Protest der Protestanten
Ein Gespenst geht um in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD): Bis 2030 könnte sie ein Drittel ihrer Mitglieder und die Hälfte ihrer Finanzkraft verlieren, so die Befürchtung. Formuliert wurde diese Prognose des Niedergangs ironischerweise in einer Schrift, die zum Aufbruch blasen wollte: In dem Impulspapier »Kirche der Freiheit« aus dem Jahr 2006. Es sollte zum »Wachsen gegen den Trend« aufrufen, aber die düsteren Prognosen waren wirkmächtiger. Und der zeitgleich und völlig geräuschlos verabschiedete »Erweiterte Solidarpakt« der Landeskirchen lehrte ebenfalls: Wenns ums Geld geht, vertrauen die Kirchenleitungen nicht auf das »Wachsen gegen den Trend«, sondern lieber auf das Schrumpfen mit dem Trend. Sie verpflichteten sich zu einer extrem sicherheitsorientierten Rücklagenpolitik: »Wir müssen viel Geld zurücklegen, besonders für die Pfarrpensionen, denn die schwachen Jahre liegen noch vor uns«, hieß es.
Petition kann im Internet unterzeichnet werden
Dem widersprechen nun engagierte Protestanten in einem Text, der in Worms verfasst wurde, wo Protestantisch-Trotziges ja zur Lokaltradition gehört. Das »Wormser Wort« steht als Online-Petition im Internet, jeder kann es seit dem Jahreswechsel unterzeichnen. Fast 500 Unterstützer hat es bislang gefunden. Es wendet sich gegen den durch die befürchtete Finanzknappheit initiierten Umbauprozess der evangelischen Kirchen. Die Autoren des Wormser Wortes wollen die Gemeinden stärken. Was zunächst konservativ klingt, kann durchaus vorwärtsweisend sein.
Denn die Diskussion über den Niedergang, die trotz der seit 2006 steigenden Kirchensteuern nicht verstummte, zeigt längst ihre Früchte: Die Pensionskassen werden, wo sie es noch nicht sind, mit hektischer Betriebsamkeit gefüllt. Den Ton geben die Landeskirchen an, die sich rühmen, die Pensionsansprüche ihrer Pfarrer zu hundert Prozent durch Kapital gedeckt zu haben, was unnötig ist, da niemals alle Pensionsansprüche gleichzeitig bedient werden müssen. Pensionäre können keinen bank run machen.
Weil diese Rücklagenpolitik Millionenzuflüsse erfordert, müssen diese Millionen aus der aktiven Arbeit abgezogen werden. Na bitte, so bewahrheiten sich die düsteren Prognosen trotz Rekord-Kirchensteuereinnahmen: Die Kirchen müssen sparen. Nur nicht aus dem Grund, den die meisten annehmen. Daneben gibt es auch noch einige teure Umbauprojekte mit zweifelhaftem Nutzen, wie die Einführung der doppelten Buchführung, die einen Ausbau der Verwaltung erfordert. Für die Arbeit mit den Menschen steht auch dieses Geld nicht mehr zur Verfügung.
Das Ergebnis: Wenn die starken Pfarrerjahrgänge bald in Pension gehen, ist das kein Problem für die Pensionskassen (nicht mal für die EKD-weit gescholtene Kasse der Rheinländer und Westfalen), es ist ein Problem für die Arbeit der Kirche: Denn es kommen deutlich weniger Pfarrer nach. Die Rede vom Niedergang der Kirchen, die realen Kürzungen zusammen mit der ebenso realen Überlastung der noch amtierenden Pfarrer haben dazu geführt, dass nicht mehr ausreichend junge Menschen eine berufliche Perspektive für sich in der Kirche sehen. Am Horizont erscheint das Bild einer Kirche, in der immer weniger Pfarrer und andere Mitarbeiter in der Arbeit mit Menschen engagiert sind, dafür aber sind die Pensionsfonds prall gefüllt.
Gemeinden sollen mehr mitbestimmen dürfen
In dieser Situation Geld und Mitbestimmung für die Gemeinden zu fordern, wie es das Wormser Wort tut, ist einmal ein Akt der Selbstverteidigung der kleinen Einheiten gegen die Zumutungen der Kircheneliten.
Aber der Protest könnte auch eine Einübung in ein anderes Denken sein: Die Kirchen haben bei ihrem Umbauprozess den austeritätspolitischen Mainstream voll rezipiert: Ausgaben senken und Sicherheiten sammeln bis zum Anschlag. Gerechtfertigt wird das, genau wie im öffentlichen Diskurs, mit einer Vorstellung von Generationengerechtigkeit. Faktisch aber läuft es auf eine Macht-Umverteilung zugunsten einer Berufsgruppe in der Kirche hinaus: Die Pfarrer sichern sich mit den Pensionsfonds heute schon für Jahrzehnte ihre Pfründe, damit auf absehbare Zeit niemand ernsthaft auf den Gedanken komme, dass ein verbeamteter Pfarrer eben doch teurer ist als ein angestellter.
Dabei vertraut die Kirche Milliarden den Finanzmärkten an, statt eine solidarische Alterssicherung wie die staatliche umlagefinanzierte Rente mit Beiträgen für ihr Personal zu fördern. Das Wormser Wort stellt die Frage, ob die Kirchen sich nicht viel zu unkritisch dem wirtschaftspolitischen Mainstream angepasst haben, statt »mit ihren Ordnungen mitten in der Welt der Sünde« erfrischende Alternativen zu entwickeln.
