Muslimischen Feiertag einführen?
Elisa Rheinheimer-Chabbi: »Ja! Das wäre ein wichtiges Zeichen«
»Es gibt wichtigere Dinge, über die sich unsere Politiker Gedanken machen sollten, als islamische Feiertage, und das sehen auch viele Muslime so. Aber da die Debatte nun mal tobt: Ja, lasst uns feiern! Warum denn nicht? Durch einen muslimischen Feiertag wird doch niemandem etwas weggenommen. Im Gegenteil: Wir gewinnen etwas dazu. Flankiert werden könnte ein solcher Tag zum Beispiel durch Aktionen auf öffentlichen Plätzen, so wie beim Europatag am 9. Mai. Das schafft Möglichkeiten zur Begegnung.
Ein gesetzlich verankerter Feiertag wäre ein wichtiges Zeichen an unsere muslimischen Mitbürger: Ihr gehört dazu, und wir feiern gerne mit euch. Einem von Vielfalt geprägten Land wie Deutschland stünde das gut an. Ich gehe deshalb noch weiter als Thomas de Maizière und sage: Lasst uns in ganz Deutschland feiern! Das Zuckerfest zum Ende des Ramadan ist eine Möglichkeit. Oder das Opferfest. Das wäre religionsverbindend, denn Muslime gedenken an diesem Tag der Bereitschaft Abrahams, einen seiner Söhne zu opfern, und der Barmherzigkeit Gottes. Diese Geschichte kennen wir aus der Bibel.
Ich vermute: Wenn nicht »Islam« davorstünde, würde sich die Mehrheit der Deutschen über einen Feiertag mehr einfach nur freuen. Aber »Islam« scheint dermaßen zum Reizwort geworden zu sein, dass zahlreiche Politiker die »jüdisch-christliche Tradition« in Gefahr sehen, wenn über einen islamischen Feiertag gesprochen wird. Diese Hysterie ist eines offenen Einwanderungslandes nicht würdig. Und sie ist auch ein bisschen albern: Gründe zum Feiern ablehnen, das können wohl nur die Deutschen.
Übrigens: In Berlin, Hamburg und Bremen gibt es bereits gesetzlich verankerte Regelungen für islamische Feiertage. Das christliche Abendland ist dadurch erstaunlicherweise nicht untergegangen ...«
Johanna Haberer: »Nein! Das ist befremdlich«
»Feiertage sind kulturelle Markierungen. Man kann sie hören und auf den Weihnachtsmärkten riechen, auf den Friedhöfen anschauen, wie an Allerheiligen.
Die Vorstellung, dass man nun – wie der Islamrat das vorschlägt – beispielsweise das Opferfest oder das Ende des Ramadans ähnlich begeht, ist befremdlich: Das ganze Land, fast 83 Millionen Bewohner – circa sechzig Prozent davon sind Christen –, bekommen frei und hören an diesem Tag in die Stille hinein den Muezzin, der fünf Millionen unserer Mitbürger zum Gebet ruft. Die Geschäfte sind geschlossen, die Arbeit ruht. Religiöse Minderheiten sollten wir respektieren, aber es ist schwer vorstellbar, dass ein ganzes Land oder ein Bundesland still steht an einem muslimischen Feiertag.
Muslime haben das garantierte Recht, sich offiziell von ihrer Arbeitsstelle abzumelden und an muslimischen Feiertagen freizunehmen. Dasselbe gilt für die Kinder und Jugendlichen in der Schule. Es ist also garantiert, dass sie in diesem Land ihre Feiertage in Würde begehen können.
Und es gibt viele Initiativen, die einladen, die religiösen Feste wahrzunehmen und sich gegenseitig zu besuchen. Ich habe zu Weihnachten vor Jahren von einem usbekischen muslimischen Künstler drei wunderschöne Figuren aus Ton geschenkt bekommen: Maria mit dem Kind, Joseph und der Verkündigungsengel. Wir haben zusammen Weihnachten gefeiert und die Weihnachtsgeschichte aus dem Koran und aus dem neuen Testament gelesen. Ich wurde umgekehrt zum Fastenbrechen eingeladen. Wäre das nicht ein besserer Anfang: eine Einladungskultur zu etablieren? Feste, bei denen wir dann auch gemeinsam darüber trauern können, dass die christlichen Gemeinden im Nordirak oder in Syrien untergegangen sind.
Nein, wir brauchen keinen muslimischen Feiertag. Den Respekt vor der jeweils anderen Kultur umso mehr: vor einer gelebten und geliebten Gewohnheit.«
Johanna Haberer, geboren 1956, ist Theologin, Journalistin und Professorin für Christliche Publizistik in Erlangen.
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