Thomas Hettche: Liebe
Eine Hymne auf den Sex und die Liebe im Alter

Roman. »Was ist die Liebe?«, fragt schon auf der ersten Seite die männliche Hauptfigur Max, und in den folgenden 160 Seiten des neuen Romans von Thomas Hettche wird dieser Frage nachgegangen. Es ist die Erzählung einer Altersliebe. Max ist Ocularist in Berlin – er stellt also Glasaugen her. 63 Jahre ist er alt, und nach zwei gescheiterten Beziehungen, aus denen jeweils ein Kind hervorgegangen ist, glaubt er, dass das Thema Liebe für ihn vorbei ist. Auf einer Party in Stralsund trifft er auf die ein paar Jahre jüngere Anna, die dort wohlsituiert in einer erstarrten Ehe lebt. Im Dunkeln auf einem Steg reden die beiden stundenlang miteinander, es herrscht »ein selbstverständliches Verständnis zwischen ihnen«. Wie es zum »Wunder« ihrer späten Liebe kam, wie deren Unbedingtheit Ängste, Konventionen und Hemmnisse überwindet, wie sie einander begehren und sich immer näherkommen, davon erzählt der Roman in Rückblenden. Denn in der Erzählgegenwart sind die beiden seit zehn Jahren ein Paar, und Max erinnert sich an die Anfänge ihrer Liebe just in dem Moment, wo Anna ins Krankenhaus muss … Thomas Hettche, der übrigens mit einer medienphilosophischen Arbeit »Animationen: Geschichte von Anatomie und Pornographie auf der Folie Venedigs« promovierte, gelingt es, dem Wesen der Liebe tiefgründig nachzuspüren: Platon und Hegel werden zitiert, und insbesondere Hegels Satz »Die Liebe ist unwillig über das noch Getrennte« begleitet Max, bis er endlich mit Anna zusammenkommt. Wer fürchtet, trocken-akademische Reflexionen zur Liebe vorgesetzt zu bekommen, sei beruhigt. Denn Thomas Hettches große Kunst besteht darin, für den Sex zwischen Max und Anna eine Sprache zu finden, die das Sinnliche in schönen Sprachbildern evoziert und zugleich durchscheinend macht für das Geheimnis der Liebe.
Thoms Hettche: Liebe.
Kiepenheuer & Witsch. 165 Seiten. 22 €




