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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 4/2012
Ende eines Traums?
Die Zukunft der arabischen Revolution
Der Inhalt:

Drei Kugeln trafen Abid

von Thomas Schneider vom 04.05.2012
Er kämpfte in Tunesien für seine Zukunft - und hat sie verloren. Youssef kämpfte ebenfalls für seine Zukunft - und hat sie gewonnen. Eine Revolution und zwei Gesichter

Youssefs Tag ist zu kurz. Morgens müsste er zur Vorlesung in die Uni, aber zeitgleich gibt es eine Demonstration gegen die Islamisten, die er beobachten will. Nachmittags ist Praktikum im Krankenhaus, aber Youssef muss über die Demo einen Bericht schreiben und Fotos auswählen, die heute noch online gestellt werden sollen. Abends wäre Lernen für die nächste Klausur dran, doch Youssef hat eine Sitzung der »Jungen Unabhängigen Demokraten«, deren Gründungsmitglied er ist. Seit der tunesischen Revolution vor einem Jahr hat er kaum noch Zeit für sein Medizinstudium. Demokratie macht ihm Spaß. Doch es ist nicht leicht, ein gewissenhafter Student und zugleich ein gewissenhafter Demokrat zu sein. »Wir erleben eine neue, einmalige Situation in unserem Land«, sagt er, »alles ist in Bewegung. Da muss jeder Zeit opfern.«

Abid hat sein Opfer für die Demokratie schon vor einem Jahr gebracht, und seitdem hat er mehr freie, leere Zeit, als ihm lieb ist. Als er zu seiner ersten Demonstration ging, schoss die Polizei auf die jugendlichen Demonstranten, und Abid wurde dreimal getroffen: einmal ins Bein, zweimal in den rechten Arm. Den kann er nun nicht mehr bewegen, und darum findet er keine Arbeit. Nicht weit von Abids Zuhause hat jemand auf eine Wand gesprayt: »Wir wollen Brot oder eine zweite Revolution!« Manchmal noch sieht sich Abid auf Youtube die Videos an von den aufregenden Tagen im Januar 2011. Aber dass Demokratie Spaß machte oder zu etwas nützlich sein könnte, den Gedanken hat Abid abgehakt. »Mir geht es schlechter als vor der Revolution«, sagt er. Und sein Vater ergänzt: »Ich hatte immer gehofft, mein Sohn könne mir im Alter einmal eine Stütze sein. Nun ist er erwachsen und mit seinem Arm selbst auf Hilfe angewiesen.«

Abid ist 19, Youssef 22 Jahre alt. Es waren vor allem junge Leute wie sie, die in Tunesien gegen die Diktatur protestierten. Der scheinbar allmächtige Präsident Ben Ali hatte schon geherrscht, als Youssef und Abid noch gar nicht geboren waren. Und während sich viele Erwachsene damit abgefunden hatten, dass diese Herrschaft ewig dauern würde, gingen die Jugendlichen auf die Straße - oft genug gegen das elterliche Verbot. Wenn man ältere Tunesier heute auf der Straße fragt, worauf sie stolz sind, erhält man häufig die Antwort: »Auf unsere Jugend, der wir die Revolution verdanken.« Und als im Oktober zum ersten Mal eine freie Wahl in Tunesien stattfand, klangen die Vertreter aller Parteien ganz ähnlich, als sie verspr

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