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Ein Buch fürs Leben …
ein gefährliches Land

von Norbert Copray vom 22.11.2023
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Der Terrorkrieg der Hamas mit ihren unmenschlichen und gewaltexzessiven Attacken gegen Israel hat mich wie viele geschockt. Ich erlebe wie mit Russlands Krieg gegen die Ukraine einen Rückfall in die Barbarei. Viele hundert Bücher über den Holocaust, den Nationalsozialismus und den Antisemitismus habe ich in den vergangenen Jahrzehnten gelesen; bei etlichen stockte mir der Atem, wenn Augenzeugenberichte und Betroffenenprotokolle aus den Konzentrationslagern zu lesen waren. Jetzt las ich das neue von C. Bernd Sucher »Unsichere Heimat« (Piper) über »jüdisches Leben in Deutschland 1945 bis heute«. Auch angesichts der Wahlerfolge der rechtsextremen AFD eine wichtige Lektüre. Sucher war viele Jahre der Theaterkritiker der Süddeutschen Zeitung. Seit 1996 ist er Professor an der Hochschule für Fernsehen und Film in München. Er ist PEN-Mitglied und hat zahlreiche Bücher verfasst. In seinem bei Piper erschienenen Buch »Mamsi und ich« hatte er schonungslos seine Lebensgeschichte sowie sein Verhältnis zu seiner aggressiven und teils grausamen jüdischen Mutter offengelegt. Sie war aus dem KZ Belzec geflohen. Erniedrigt, gefährdet, geschmäht, schmäht und erniedrigt sie auch den Sohn, der sich das Verhalten erst nach ihrem Tod durch eigene Recherchen erklären konnte. Der Titel seines neuen Buches ist für mich nicht nur eine Beschreibung der Situation von Juden in Deutschland, sondern auch – psychoanalytisch gesehen – seiner eigenen inneren Existenz. Sucher zeichnet ein sehr informatives, nahezu umfassendes, kritisches und engagiertes Bild vom Judentum und von jüdischen Menschen in Deutschland. Es startet gleich mit der Beschreibung des nie verschwundenen Antisemitismus – weder durch die Niederlage des Deutschen Reiches im Zweiten Weltkrieg noch durch die Konfrontation mit den Nazigräueln in der Nachkriegszeit. Viele wollen das gar nicht mehr wissen, höchstens beiläufig. Das frühe Vorbild dafür wurde der erste deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer, der bei seiner ersten Regierungserklärung 1949 kaum ein Wort über den deutschen Völkermord an Juden verlor, geschweige denn über die erforderliche Solidarität mit den Opfern und Gequälten. Vielmehr machte er im »Land der Mörder« nicht nur Hans Globke zum Chef des Bundeskanzleramts, der schon in der Weimarer Republik antijüdischer Gesetzgebung den Boden bereitete, sondern auch Mitverfasser und Kommentator der Nürnberger Rassengesetze gewesen war. Für mich ein aussagekräftiges Symptom für die Kontinuität der Verwaltungseliten des Nazireichs und der Bundesrepublik. Der Antisemitismus ist aus Deutschland nie verschwunden; heute teilen über 20 Prozent starke bis schwache antisemitische Einstellungen. Deutschland ist für Juden immer noch ein gefährliches Land. Viele gewalttätige Übergriffen auf jüdische Menschen und Einrichtungen zeugen davon. Die »Erinnerungskultur« stört da gar nicht; es fehlt an Bildung vor allem in Schulen mit Pflichtunterricht über Holocaust, Völkermord und Rassismus. In Interviews mit namhaften Juden und Jüdinnen fundiert Sucher das Bild der ›unsicheren Heimat‹.

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