Glaubwürdig …
Sehnsucht nach einem Lebensglauben
In unserer Gesellschaft gibt es keinen öffentlichen Ort mehr für die großen Fragen des Lebens. Ausgenommen die Kirchen. Die aber sind mit sich selbst beschäftigt. Genauer: mit der Weitergabe uralter Glaubenslehren, die scheinbar fraglos und überzeitlich gültig sind. Ansonsten mit Bürokratie und Strukturreformen. Substanzielle geistige Auseinandersetzung mit den Themen der Zeit und mit der eigenen Aufgabe: Fehlanzeige. Für mich ist das traurig. Denn ich führe in letzter Zeit kaum ein Gespräch mit Freunden und Bekannten, das sich nicht um soziale Sorgen und Zukunftsängste dreht. Die Folgen des Klimawandels, der spürbare Respektverlust, die Macht der Konzerne und Milliardäre und die politische Ohnmacht, die absurde Bürokratisierung der Arbeit, das Absinken unseres einst so erfolgreichen Landes ins Mittelmaß, die Erstarkung der AfD und schließlich – von der Öffentlichkeit noch kaum bemerkt – der drastische Verlust geistiger Interessen und Leistungsbereitschaft auch bei den Jüngeren. Die Lektüre eines zweiseitigen Textes für ein Seminar an der Hochschule wird von vielen Studenten inzwischen als Zumutung empfunden, viele sind damit überfordert. Nur noch eine Minderheit verfügt in schriftlichen Arbeiten über eine akzeptable Sprachfähigkeit. Bücher lesen: wozu? Neugier und Begeisterungsfähigkeit scheinen zu den aussterbenden Dingen zu gehören.
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Joachim Kunstmann ist Professor für Religionspädagogik an der Pädagogischen Hochschule Weingarten. Er ist Vater von drei Kindern und versucht, sein Leben zwischen Schreibtisch, Oper, Ötztaler Alpen und Nordsee sinnvoll einzuteilen. Wichtig sind ihm seine Familie und vor allem die Menschen, die bereit sind, über existenzielle Fragen nachzudenken.

