. Die Bank hatte sich verdächtig gemacht. Die BCCI war erst 1972 gegründet worden und bis 1990 zur siebtgrößten Bank der Welt aufgestiegen – mit Niederlassungen in 69 Ländern, auch in Deutschland.

Wie berechtigt der Verdacht gegen die Bank war, merkten wir, als die Richter in London nachforschten, woher das Geld der Bank gekommen und wohin es geflossen war. Da stellte sich heraus, dass viel Geld von den berüchtigtsten Diktatoren und Verbrechern stammte, die die Welt je gesehen hatte: Zu den Kontoinhabern zählten – hinter Treuhand-Gesellschaften getarnt – der ehemalige panamaische Diktator Manuel Noriega; der palästinensische Terrorist Abu Nidal; der kolumbianische Drogenbaron Pablo Escobar oder der libanesische Waffenhändler Adnan Kashoggi. Diese Bank finanzierte die Geschäfte der globalen Unterwelt – und dies auch mit dem Geld unwissender Sparer, deren Ersparnisse sie mit hohen Renditen anlockte.

Das alles gibt es auch heute: Im vergangenen Jahr erhielten wir Berichte über eine Schweizer Bank, die ebenfalls Verbrechen und Verbrecher finanziert. Mit dem Geld von Schweizer Bürgern.

Nun kann man sagen: Verbrecher gibt es überall, warum nicht auch in Banken?

Doch so einfach ist es nicht. Denn wir sind auf unserer Reise bei Weltfinanzsystem angelangt – und nun stellt man eines fest: Es ist inzwischen so unkontrollierbar, dass die, die Geld haben, weltweit machen können, was sie wollen.

Das war nicht immer so. Denn aus dem Zweiten Weltkrieg war ein Weltwährungssystem hervorgegangen, das USA-beherrscht war, aber stabil. Denn die Leitwährung Dollar war durch den Wert des Goldes gedeckt. Das war so lange stabil, wie die US-Amerikaner nur so viel Dollars druckten, wie durch Gold gedeckt war.

Doch Ende der 1960er Jahren zerbrach dieses System. Warum? Weil die Amerikaner zur Finanzierung des Vietnamkrieges mehr Dollar druckten, als durch Gold gedeckt war. Das war der Anfang des Chaos von heute. Denn seitdem wird Geld geschöpft ohne Grenze. Seitdem wird mit Währungen spekuliert. Eine internationale Kontrolle globaler Banken gibt es nicht. Seitdem fließt immer mehr Geld zu internationalen Banken, weil es dort nicht kontrolliert werden kann.

Woher kommt dieses Geld? Nun, es sind Gelder von Fonds, die unsere Renten finanzieren. Es sind Gelder von Ölscheichs, es sind chinesische Handelsüberschüsse. Und es ist das Geld reicher Anleger. Immerhin leben wir in einer Welt, in der die 60 reichsten Menschen so viel besitzen wie die Hälfte der Menschheit. Und dieses Geld wird nicht investiert, sondern auf den Banken geparkt.

Bis 1990 blieb es ruhig. Warum? Die globalen Banken hatten zwar viel Geld. Sie konnten es aber nicht einfach in andere Länder überweisen. Es gab staatliche Grenzen und Regeln.

Zur wirklichen Revolution kam es nach 1989. Der real existierende Sozialismus wurde durch eine friedliche Revolution überwunden. Niemand weiß dies besser als Sie.

Aber mit dieser politischen Revolution setzten die westlichen Regierungen auch eine wirtschaftliche Revolution durch. US-Regierungen, in denen ehemalige Investmentbanker zu Finanzministern geworden waren, wollten, das Geld künftig ohne Hindernisse in alle Ecken der Erde fließen kann, ohne Kontrolle. Sie wollten den globalen Finanzkapitalismus und setzten ihn durch.

Auch das war eine Revolution. Das Finanzsystem veränderte sich grundsätzlich. Der ursprüngliche Zweck des Bankensystems – den Geldverkehr zwischen uns zu regeln und von Sparen Geld einzusammeln und es Kreditgebern zu geben, die dann Häuser und Arbeitsplätze schaffen – ist plötzlich nicht mehr wichtig. Jetzt ist es vor allem wichtig, aus Geld möglichst schnell mehr Geld zu machen, ohne dass Häuser und Arbeitsplätze entstehen.

Jetzt entstand eine völlig neue Finanzwelt.

Da sind zum Beispiel die Steueroasen. Sie wurden zum Magneten für das Geld all jener, die keine Steuern zahlen wollen oder viel zu verbergen haben. An den Finanzmärkten beherrschen Schattenbanken die Szene. Vor allem die 10.000 Hedgefonds. Sie heißen Schattenbanken, weil sie nicht der Bankenaufsicht und den Regulierungen für Banken unterliegen. Sie verwalten das Geld von reichen Institutionen oder Anlegern und versprechen ihnen hohe Renditen. Manchmal sind diese Fonds nützlich, weil sie Geld in riskante Innovationen stecken. Oft erzielen sie die Renditen jedoch, indem sie Wetten auf die Zukunft ganzer Länder oder Unternehmen abschließen. Oder indem sie das Geld ihrer Kunden in Betriebe investieren, um sie möglichst schnell profitabel zu machen. Sie senken dann die Kosten und vernichten Arbeitsplätze. Dann verkaufen sie die Unternehmen zu hohem Gewinn weiter.

Auch die Investmentbanken spekulieren mit allem, was sie können, mit Nahrungsmitteln, mit Rohstoffen, mit allem, was unter der Sonne gedeiht.

Jetzt sitzen wir auf einem spekulativen Karussell – und es dreht sich immer schneller. Wurden vor 15 Jahren pro Sekunde an der Züricher Börse noch 45 Wertpapiergeschäfte getätigt, sind es heute mehr als 100.00 in einer Millisekunde. Ohne menschlichen Zugriff. Die Entscheidung fällen Computer. Und in diesem Treiben fallen Banken, die Geschäfte mit Verbrechern, mit Waffen, mit Umweltzerstörern machen, gar nicht auf.

Nun wissen die Menschen schon lange, dass Geld die Welt regiert. Aber erschreckend ist, dass es eine Finanzkrise brauchte, die uns zeigt, wie Geld die Welt regiert. Und was für ein Geldsystem wir haben:

Es ist ein System, in dem zehnmal so viel Geld unterwegs ist wie es dem Wert von Waren und Dienstleistungen entspricht. In dem das große Geld dorthin fließt, wo möglichst hohe Renditen erzielt werden können. Auf diese Weise werden die Reichen immer reicher – weltweit und in Deutschland. Und mit diesem privaten Reichtum wächst die Armut von Kommunen, Pflegeheimen, Schulen oder Kindergärten hierzulande – und das Elend weltweit.

Es ist ein System, das der Maxime »Immer schneller immer mehr Rendite« folgt. Es treibt eine Wachstumswirtschaft an, die überall auf die Welt für die möglichst schnelle Ausbeutung der Ressourcen sorgt. Das rasende Spekulationskarussell ist mit der notwendigen nachhaltigen Entwicklung der Weltwirtschaft nicht vereinbar.

Entstanden ist ein System, das Gier belohnt und Verantwortung verdrängt. Nun sagen mir auch kritische Banker immer, auch Sparer seien gierig. Das ist unbestreitbar. Wir alle haben zwei Seiten in uns: eine soziale und eine gierige. Doch wenn dies so ist, stellt sich die Frage: Welche Seite belohnt das System? Und das Finanzsystem belohnt die Gier.

Entstanden ist ein System, in dem Geld und Wirtschaft in alle Lebensbereiche kriecht, in die Gesundheit, in die sozialen Dienstleistungen, in die Beziehungen zwischen Menschen. In diesem System zählt in erster Linie, wer und was sich rechnet – und damit bestimmen Gier und Egoismus auch die Lebenswelt der Menschen. Geld regiert auch uns.

Wenn es nicht geht, dass wir Gott dienen und dem Mammon, wie es im Matthäus-Evangelium 6,24 heißt – dann haben wir uns längst entschieden. Wir dienen dem Mammon.

Deshalb gibt es auch keine einfachen Patentrezepte gegen die Finanzkrise: Aus der Krise führt nur eine grundlegende Veränderung im Denken: Heute dienen die Menschen dem Geld. Sie müssen dafür sorgen, dass das Geld ihnen dient.

Wie kann das gehen? Drei Anregungen:

1. Wir brauchen eine gerechtere Verteilung der Reichtums

In einer Zeit, in der ein Konzern wie Apple 28,7 Milliarden Dollar Gewinne macht und gerade mal 556 Millionen Dollar Steuern bezahlt – ein Satz von 1,9 Prozent – wie 2012 wächst die Kluft zwischen privatem Reichtum und öffentlicher Armut immer weiter. Und das wachsende Finanzvermögen fließt zunehmend in die Spekulation. Deshalb braucht es den Mut von Regierungen, hohe Vermögen, hohe Einkommen und reiche Erben zu belasten und das Geld dort zu investieren, wo das Finanzsystem das Geld nicht hinlenkt: in Forschung; in den ökologischen Umbau, in Kindergärten, Schulen, Universitäten, in Gesundheit und Pflege.

Klar: Viele Menschen haben Schwierigkeiten, Reichtum gerechter zu verteilen. Sie mögen jedoch bedenken: Die gegenwärtige Ungleichheit nicht nur moralisch ein Problem ist, sondern auch ökonomisch: Reichtum, der der Spekulation dient, ist gefährlich.

2. Wir brauchen Regeln für die Finanzmärkte

Es braucht den Mut der Politik, der Finanzwelt, die Geldschöpfung und die Spekulation zu begrenzen. Zum Beispiel braucht es viel höhere Eigenkapitalquoten für Bankgeschäfte, vor allem für Großbanken. Je mehr eigenes Geld der Banken im Spiel ist, desto vorsichtiger werden sie agieren. Es braucht den Mut, die Investmentgeschäfte der Banken von den Kredit-und Spargeschäften abzutrennen. Heute haften die Sparerinnen und Sparer für alle Geschäfte der Banken mit ihren Einlagen. Deshalb muss der Steuerzahler Banken retten. Künftig sollten die Banken ihre Investmentgeschäfte auf eigenes Risiko betreiben und die Sparer nur für die Spar- und Kreditgeschäfte haften. Das würde die Eigenverantwortung von Banken stärken. Und nicht zuletzt muss die Politik die Spekulationen beschränken. Stellen wir uns vor, die Europäische Union führt eine Finanztransaktionssteuer ein von 0,1 Prozent auf alle Finanzgeschäfte ein. Das würde zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Das Spekulationskarussell würde verlangsamt, keine 100.000 Geschäfte mehr pro Millisekunde. Und Deutschland hätte pro Jahr 30 bis 40 Milliarden Euro mehr in der Kasse – die Regierung könnte investieren oder den Arbeitnehmern die Steuern senken

3. Wir brauchen einen verantwortungsvollen Umgang mit Geld durch Banken und Sparer

Wenn das Bankensystem wirklich den Menschen dienen soll, braucht es ein anderes Bewusstsein bei Banken und ihren Kunden. Banken müssen den Kunden genau sagen, wohin ihr Geld fließt. Wie das geht, zeigen bestimmte Institute schon heute. Sie binden ihre Kreditvergabe an ethische Bedingungen. Sie beteiligen sich kaum an Spekulationen, bei ihnen können die Kunden bestimmen, ob ihre Ersparnisse erneuerbare Energien, mittelständige Unternehmen, Schulen und Kindergärten oder Altenprojekte finanzieren. Damit bieten Banken Sparern, Initiativen, Kirchengemeinden die Chance, mit ihrem Geld ihre Ideale zu fördern.

Nicht zuletzt sollten wir den Stellenwert von Geld zu überdenken. Wer Geld für unwichtig hält, lügt sich in die Tasche. Es ist wichtig, weil es Sicherheit schafft und den Lebensunterhalt sichert. Allerdings ist die Bedeutung von Familie, von Gemeinschaften, von Freundschaften für Menschen mindestens so wichtig wie die von Geld. Wer in ein Netzwerk an Freundschaften investiert, hat mehr davon als von Gier. Wer in Freundschaften investiert, bekommt viel mehr als Zinsen, nämlich Zuwendung. Das ersetzt nicht die notwendigen Versuche, unser Geldsystem auf neue Beine zu stellen – es zeigt jedoch, dass Geld nicht die einzige Säule sein sollte, um sein Leben darauf zu stellen. Der Mensch ist wichtiger.

Es gibt also Wege aus der Katastrophe. Die Politik, wir alle haben die Wahl: Ob wir uns weiter von einer Finanzoligarchie regieren und von der Gier nach höchstmöglichen Renditen leiten lassen wollen. Oder ob wir entschlossen dafür sorgen, dass Geld dorthin fließt, wo es die Menschen und die Natur am dringendsten brauchen. Geld kann viel anrichten – aber wir können mit Geld auch viel ausrichten.

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Personalaudioinformationstext:   Wolfgang Kessler ist Chefredakteur von Publik-Forum. Mehr über die Kanzelreden in Wittenberg – die nächsten Redner sind Christian Wulff und Claudia Roth – erfahren Sie unter www.stadtkirchengemeinde-wittenberg.de/index.php/de
Schlagwort: Banken
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