Romantipp: »An einem Seitenarm des Río Magdalena«
Aus der Befreiungstheologie erwächst Hoffnung inmitten von Gewalt

Roman. »Paulina Lazcarros Leiche wurde nie gefunden.« Mit einem harten, knappen Satz beginnt der Roman von Marbel Sandoval Ordóñez. Er spielt in Kolumbien und erzählt die Geschichte von zwei Mädchen, die in einer Ölarbeiterstadt am Río Magdalena leben. Sie lernen sich an einer katholischen Schule kennen und freunden sich an. Die jüngere, Sierva Maria, ist zwölf Jahre alt und lebt mit ihrer Mutter in armen Verhältnissen. Die etwas ältere Paulina ist mit Mutter und Geschwistern drei Jahre zuvor in die Stadt geflohen. Paramilitärische Trupps hatten ihre Finca überfallen und sie von ihrem Land vertrieben. Ihr Vater wurde erschossen.
Die Autorin macht die Gewalt sichtbar, die Drogenkartelle, Ölkonzerne, Paramilitärs und andere ausüben. Die beiden Mädchen erzählen abwechselnd. Sierva Maria trauert um ihre ermordete Freundin und will Aufklärung. Paulina spricht als Tote. Aus einer Art endloser Nacht heraus berichtet sie, wie sie und ihre Mutter es wagten, zur Finca zurückzukehren, wie sich Schnellboote näherten, Schüsse fielen, was die Männer ihr antaten. »Heute weiß ich, dass es die Ewigkeit gibt. … Die Ewigkeit ist ein Schrei, den keiner hört, ist die Stimme, die nicht nach draußen dringt, ist das Herz, das wild schlägt, sind die Beine, die zittern und versagen ... und das Sehnen, dass alles endlich und für immer aus ist.« Doch es gibt auch Hoffnung. Die Mädchen hatten Katechismus-Unterricht bei einem Priester, der der Theologie der Befreiung verbunden ist. Sierva Maria, die Überlebende, schöpft daraus Kraft, gewinnt an Selbstbewusstsein und Selbstbestimmung.
? Marbel Sandoval Ordóñez: An einem Seitenarm des Río Magdalena. Aus dem kolumbianischen
Spanisch von Erich Hackl. Bahoe Books.
180 Seiten. 22 €




