Gott auf dem Majdan
Als ein Passant seine Notdurft an einem Baum auf der Grünfläche oberhalb des Majdan-Platzes verrichten will, hält es Igor und Alexij nicht mehr auf ihren Plätzen. Die jungen Männer springen von der Bank auf, packen ihn unsanft und nehmen ihn heftig ins Gebet: Ob er nicht wisse, dass dies heiliger Boden sei, ein Ort, an dem Menschen für die Freiheit gestorben sind? Ihre wütenden Worte mischen sich mit dem liturgischen Gesang der Priester, die in einer kleinen Holzkapelle einen Gedenkgottesdienst feiern. Die Sonne ist fast untergegangen, und auf dem Bürgersteig vor der Kapelle flackern Kerzen vor den Porträts der »Himmlischen Hundert«, die in Kreuzform aufgestellt sind. Die »Himmlischen Hundert« – so nennen sie im Volksmund die Opfer, die am 19. Februar 2014 bei dem Einsatz der Spezialkräfte ums Leben kamen. Allein der Name ist schon eine vorweggenommene Heiligsprechung. Er rückt die Bewegung des Euro-Majdan ebenso in sakrale Sphären wie die Kerzen und die Gottesdienste in der ohne Genehmigung errichteten Holzkirche auf der Grünfläche.
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