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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 17/2018
Angst
In der Gesellschaft rumort es: Ein Gefühl wird politisch
Der Inhalt:

Gefährlicher Schlingerkurs des Papstes

Der Vatikan wird zum Schauplatz öffentlich ausgetragener Richtungskämpfe, der Papst mit Vorwürfen konfrontiert. Reformen verursachen oft Spaltungen. Das muss Franziskus in Kauf nehmen und jetzt Führungsstärke beweisen. Ein Kommentar von Michael Schrom
Der Papst hat viele Reformen angestoßen, aber bringt er sie auch zu Ende?  (Foto: pa/ Spaziani)
Der Papst hat viele Reformen angestoßen, aber bringt er sie auch zu Ende? (Foto: pa/ Spaziani)

Den Jüngern Christi, so formuliert es ein berühmtes Wort über die Kirche aus dem Zweiten Vatikanischen Konzil, ist nichts Menschliches fremd. Anscheinend gilt das nicht nur für Trauer, Angst, Freude und Hoffnung der Menschen, die im Herzen der Kirche, vor allem ihrer Amtsträger, Widerhall finden sollen. Es gilt genauso für das Abgründige: Missgunst, Wut, Neid, Rache, Begierde, Vertuschung, Intrige …

Dieser Artikel stammt aus Publik-Forum 17/2018 vom 07.09.2018, Seite 10
Angst
Angst
In der Gesellschaft rumort es: Ein Gefühl wird politisch

Die Welt wird gerade Zeugin, wie der Vatikan in einer geistig-moralischen Krise zum Schauplatz öffentlich ausgetragener Richtungskämpfe wird. Ein ranghoher Bischof, Insider der Verwaltung und ehemaliger Nuntius in den Vereinigten Staaten, fordert öffentlich den Rücktritt des Papstes. Franziskus habe, so der Vorwurf, nicht nur früh von den Missbrauchsvorwürfen gegen Kardinal McCarrick gewusst, sondern auch Sanktionen, die Benedikt XVI. gegen diesen verhängt habe, rückgängig gemacht. Ist Franziskus, der »Papst der Barmherzigkeit«, in den eigenen Reihen zu »barmherzig«, wenn es um schwere Straftaten geht?

Reformer erzeugen in Übergangskrisen immer Chaos

Der Vorwurf ist ebenso heftig wie die Reaktionen darauf. Ausgerechnet erzreaktionäre Kardinäle finden es auf einmal völlig normal, dass Bischöfe den Rücktritt des Papstes fordern. Andere weisen auf die Ungereimtheiten in der pamphletartigen Anklage hin. Derweil fordert der prominente Theologe Paul Michael Zulehner die deutschen Bischöfe auf, ihre Solidarität mit Franziskus deutlicher zu bezeugen. Wie Seismografen zeugen solche Aktionen von der extremen Spannung im Epizentrum der katholischen Kirche. Dass sich Kirchenführer »zerfleischen«, ist für den Jesuiten Klaus Mertes wiederum, der den Missbrauch am Berliner Canisius-Kolleg öffentlich machte, ein Zeichen dafür, »dass die Aufklärung vorankommt«. Reformen verursachten immer Spaltungen.

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Aber kommen die Reformen voran? Gewiss: Franziskus hat die höfische Etikette abgeschafft und freie, kontroverse Rede ermöglicht. Er hat der Kurie öffentlich Geistlosigkeit und Trägheit vorgeworfen. Das hat jenen Mut gemacht, die das ebenso sehen – aber auch Wut erzeugt. Dass sie in Übergangskrisen Chaos verursachen, ist das Schicksal aller Reformer, mögen sie Gorbatschow oder Franziskus heißen. Umso wichtiger wäre es, dass der Papst klar sagt, wohin es gehen soll, und Regelungen schafft, um dies umzusetzen.

Der Missbrauchsskandal, der die Kirche mit voller Wucht wieder eingeholt hat, zwingt zu tiefer Ursachenforschung und energischem Handeln. Man darf konservativen wie liberalen Gläubigen ein ehrliches Entsetzen über das Ausmaß des Skandals unterstellen. Doch ihre Erklärungsversuche stehen sich diametral gegenüber. Liberale Theologinnen und Theologen sehen das Problem letztlich im religiösen Machtmissbrauch, in der Idealisierung einer Institution und im männerbündischen Klerikalismus begründet. Konservative Theologen betonen dagegen den Verlust des Sündenbegriffs, den Einzug einer laxen Sexualmoral in die Mauern der heiligen Kirche und wittern »homosexuelle Netzwerke«, die sich an Jungs vergreifen. Der Kurs der Kirche – inklusive Sexualethik und Personalpolitik – wird davon abhängen, welche Deutung sich hier durchsetzt.

Franziskus sendet doppeldeutige Signale

Franziskus sendet doppeldeutige Signale. Einerseits kritisiert er den Klerikalismus, andererseits scheint er auch jenen recht zu geben, die in der Homosexualität eine brandgefährliche Bedrohung für die Kirche sehen. In diesem Schlingerkurs liegt das Problem. Der Papst hat Projekte angeregt, die die katholische Kirche nachhaltig verändern könnten. Er wollte die Rolle der Diakoninnen untersuchen lassen, was zu einer Öffnung der Weiheämter für die Frau führen könnte. Ein Kreis aus Kardinälen sollte eine Reform der Kurie erarbeiten, was zu mehr Gewaltenteilung führen würde. Und für Missbrauchsfälle sollte ein eigener Gerichtshof geschaffen werden, was eine tiefere Aufarbeitung des hochkomplexen Feldes zwischen Macht und Sexualität bedeutet hätte. All diese Projekte sind versandet oder stecken im Stadium der Idee. Werden sie nicht weiterverfolgt, bleibt eine Kirche zurück, die gespalten und unentschlossen vor sich hin dümpelt, anstatt unter den Bedingungen der Gegenwart vom Reich Gottes zu sprechen.

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Heidrun Meding
20.09.201816:39
Das Zaudern des Papstes Franziskus könnte schwerwiegende Gründe haben.
Würde er den Vatikan "vom Kopf auf die Füße stellen", also das gesamte vatikanische Unwesen aufmischen wie seinerzeit Jesus, als er die Händler aus dem jüdischen Tempel verbannt hat, dürfte dies erhebliche Folgen für ihn haben. Denken wir doch nur an den 38-Tage-Papst Albino Luciani, der sich Johannes Paul I. nannte.
Er wollte lediglich die kriminellen Machenschaften der Vatikanbank ("Institut der guten Werke") aus der Welt schaffen. Das war den vatikanischen Drahtziehern und Hintermännern wohl zu viel des Guten.
Das Ende seiner Amtszeit kennen wir. Er wurde nicht weiter ärztlich untersucht, sondern auf schnellstem Wege einbalsamiert. Eine Todesursache sollte zu keinem Zeitpunkt festgestellt und dokumentiert werden.
Franziskus kennt diese "Geschichte" und verhält sich bedeckt.
Richtige Reformen hat er bisher nicht angestoßen oder ins Werk gesetzt. Warum wohl nicht?
Paul Haverkamp
07.09.201815:34
Franziskus hat es versäumt, sowohl dem Thema „Sexualität“ für das 21. Jahrh. ein nachvollziehbares Gesicht zu geben, dem großen Thema „Ökumene“ einen richtungsweisenden Impuls zu geben als auch das Thema „Frauenordination“ endlich einer aufgeklärten Position zuzuführen.

Franziskus macht ein um das andere Mal deutlich, dass er sich zu wirklichen Reformen nicht aufraffen kann. Oder macht er uns durch seine Gesten-Show nur deutlich, wie unfähig und ohnmächtig er in Wirklichkeit ist?

Von diesem Papst haben wir nichts mehr zu erwarten: Keine Reformen, keine Entscheidungen, die die kath. Kirche ins 3. Jahrtausend führen werden. Dieses Pontifikat wird damit enden, dass wir alle sagen werden: Franziskus hat die notwendigen Reformnotwendigkeiten keinen Schritt weiter voran gebracht.

Schrom schreibt: „unter den Bedingungen der Gegenwart vom Reich Gottes zu sprechen.“ Doch es bleibt wohl die Sprache des Mittelalters. Die Zeichen der Zeit versteht man in Rom nicht!


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