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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 20/2016
Was die Gesellschaft zusammenhält
Ein Gespräch mit dem Philosophen Hans Joas
Der Inhalt:

Was die Gesellschaft wirklich zusammenhält

Immer wenn Probleme unlösbar erscheinen, wird eine Wertedebatte gefordert. Doch für den Philosophen Hans Joas wird die Bedeutung einer gemeinsamen Moral für den Zusammenhalt einer Gesellschaft überschätzt: Es braucht viel mehr. Das Interview mit ihm ist die Titelgeschichte im neuen Publik-Forum
"Werte werden überschätzt in ihrer Bedeutung für die Gesellschaft", sagt der Philosoph Hans Joas. Aber was, wenn nicht Werte, hält die Gesellschaft dann zusammen? (Foto: Pritzkuleit)
"Werte werden überschätzt in ihrer Bedeutung für die Gesellschaft", sagt der Philosoph Hans Joas. Aber was, wenn nicht Werte, hält die Gesellschaft dann zusammen? (Foto: Pritzkuleit)

Publik-Forum: Herr Professor Joas, seit Ihren Büchern über die Entstehung von Werten und Menschenrechten gelten Sie als Experte für moralische Grundsatzfragen. Werden Sie auch im privaten Kreis um Rat gefragt?

Hans Joas: In meinem Bekanntenkreis meidet man das Thema eher, damit ich nicht anfange, langwierige Darlegungen zu machen (lacht). In der Öffentlichkeit haben Erörterungen über »Werte« jedoch Hochkonjunktur. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: die Migration und das Gefühl, dass die Integration früherer Einwanderer nicht optimal verlaufen ist. Oder präziser: dass manche, die hier geboren sind, weniger integriert erscheinen als ihre zugewanderten Eltern oder Großeltern. Das führt dann ganz schnell in einen Wertediskurs.

Trotzdem haben Sie auf dem Katholikentag in Leipzig gesagt, Werte werden überschätzt in ihrer Bedeutung für die Gesellschaft.

Joas: Immer dann, wenn es Probleme im gesellschaftlichen Zusammenhalt gibt, meinen viele, wir müssten diese Probleme über Werte lösen. Doch es stimmt einfach nicht, dass gemeinsame Werte die Hauptquelle gesellschaftlichen Zusammenhalts sind.

Was hält eine Gesellschaft dann zusammen?

Joas: Erstens: ein von allen erlebter wirtschaftlicher Erfolg. Das Wirtschaftswunder war ein wesentlicher Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland nach dem Krieg. Ohne wirtschaftlichen Aufschwung wäre die Akzeptanz für die neue Demokratie vielleicht gar nicht entstanden. Viele Leute akzeptieren in Maßen sogar soziale Ungleichheit, wenn sie das Gefühl haben, das Wirtschaftssy

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