Liegt Gewalt auf den Genen der Religion?
Liegt Gewalt auf den Genen der Religion? »Zumindest liegt sie auf den Genen des politischen Islams«, sagt der deutsch-ägyptische Politikwissenschaftler Hamed Abdel-Samad: »Ich glaube nicht an die Formel ‘Zurück zum wahren Islam’ oder ‘Zurück zum Kern des Korans’. Ich glaube, wir brauchen eine Emanzipation von der Macht des Textes und vom Vorbild Mohammeds.«
Doch der Jesuit und Pädagoge Klaus Mertes hält den Islam nicht für einen Sonderfall der Religionen: »Jeder kann jederzeit der Gefahr der Gewalt erliegen, das ist kein Spezialgebiet des Islams und der Muslime. Ich habe ein Problem mit Leuten, die von sich behaupten, sie seien grundsätzlich kein Teil des Problems.«
Soll man deshalb am besten aus der Religion aussteigen? Keine Religion, kein Terror in der Welt? »Allein die Trennung von Religion und Macht ist nicht die Lösung«, sagt die evangelische Theologin und ehemalige Vizepräsidentin des Bundestages, Antje Vollmer: »Wir sind eingebettet in Gesellschaften, in Geschichte, in familiäre Zusammenhänge, das streift man nicht ab. Man muss die Geschichte der eigenen Institution reflektieren. Der, der sagt: Ich habe mit der Religion meiner Vorfahren nichts mehr zu tun, erliegt einer Illusion.«
Klaus Mertes sieht in der Abkehr von der Religion auch keine Lösung für die Gewaltfrage. Besser sei es, das »Innen » zu verändern: »Es hat keinen Sinn, so zu tun, als bräuchte man keine Macht, um Machtmissbrauch zu bekämpfen. Wir brauchen die Selbstermächtigung, die inneren Konflikte unserer Religionen und Institutionen anzugehen, sie offenzulegen, sie zu heilen.« Hamed Abdel-Samad sieht für diesen Prozess nur eine Aussicht aus Erfolg: »Wenn es weniger Gewalt geben soll, muss klar werden: ‘Sei zuerst Mensch! Und dann wähle deine Religion aus!’ Das ist ein humanistisches Prinzip, an das ich glaube. Leider ist das, was mehrheitlich geschieht, etwas anderes...«
