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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 10/2021
Es brennt
Was der Nahost-Konflikt mit der weltweiten Krise der Demokratie zu tun hat
Der Inhalt:

Wachstum und Nächstenliebe

von Lorenz Opitz vom 28.05.2021

Eigentum statt Teilen, Wettbewerb statt Solidarität, Gewinner und Verlierer statt Gleichberechtigung: Das Thema »Christsein im Kapitalismus« scheint erklärungsbedürftig zu sein. Das wurde bei der gleichnamigen, von Publik-Forum-Redakteur Christoph Fleischmann moderierten Veranstaltung mit ungefähr 360 Teilnehmenden deutlich.

Dieser Artikel stammt aus Publik-Forum 10/2021 vom 28.05.2021, Seite 32
Es brennt
Es brennt
Was der Nahost-Konflikt mit der weltweiten Krise der Demokratie zu tun hat

»Der Kapitalismus widerstrebt biblischen Gerechtigkeits- und Friedensvisionen«, betonte Julia Lis, Theologin am Münsteraner Institut für Theologie und Politik. Allein mit Blick auf die Klimakrise als Folge des zügellosen Wachstumszwangs sei Veränderung nötig – darin waren sich alle Podiumsgäste einig. Der Schweizer Ökonom Mathias Binswanger wies allerdings darauf hin, dass die kapitalistische Wirtschaft nicht einfach auf Wachstum verzichten könne: Es komme immer zu Zielkonflikten zwischen Wachstum und Naturverbrauch. Julia Lis stellte deswegen den Kapitalismus insgesamt infrage: Es müsse wieder darüber nachgedacht werden, wie wir zusammenleben wollten – und zwar jenseits eines Systems, das ständig neue Bedürfnisse erzeuge und dabei den Planeten ruiniere.

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Sven Giegold, Grünen-Politiker im Europaparlament, sieht die Möglichkeiten für ein wachstumsunabhängiges Wirtschaften nicht so pessimistisch wie Binswanger. Da die Klimakrise aber nicht warten könne, sei der derzeitige Wachstumszwang in »grüne« Bahnen zu lenken. Der Staat müsse mit einem »Green New Deal« ökonomische Ungerechtigkeiten wie Steuerdumping bekämpfen und zugleich eine ökologische Transformation der Wirtschaft anstoßen. Giegold hofft zudem auf Bewegungen wie Gewerkschaften als »Keimzellen von Wirtschaftsformen, die auf anderen Menschenbildern basieren«, oder auf Fridays for Future mit ihrer Forderung, auf die Wissenschaft zu hören. Sérgio Rios Carillo, Referent für Entwicklung und Politik bei der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, ist skeptisch gegenüber einer grundsätzlichen Abkehr vom Kapitalismus: Der Versuch, sozialistische Ideen in seiner Heimat Nicaragua umzusetzen, habe zu diktatorischer Kontrolle geführt, aber nicht zu mehr Wohlstand im heute drittärmsten Land Mittelamerikas.

Am Ende der Debatte überwog dennoch der Optimismus: Weil die Zufriedenheit nicht mehr materiell gesteigert werden könne, würden Menschen vermehrt die Sinnfrage stellen, hob Mathias Binswanger hervor. Darin liege auch eine Chance für die Kirche. Sérgio Rios Carillo sieht sie bereits dort auf einem guten Weg, wo sie nicht nur Ort innerlicher Spiritualität ist, sondern sich auch politisch einmischt.