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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 18/2018
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Wie es geht. Was es bringt. Worauf man achten muss
Der Inhalt:

Katholisch bleiben?

Der Missbrauchsskandal erschüttert die katholische Kirche in ihren Grundfesten – in Deutschland und in anderen Ländern. Was folgt daraus für die Gläubigen? Kann man noch in dieser Kirche bleiben? Oder sollte man jetzt austreten? Persönliche Gedanken von Michael Schrom
Wird sich die katholische Kirche weiter leeren, angesichts des Missbrauchs durch Priester, Diakone und Ordensleute? Oder kann es gelingen, nicht nur neue Kirchengebäude zu errichten, sondern die Kirche auch innerlich zu erneuern? Michael Schrom, Ressortleiter Theologie bei Publik-Forum, macht sich Gedanken über die Zukunft der Kirche (Fotos: istockphoto/tirc83; Publik-Forum)
Wird sich die katholische Kirche weiter leeren, angesichts des Missbrauchs durch Priester, Diakone und Ordensleute? Oder kann es gelingen, nicht nur neue Kirchengebäude zu errichten, sondern die Kirche auch innerlich zu erneuern? Michael Schrom, Ressortleiter Theologie bei Publik-Forum, macht sich Gedanken über die Zukunft der Kirche (Fotos: istockphoto/tirc83; Publik-Forum)

Es ist zum Kotzen. Und zum Heulen. Zum Verrücktwerden und zum Verzweifeln. Ich habe die katholische Kirche gemocht, von Kindesbeinen an. Ich schätzte ihre Kunst, die Symbolik ihrer Riten, das Temperament der aufbrausenden Orgel und die verschwebende Stille, die sie hinterließ. Schon als Kind hörte ich fasziniert die Geschichten von Jesus und las die Biografien von Heiligen, von Franziskus bis Oscar Romero.

Dieser Artikel stammt aus Publik-Forum 18/2018 vom 21.09.2018, Seite 35
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Wie es geht. Was es bringt. Worauf man achten muss

Als Ministrant sah ich aus nächster Nähe Hochzeitspaare, die vor Glück weinten, und Trauernde, die unter Tränen ins Grab starrten, während der Pfarrer halblaut betete: Zum Paradiese mögen dich die Engel geleiten. Insgeheim hoffte ich, dass es stimmen möge. Später bewunderte ich das Mönchtum, das mit seinem Sinn für Schönheit, Form und Gastfreundschaft Kulturlandschaften prägte. Ich liebe es bis heute, wenn ich mich in ein Kloster zurückziehen kann – und es hat mich schon als junger Mann beeindruckt, dass Karmelitinnen an den Außenmauern des Konzentrationslagers Dachau ein Leben im Gebet führen und durch ihre Präsenz die Musealisierung der Gedenkstätte verhindern.

Das Versagen der Verantwortlichen

Ich fand, dass die Kirche die richtigen Fragen stellte. Ich fühlte mich wohl im Kreise jener, die nach dem Sinn des Lebens suchten, nach dem Reich Gottes Ausschau hielten und fragten, wie sie daran mitarbeiten können. Heute habe ich vor allem eine Frage: Wie konnte es passieren, dass Vertreter dieser Kirche über Jahre hinweg Menschen, die ihnen vertrauten, sexuell missbrauchten? Warum haben die Verantwortlichen systematisch weggeschaut und so den Missbrauch am Laufen gehalten? Ich frage mich, was mich noch mit einer Kirche verbindet, die diese Gewaltgeschichte jahrzehntelang systematisch vertuschte, weil ihr die Opfer weniger wert waren als das Ansehen ihrer geweihten Häupter? Und das weltweit nach demselben Muster. Wie ist es zu erklären, dass eine Institution, die einst eine Vorreiterrolle im Kinderschutz hatte und deren Verdienste im Kampf gegen Kinderarbeit und für Bildung unbestritten sind, sich so schändlich und verbrecherisch verhält?

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Mich tröstet es nicht, wenn darauf hingewiesen wird, dass die meisten Missbrauchsfälle im familiären Umfeld passieren und dass es auch anderswo sexuellen Missbrauch in noch größerem Ausmaß gibt. Das ist keine Entschuldigung. Es macht mich fassungslos, wenn dies in christlichen Medien relativierend als Entschuldigung verwendet wird, während man gleichzeitig darüber spekuliert, ob es klug war, in die Öffentlichkeit zu gehen und darüber mit Vertretern der Medien zu sprechen. Als ob es ohne sie und den daraus resultierenden Druck jemals Aufklärung und interdisziplinäre Debatten zwischen Theologie, Psychologie und Kriminologie gegeben hätte. Es ist, als würde man einen Anwalt beschuldigen, das Unrecht, das er anprangert, selbst verursacht zu haben. Die Selbstreinigungskräfte der Kirche haben gerade nicht funktioniert!

Es muss eine andere Gestalt von Kirche geben

Sexueller Missbrauch zerstört die Schutzhaut von Menschen und hinterlässt Wunden, die nicht mehr heilen. Wenn ich mir dies vor Augen führe und an die (mindestens) 969 Ministranten denke, die in Deutschland im Schutzraum der Kirche von Klerikern missbraucht wurden, steigt kalte Wut in mir hoch. Ich frage mich, ob ich das Glaubensbekenntnis noch mitsprechen kann, besonders die Formulierung: »Ich glaube an die heilige katholische Kirche.« Dabei kann ich dem Gedanken, dass die Kirche eine transzendentale Wirklichkeit ist, die sich nicht in den Strukturen, Denkmodellen und Grenzen dieser Welt erschöpft, durchaus etwas abgewinnen. Ich weiß auch, dass mit dieser Passage kein Bekenntnis zu einer konfessionellen Kirchenverfassung gemeint ist. Kirche als einen von Gott her vorgegebenen Raum des Heils zu verstehen, der sich konkret in der Geschichte verwirklicht, war und ist mir ein wertvoller Gedanke – vorausgesetzt, man verwechselt Kirchengeschichte nicht mit Heilsgeschichte. Aber können Kirchenführer, die das Evangelium verraten haben – man denke nur an die Passagen über die Kinder bei Matthäus –, noch glaubhaft für eine solche Wirklichkeit einstehen?

Es muss eine andere Gestalt von Kirche geben – um des Evangeliums willen. Niemand kann sagen, dass die Probleme nicht bekannt sind. Jahrzehntelang haben engagierte Christen Vorschläge zur Reform gemacht. Sie fanden kein Gehör. Ein Blick in die Geschichte aber zeigt, dass auch Religionen untergehen können, wenn sie nicht mehr plausibel sind oder ihre Repräsentanten im selbstgefälligen Beschwören alter Gewissheiten verharren. Das kann man gut in Rom studieren, etwa bei einem Spaziergang durch die Ruinen der Tempel im Forum Romanum. Wenn die katholische Kirche in Europa nicht zu einer solchen Museumslandschaft werden soll, brauchen wir eine neue Form des Kirche-Seins. Jetzt.

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Heidrun Meding
01.10.201811:40
Verfasser Michael Schrom zählt dem eigenen Bekunden nach zu den Millionen von Getäuschten, die den Worten und Behauptungen kirchlicher Amtsträger mit dem Priesterkragen vertraut haben. Warum eigentlich? Das Verhalten insbesondere der katholischen Kirche war zu keiner Zeit vertrauenswürdig und auch niemals glaubwürdig. Im Übrigen sehe ich im Gegensatz zu Michael Schrom auch keine "Verdienste" der christlichen Kirche(n). Welche sollten dies sein? Ich sehe bereits von Kindesbeinen an eine massive Diskrepanz zwischen den Evangelien und dem Verhalten der kirchlichen Funktionsträger, bezogen auf die Inhalte der Evangelien.
Eine "heilige katholische Kirche" gab es nie, und es wird eine solche auch niemals geben. Dazu ist alles, was als kirchlich bezeichnet wird, gleichermaßen Menschenwerk wie unser alltägliches Leben.
Mit dem Unterschied, dass es sich insbesondere innerhalb der römischen Kirche eine Vielzahl von Prälaten ausgesprochen gut gehen lässt. Muss das sein? Nein, und nochmals nein
Paul Haverkamp
29.09.201818:21
Die einzige (!!!) Rettung der kath. Kirche besteht darin, dass sie sich selber eine radikale Rückkehr zu den jesuanischen Quellen verordnet.

Der Glaube des Jesus v. N. ist in einem einzigartigen Dokument, dem sog. „Katakombenpakt“, festgehalten worden. Wenn sich die Christen auf diese „gelebte“ jesuanische Fundament verständigen könnten: Fürwahr – den Christen ständen glorreiche Zeiten bevor in ihrem Verhältnis zu Gott und in ihrer Beziehung zu den Juden, aus deren Mitte Yeshua hervorgegangen ist: Für eine dienende und arme Kirche!

Das bedeutet Verzicht auf Macht, Reichtum, Pomp, Klerikalismus und eine alternativlose Hinwendung zu den Menschen. Gottesdienst ist Menschendienst und Menschendienst ist Gottesdienst.

Eine Kirche, die sich von der Menschenliebe und Weltoffenheit Jesu inspirieren lässt (Das hat mit Zeitgeist-Denken nichts zu tun!), wird mehr Menschen für Jesus Christus gewinnen als eine, die eine komplizierte Glaubenslehre exklusiv und menschenfern verwaltet.
Georg Lechner
29.09.201817:54
Ich hatte ja das Glück, ohne diese Erfahrung aufzuwachsen und auch sonst eine konzilsgeprägte Offenheit im Ordensgymnasium zu erleben. Diesem Umstand verdanke ich, Anregungen von "außen" (auch wenn Hugo Ball selbst ein frommer Mensch war) als Fortentwicklung biblischer Gottesvorstellungen sehen zu können. Die Autoren der biblischen Texte waren klarerweise von einem personalen Gottesverständnis geprägt, dennoch sind etwa das Bilderverbot oder manche Texte des NT (wie etwa "im Himmel wird weder geheiratet noch zur Ehe genommen") durchaus für eine apersonale Interpretation im Sinne Balls ("Freiheit der Geringsten in der Gemeinschaft aller") offen. Eine solche Sicht ist aber dem machtbesetzten elitären Verständnis (das zunehmend als eigentlicher Antrieb der pädophilen Versündigungen gesehen wird und auch von religionsoffenen, aber schon kirchenfremden Zeitgenossen mehr oder weniger vehement abgelehnt wird) völlig inkongruent.
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