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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 10/2021
Es brennt
Was der Nahost-Konflikt mit der weltweiten Krise der Demokratie zu tun hat
Der Inhalt:

Ökumenischer Kirchentag 2021
Wachstum und Nächstenliebe

vom 15.05.2021
Was heißt es, als Christenmensch in einem System zu leben, das Ungerechtigkeit und Umweltprobleme produziert und dennoch als alternativlos gilt? Darum ging es im Publik Forum-Podium »Christ:in sein im Kapitalismus«
Moderator Christoph Fleischmann (oben links) und die digital zugeschalteten Podiumsgäste (im Uhrzeigersinn) Sven Giegold, Mathias Binswanger, Agnes Frei, (Vorsitzende der Leserinitiative), Sérgio Rios Carillo und Julia Lis.
Moderator Christoph Fleischmann (oben links) und die digital zugeschalteten Podiumsgäste (im Uhrzeigersinn) Sven Giegold, Mathias Binswanger, Agnes Frei, (Vorsitzende der Leserinitiative), Sérgio Rios Carillo und Julia Lis.

Eigentum statt Teilen, Wettbewerb statt Solidarität, Gewinner und Verlierer statt Gleichberechtigung: Christlicher Glaube und Kapitalismus stehen in einem spannungsvollen Verhältnis. Das wurde am Freitag bei der von Publik-Forum-Redakteur Christoph Fleischmann moderierten Veranstaltung mit 360 Teilnehmenden deutlich.

Dieser Artikel stammt aus Publik-Forum 10/2021 vom 28.05.2021, Seite 32
Es brennt
Es brennt
Was der Nahost-Konflikt mit der weltweiten Krise der Demokratie zu tun hat

»Der Kapitalismus widerstrebt biblischen Gerechtigkeits- und Friedensvisionen«, betonte Julia Lis, Theologin am Münsteraner Institut für Theologie und Politik. Allein mit Blick auf die Klimakrise als Folge des zügellosen Wachstumszwangs sei Veränderung nötig – darin waren sich alle Podiumsgäste einig. Der Schweizer Ökonom Mathias Binswanger wies allerdings darauf hin, dass die kapitalistische Wirtschaft nicht einfach auf Wachstum verzichten könne: Es komme immer zu Zielkonflikten zwischen Wachstum und Naturverbrauch. Julia Lis wollte deswegen das Problem an der vermeintlichen Wurzel angehen und stellte den Kapitalismus insgesamt in Frage: Der sei historisch gesehen nie die einzige Wirtschaftsweise gewesen. Es müsste wieder ernsthaft darüber nachgedacht werden, wie wir eigentlich zusammenleben wollten – und zwar jenseits eines absurden Systems, das ständig neue Bedürfnisse erzeuge und dabei den Planeten ruiniere.

Dass es mit kleinen Korrekturen nicht getan ist, meinte auch Sven Giegold, Grünen-Politiker im Europaparlament. Er hofft auf Bewegungen wie Gewerkschaften als »Keimzellen von Wirtschaftsformen, die auf anderen Menschenbildern basieren« oder »Fridays for Future« mit ihrer Forderung »Listen to the science«, also auf die Wissenschaft zu hören. Sérgio Rios Carillo, Referent für Entwicklung und Politik bei der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, zeigte sich gegenüber einer grundsätzlichen Abkehr vom Kapitalismus skeptisch: Der Versuch, sozialistische Ideen in seinem Heimatland Nicaragua umzusetzen, habe zu diktatorischer Kontrolle geführt und letztlich nicht zu mehr Wohlstand im heute drittärmsten Land Mittelamerikas.

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Giegold sieht gerade jetzt nach der Corona-Pandemie ein Fenster der Gelegenheit für staatliche Weichenstellungen zur Erneuerung der Wirtschaft: Der Staat müsse jetzt in Form eines »Green New Deals« große ökonomische Ungerechtigkeiten wie Steuerdumping bekämpfen, und zugleich eine ökologische Transformation der Wirtschaft auf den Weg bringen. Hoffnungsvolle Ansätze dazu machte er beim US-Präsidenten Joe Biden aus.

Mathias Binswanger zeigte sich verhalten optimistisch: In Zeiten, in denen die Zufriedenheit nicht mehr materiell gesteigert werden könne, würden die Menschen vermehrt die Sinnfrage stellen. Seiner Meinung nach könnten sich auch die Kirchen in diese Diskussionen mehr einbringen. Sérgio Rios Carillo sieht die Kirchen dort bereits auf einem guten Weg, wo sie nicht nur Orte innerlicher Spiritualität sind, sondern auch zu politischem Engagement anleiten.

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