Marlow Moss
Die vergessene Avantgardistin

Ausstellung. Es ist erstaunlich, dass eine der bekanntesten Pionierinnen der abstrakten Kunst so in Vergessenheit geraten konnte. Dabei verkehrte die Malerin und Bildhauerin Marlow Moss als eine der wenigen Frauen in den renommiertesten avantgardistischen Künstlerkreisen ihrer Zeit.
Nun sind ihre Werke unter dem Titel »Räume schaffen« im Berliner Georg-Kolbe-Museum erstmals in einer großer Einzelausstellung in Deutschland zu sehen. Gezeigt werden Skulpturen, Gemälde, Fotografien und Skizzen.
Moss war Konstruktivistin, das heißt, sie arbeitete in einer modernen Formsprache mit grundlegenden geometrischen Körpern wie Kugeln, Kegeln und Ellipsen, wollte Raum, Licht, Bewegung erforschen. Dazu nutzte sie mathematische Formeln. Einige ihrer Skulpturen muten so leicht an, als bestünden sie aus gefaltetem Papier statt aus Bronze. Die auf wenige Farben und Linien reduzierten Zeichnungen und Gemälde erinnern an Piet Mondrian. Kein Wunder, denn die beiden waren durch eine tiefe Freundschaft verbunden und inspirierten sich gegenseitig. Heute gilt Moss als Erfinderin jener innovativen Doppellinie der Moderne, die Mondrian später aufgriff.
Moss wurde am 29. Mai 1889 als Marjorie Jewel Moss in eine wohlhabende jüdische Familie in London geboren. Sie studierte an verschiedenen Kunstschulen, zog nach Paris, stellte dort regelmäßig aus und war ein aktives Mitglied der Kunstszene. Mit 20 Jahren hatte sie begonnen, sich Marlow zu nennen, und trug kurze Haare und Männerkleidung. 1929 lernte sie die niederländische Schriftstellerin Netty Nijhoff kennen. Die beiden blieben ihr Leben lang ein Paar.

Doch als queere Jüdin, die »entartete« Kunst schuf, war Moss in mehrfacher Hinsicht gefährdet, als die Nazis 1940 in Holland einmarschierten, wo sie mit Nijhoff lebte. Moss floh in einer riskanten Überfahrt mit dem Boot nach Cornwall. Dort ließ sie sich taufen, womöglich, um der Verfolgung zu entgehen.
Nahezu alle ihre Werke wurden 1944 durch einen Bombenangriff auf ihr Atelier in der Normandie zerstört. In den 1950er-Jahren hatte sie noch einige beachtete Ausstellungen, konnte aber an ihren großen Erfolg vor dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr anknüpfen. Marlow Moss lebte bis zu ihrem Tod 1958 recht zurückgezogen mit Netty Nijhoff in Cornwall. Bei den Anwohnern war sie sehr beliebt. Sie nannten die sanfte Person, die stets leise sprach und die Kinder zu Weihnachten beschenkte, »kleiner Engel«.
Bis zum 26. Juli bietet das Georg-Kolbe-Museum die Gelegenheit, die zeitlos moderne Kunst dieser außergewöhnlichen Frau wiederzuentdecken.
»Räume schaffen. Die Konstruktivistin Marlow Moss« ist bis zum 26. Juli im Georg-Kolbe-Museum in Berlin zu sehen




