Der entfesselte Donald
Was dem republikanischen Kandidaten den Boden unter den Füßen und den Rest von Goodwill eines Großteils der Partei-Elite weggezogen hat, ist nicht die Summe seiner politischen Defizite, der offene Rassismus, die geschäftlichen Bankrotterklärungen, die zahllosen Betrugsmanöver oder sonstige Skandale. Zu Fall gebracht hat den siebzigjährigen Donald Trump ein »Pussygate«: ein elf Jahre altes Video, in dem er auf übelste Weise mit sexuellen Übergriffen prahlt.
Da hörte für die Trump-Unterstützer in der Parteispitze der Spass auf. Ein Skandalvideo, das Wählerinnen verprellt, die gesellschaftlich konservativen Werte der Partei untergräbt und die Würde der eigenen Frauen, Töchter und Enkeltöchter beschmutzt – das konnten sie ihm dann doch nicht durchgehen lassen. Mehr als 15o Kongressabgeordnete, Senatoren und Gouverneure kehrten Donald Trump nach Bekanntwerden des Videos den Rücken und versetzten seiner Kandidatur einen kräftigen Tritt in den freien Fall.
Zweite Fernsehdebatte stoppt Trumps freien Fall
In der zweiten Fernsehdebatte versuchte Trump seine sexuellen Entgleisungen (»Wenn Du ein Star bist, kannst Du Dir alles erlauben. Du kannst sie auch an der Muschi fassen ...«) mit dem unter Sportlern üblichen Umkleidekabinen-Geschwätz zu entschuldigen. Namhafte Athleten haben sich von der Unterstellung distanziert, doch ein beträchtlicher Teil der Amerikaner hat die Erklärung akzeptiert. Weil Trump in der Debatte dann besser abschnitt als erwartet, konnte er die Massenabwanderung und den totalen Absturz seiner Kampagne kurzfristig stoppen.
Doch Pussygate zieht Kreise. Jeder Tag bringt neue einschlägige Enthüllungen. Für eine Partei, die so gerne auf christliche Moral und familiäre Werte pocht, ist der Kandidat Trump untragbar geworden. Führende Politiker wie Paul Ryan, der Sprecher des Repräsentantenhauses, machen sich nichts mehr vor: Die Wahl ist so gut wie verloren.
Ryan hat notgedrungen zu erkennen gegeben, wohin der Hase läuft: weg von Trump, hin zu den belagerten Kongressabgeordneten und Senatoren. Paul Ryan hätte Trump schon frühzeitig verhindern können. Doch dazu fehlte ihm das Rückgrat. Nun versucht er zu retten, was zu retten ist. Viel Erfolg wird ihm nicht beschieden sein. Die Risse in der Grand Old Party (GOP) sind tief und auf die Schnelle nicht zu kitten.
Trumps Vermächtnis: Verbrannte Erde
Wer sich dem notorisch dünnhäutigen Trump entgegenstellt, wird postwendend via Twitter bestraft. Nicht nur Paul Ryan, die gesamte Parteiführung spürt jetzt den Zorn des einst Allmächtigen. Trump hat den lange schwelenden Konflikt eskaliert und den »Verrätern in Washington« den Kampf angesagt. Verbrannte Erde will er schaffen. Den furchtlosen Rebellen spielen. Einer gegen Alle. »Wie befreiend ist es doch, die Fesseln abzustreifen«, frohlockte Trump nach seiner Abfuhr, »jetzt kann ich nach meiner Fasson für Amerika kämpfen«.
Wie sich der Entfesselte die noch verbleibende Frist bis zum 8. November vorstellt, lässt das Wall Street Journal durchblicken. Es gäbe eine neue Strategie, heißt es da unter Berufung auf Trump-Vertraute. Jetzt gehe es nicht mehr darum, neue, noch unentschlossene Wähler zu gewinnen, sondern die eigene Basis anzufeuern. Permanente und noch härtere Attacken auf Bill und Hillary Clinton sind geplant. Ihre E-Mails, seine Sexaffären und die »kriminellen Machenschaften« der Clinton Stiftung sollen wieder herhalten. Auch die »unehrlichen, voreingenommenen« Medien sollen weiter Zunder bekommen, und last not least will Trump eine mobile Truppe von Beobachtern organisieren. Sie sollen dafür sorgen, dass ihm die Wahl zum Präsidenten nicht ‘gestohlen’ wird.
»In dieser Woche hat er aufgehört, an seinen Sieg zu glauben«
Das New Yorker Magazin geht davon aus, Trump wisse, dass er die Wahl nicht mehr gewinnen kann. Er würde jetzt an einem ‘Nach der-verlorenen Wahl ‘-Szenario basteln. Das solle den harten Kern seiner Unterstützer davon überzeugen, dass nicht er und sie verloren hätten, sondern dass die Trump-Kampagne kurz vor dem Sieg der Sabotage des republikanischen Establishments zum Opfer gefallen sei. »Trump ist entweder der Sieger oder das Opfer, aber niemals der Verlierer«, kommentiert der New Yorker, »in dieser Woche hat er aufgegeben, an seinen Sieg zu glauben und angefangen zu erklären, warum die Wahl gestohlen wurde.«
Und Hillary?
Auch wenn sie Donald Trump in allen ernstzunehmenden Umfragen davongezogen ist, hörbar aufzuatmen traut Hillary Clinton sich noch nicht. Schon in einem normalen Wahlkampf sind drei Wochen eine lange Zeit, im Hexenkessel von 2016 aber eine gefühlte Ewigkeit. Zeit genug –, zum Beispiel für weitere Wikileaks-E-mails. Die gefürchtete »Oktober-Überraschung« war bisher zwar nicht dabei, aber die fortlaufenden Veröffentlichungen versorgen Team Trump ständig mit neuem Zündstoff. Julian Assange hat noch Tausende Mails aus der Clinton Wahlkampagne in petto und absolut kein Interesse daran, Donald Trump zu verhindern. Wikileaks-Pulver wird Trump natürlich auch in der kommenden und letzten Debatte am 19. Oktober verschießen. Aber außer bei seiner durch nichts zu erschütternden Basis wird er damit nicht groß punkten können. Die Clinton-Kampagne dreht jetzt noch einmal kräftig auf. Die Chancen, den Senat zurückzuerobern sehen plötzlich real aus und die 30 Sitze Mehrheit der Republikaner im Repräsentantenhaus zu kippen, könnte unter glücklichen Umständen auch gelingen.
Für »Happy Days Are Here Again«, seit Roosevelt die Hymne der Demokraten, ist es zwar noch zu früh, aber ein bisschen relaxen erlaubt sich Hillary durchaus. Nach einem Auftritt im wahlentscheidenden Florida spendierte sie den in ihrem Flieger mitreisenden Journalisten jüngst einen Drink. Das gab’s noch nie.
