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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 20/2017
Neuer Mut in schweren Zeiten
Jüdische Gemeinden in Deutschland
Der Inhalt:

Neuer Mut in schweren Zeiten

von Thomas Seiterich vom 26.10.2017
In Deutschland gibt es prächtige neue Synagogen. Doch wie leben jüdische Gemeinden in einer Zeit, in der ein neuer Antisemitismus droht? Eine Spurensuche in Dresden, München und Mainz. Die Titelgeschichte in der neuen Ausgabe von Publik-Forum
Lichtreflexe, eine einzigartige Form und eine besondere Außenhaut: Die 2010 eingeweihte Synagoge in Mainz beeindruckt durch ihre Architektur (Foto: epd/Neetz)
Lichtreflexe, eine einzigartige Form und eine besondere Außenhaut: Die 2010 eingeweihte Synagoge in Mainz beeindruckt durch ihre Architektur (Foto: epd/Neetz)

Die Synagoge leuchtet. Das dunkle Grün und Braun und Graublau der Mauern reflektiert das herbstliche Laub im Mainzer Gründerzeitviertel. Doch noch mehr als die Lichtreflexe fasziniert die einzigartige Form und die Außenhaut des Gotteshauses, das wie ein aufgeblättertes Buch genau an jener Stelle errichtet wurde, wo bis zu ihrer Zerstörung in der sogenannten Reichspogromnacht am 9. November 1938 die Mainzer Synagoge gestanden hatte. Zwei Mauerbögen hat man aus den Trümmern aufgerichtet, alles Übrige hat der Kölner Architekt Manuel Herz völlig neu gestaltet. Tausende Rillen, parallele Linien, hineingeritzte und eingekratzte Schriftfragmente durchziehen die Außenhaut – zum Spiegeln gebracht durch die glänzende Keramik der Kacheln. Sie verweisen auf die Bibel und die Schriftkultur Israels. Ein kunstvoll im 21. Jahrhundert gebautes Stück jüdischer Theologie. Das Gebäude soll den jüdisch-liturgischen Begriff »Keduscha«, den Segensspruch für »Heiligung« und »Erhöhung«, sinnlich und anfassbar ausdrücken.

»Wir wollen ein Segen sein für die Stadt und die Region«

»Keduscha – wir wollen und sollen als jüdische Gemeinde ein Segen sein für die Stadt und die Region am Rhein«, sagt Rabbiner Aharon Ran Vernikovsky. Der orthodoxe jüdische Theologe sitzt in einem spartanisch eingerichteten Büro mit hoher Decke und schrägen weißen Wänden. Es gibt im ganzen Gemeindezentrum – außer dem Gottesdienstraum – keinen rechten Winkel. »Kann etwas noch rechteckig und damit normal sein nach dem Holocaust?« – so erklärt Vernikovsky die Botschaft dieser höchst ungewöhnlichen Architektur.

»Ich bin 1972 in Petach Tikva geboren, in Israel«, berichtet der nachdenkliche, schmale Mann mit Kippa. »Ich war elf,

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