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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 20/2017
Neuer Mut in schweren Zeiten
Jüdische Gemeinden in Deutschland
Der Inhalt:

Vom Feind zum Bruder

von Norbert Reck vom 27.10.2017
Nie waren sich Juden und Christen näher – doch es gibt noch viel zu tun

Die Gespräche zwischen Juden und Christen, so heißt es in letzter Zeit öfter, hätten sich totgelaufen. Sie seien ohnehin nur Austausch von Nettigkeiten ohne theologische Substanz gewesen. Der evangelische Theologe Notger Slenczka spricht sich sogar dafür aus, das Alte Testament nicht mehr unter die heiligen Schriften der Christen zu rechnen, denn es sei ein jüdisches Buch und wende sich gar nicht an Christen. Auf katholischer Seite kämpfen die (exkommunizierten) Piusbrüder und ihre Gesinnungsgenossen gegen das Konzilsdokument »Nostra Aetate«, das wegen seines Respekts gegenüber anderen Religionen als Gründungsurkunde des christlich-jüdischen Dialogs gelten kann. Aber auch jüdische Autoren äußern sich kritisch: Der Diplomat Shimon Stein und der Historiker Moshe Zimmermann verwahrten sich in der »Zeit« gegen den Begriff der »christlich-jüdischen Gemeinschaft« und ihrer missbräuchlichen Rede.

Geht hier eine Ära zu Ende? Ich glaube, das Gegenteil kommt der Wirklichkeit näher: Juden und Christen stehen vor einem qualitativ neuen Miteinander. Wenn alles umgesetzt wird, was in den letzten Jahrzehnten erforscht und gemeinsam entwickelt wurde, wird sich das Gesicht des Christentums für immer verändern.

Um das zu verstehen, muss man sich die Geschichte vergegenwärtigen. Erst wenn man sich daran erinnert, wie der Kirchenlehrer Johannes Chrysostomos im 4. Jahrhundert die Christen aufforderte, den Umgang mit Juden zu meiden, weil sie wilde Tiere seien, wie die Kreuzfahrer Zehntausende von Juden umbrachten, weil diese eine Rasse voller Hass auf Gott seien, wie Papst Innozenz III. 1215 dafür sorgte, dass Juden »wegen ihres Unglaubens« ein gelbes Stück Stoff auf der Kleidung tragen mussten, wie Luther 1543 zum Niederbrennen der Synagogen aufrief und wie Papst Paul IV. 1555 die Einrichtung von ummauerten Judenvierteln im Kirchenstaat erließ, erkennt man die ganze Dramatik. Für Tiervergleiche, Diabolisierung, Rassezuschreibungen, Kennzeichnungspflicht, Synagogenverbrennungen und Ghettoisierung brauchte es keinen einzigen Nazi – es ist »nur« die christliche Geschichte. »Gekumen sajnen sej wi kumen wolt a pesst«, wie die Pest sind sie über uns gekommen, so fasste der jiddische Dichter Mordechaj Gebirtig (1877-1942) die christlich-jüdische Geschichte kurz und bitter zusammen.

Dass es nach dem Zweiten Weltkrieg überhaupt wieder zu Gesprächen kam, kan

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