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Im Bann der Spekulanten

Die drohende Weltfinanzkrise nach dem Börsenkrach in China wurde mit billigem Geld entschärft. Über die wirklichen Hintergründe herrscht Schweigen. Kesslers Kolumne
von Wolfgang Kessler vom 07.09.2015
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Die Börse in China ist ein Ort mit zentraler Bedeutung für Spekulanten. »Sollte sie aber nicht sein«, findet Publik-Forum-Chefredakteur Wolfgang Kessler (rechts). (Foto: pa/Shan He)
Die Börse in China ist ein Ort mit zentraler Bedeutung für Spekulanten. »Sollte sie aber nicht sein«, findet Publik-Forum-Chefredakteur Wolfgang Kessler (rechts). (Foto: pa/Shan He)

Es ist leider, wie ich es so häufig erlebe: Da krachen Aktienkurse in China ein. Seit Monaten flieht Kapital aus Schwellenländern wie Brasilien, Indien oder Südafrika in die USA oder nach Europa. Eigentlich eine bedrohliche Situation. Doch dann streut die chinesische Zentralbank billiges Geld in den Markt und entspannt die Lage, vorübergehend. Die Politik ist beruhigt, die Medien sind es auch. Mit der drohenden Krise der Schwellenländer sind die Medien auch schnell fertig: Brasilien gilt als korrupt, Indien als bürokratisch, Südafrika als chaotisch – also sind sie selbst schuld. Diese Kleingeisterei hat große Vorteile: Man braucht sich über die wirkliche Ursache der aktuellen Krisen keine Gedanken mehr zu machen. Und über die Versäumnisse der Politik erst gar nicht mehr reden.

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Der Carry-Trade der Spekulanten

Wirklich verständlich werden die riesigen Kapitalbewegungen zwischen den Schwellen- und Industrieländern nur durch den sogenannten Carry Trade, mit dem die Spekulanten seit vielen Jahren viel Geld verdienen. Die Strategie ist einfach: Ein Investor leiht sich Geld in einem Land mit niedrigen Zinsen und investiert es dann in Ländern mit höheren Zinsen. Dieses »Tragen« (to carry) des Geldes in einen anderen Währungsraum kann zwei große Vorteile haben: Zum einen zahlt der Investor selbst geringe Zinsen, profitiert aber von den höheren Zinsen im anderen Währungsraum. Wenn sehr viel Geld in eine andere Währung umgewechselt wird, dann führt dies zudem zur Aufwertung dieser Währung. Und damit wird auch das eigene Kapital aufgewertet.

Verhängnisvoller Herdentrieb

Vor allem seit der Finanzkrise 2008 legten viele globale Fonds Milliardenbeträge nach dem Prinzip des Carry Trades in den Schwellenländern an: Sie liehen sich Dollars fast zu Nullzinsen in den USA und kauften dafür Wertpapiere in Indien, Brasilien, Südafrika oder Südkorea, die hoch verzinst wurden. Aufgrund des Herdentriebes an den Börsen floß immer mehr Kapital in die Schwellenländer. Zur Freude der dortigen Regierungen, die auf einen Wachstumsschub hofften. Doch diese Hoffnungen gingen nicht in Erfüllung. Die Gelder aus dem Norden wurden nämlich kaum langfristig in die wirtschaftliche Entwicklung investiert. Sie dienten nur der Spekulation. Und Spekulationsgelder sind flüchtig, wenn sich die Rahmenbedingungen verändern. Und sie haben sich verändert.

So wird der Dollar gegenüber vielen Währungen in den Schwellenländern ständig aufgewertet – dadurch schwinden die Gewinne aus Anlagen in anderen Währungen. Die US-Zentralbank spricht zudem immer häufiger davon, die Zinsen zu erhöhen – das zieht Geld in die USA. Und seit China kriselt, sind die Spekulanten besonders nervös, denn die chinesische Währung wurde abgewertet, die Wachstumsprognose gesenkt. Da China weniger in den Schwellenländern kaufen wird, lautet die Botschaft für viele Spekulanten: Geld raus aus den Schwellenländern. Ein Panikkarussell ist nicht ausgeschlossen.

Der Traum von Oskar Lafontaine

Jetzt rächt sich, dass weder die Regierungen der Industrieländer noch jene der Schwellenländer nach der Finanzkrise wirklich versucht haben, die internationalen Finanzströme zu regulieren. An Vorschlägen hat es nicht gefehlt. Immer wieder wiesen Fachleute darauf hin, dass es jetzt an der Zeit wäre, die Kurse der wichtigsten Währungen der Welt enger aneinander zu binden und sie so der Spekulation zu entziehen. Der letzte Finanzminister, der dies wollte, hieß Oskar Lafontaine. Und der musste bald nach dieser Forderung zurücktreten. Meiner Ansicht nach auch wegen dieser in der Finanzwelt unbeliebten Forderung.

Auch linke Regierungen in Schwellenländern – wie die des ehemaligen brasilianischen Präsidenten Lula da Silva – haben jede Form einer Finanztransaktionssteuer nach der Finanzkrise von 2008 abgelehnt – mit der Begründung: »Es ist eine Krise der Nordens.« Dabei hätte diese Steuer alle spekulativen Kapitalbewegungen verteuert und erfolgreich eingeschränkt.

Ein altes deutsches Finanz-Instrument könnte helfen

Für die Schwellenländer rächt es sich nun, dass sie ihre Finanzmärkte den Spekulanten blindlings geöffnet haben, obwohl diese vor allem am schnellen Geld interessiert sind. Dabei zeigt die Vergangenheit, wie man Gelder für längerfristige Investitionen anlockt und reine Spekulanten abschreckt. In den 1990er Jahren hat Chile dies mit einem deutschen Instrument aus den 1970er Jahren geschafft: der Bar-Depot-Pflicht. Anleger in Chile mussten bis zu zwanzig Prozent ihres Geldes zinslos bei der Chilenischen Zentralbank stillegen. Zog der Anleger sein Geld innerhalb eines Jahres wieder ab, blieb das Bar-Depot bei der Zentralbank. Investierte der Anleger langfristig, erhielt er das Bar-Depot zurück. Der mögliche Verlust von bis zu zwanzig Prozent des eigenen Kapitals schreckte jene ab, die es nur auf den schnellen Gewinn abgesehen hatten. 1994 hatten mehr als 97 Prozent aller Kapital-Engagements von Ausländern in Chile eine Laufzeit von mehr als einem Jahr. Das Land blieb von den Spekulationskrisen dieser Zeit verschont.

Schweigen ist Silber, Reden ist Gold

An Strategien gegen die globalen Spekulanten fehlt es nicht. Was fehlt, ist der Mut zu einer Diskussion darüber. Billiges Geld kann den chinesischen Finanzmarkt kurzfristig beruhigen. Der Verweis auf die internen Probleme der Schwellenländer beruhigt vielleicht die Öffentlichkeit. Doch alles in allem lenken solche Strategien und Debatten nur davon ab, dass die Weltwirtschaftskrise nach wie vor von einer Spekulationskrise bedroht ist.

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Personalaudioinformationstext:   Wolfgang Kessler ist Wirtschaftswissenschaftler und Chefredakteur von Publik-Forum. Er schrieb 2011 das Buch »Geld regiert die Welt. Wer regiert das Geld?«
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