Die Spurenleser
Vielleicht liegt es an diesem luftigen Sommertag. Vielleicht liegt es an diesem großzügigen Schloss und seinem noch großzügigeren Garten. Vielleicht liegt es aber auch an diesen Menschen: Man fühlt sich wohl hier.
Dass sich die Gesellschaft für eine Glaubensreform ausgerechnet im Münchner Exerzitienhaus Fürstenried zu ihrer ersten Jahrestagung trifft, sagt viel über den Geist, der in dieser Gesellschaft herrscht: Er ist liberal-intellektuell, entspannt und entschlossen zugleich. Die etwa siebzig Personen, die gekommen sind, um drei Tage lang über Ziel und Notwendigkeit einer Glaubensreform zu beraten, haben ihr aktives Berufsleben mehrheitlich hinter sich. Sie sind in Ehren ergraute Professoren, Ärztinnen und Ingenieure, Gymnasiallehrerinnen, Künstler und Theologen. Ganz normale Menschen gibt es hier natürlich auch. Aber die sind in der Minderzahl.
Getagt wird in einem weitläufigen Saal mit hohen Fenstern. Draußen rauschen die Bäume, die Sonne taucht die Gesellschaft in einen helles Licht. Gleich nebenan werden Manager in ethischer Mitarbeiterführung geschult; in der Küche des Exerzitienhauses bereiten Nonnen die nächste Mahlzeit vor. Vollpension 65 Euro pro Tag, Übernachtung exklusive. Hier kann sich Glaubensreform nicht jeder leisten.
Die Vordenker: Klaus-Peter Jörns und Hubertus Halbfas
Klaus-Peter Jörns, evangelischer Theologe, emeritierter Professor und Vorsitzender der Reformgesellschaft, sieht klar, dass es Menschen gibt, die Interesse am Thema haben, aber ein zu flaches Portemonnaie, um Tagungen wie diese bezahlen zu können. In solchen Fällen findet man Wege, über die er keine großen Worte verliert. Es wird auch in diesem Punkt liberal gedacht.
Gemeinsam mit dem katholischen Theologen Hubertus Halbfas ist Jörns der Spiritus Rector der Gesellschaft. Beide sehen ihre Aufgabe darin, es Menschen des 21. Jahrhunderts zu ermöglichen, »denken und leben zu können, was sie glauben«. Mit anderen Worten: Religion soll dem Leben dienen – und nicht das Leben der Religion. Auf der Suche nach den Spuren des frühen Christentums ist für sie die Erkenntnis leitend: Die Anfänge sind vielfältig, und jeder Versuch, eine Zentralperspektive für allein verbindlich zu erklären, führt am Leben vorbei. Halbfas legt deshalb Wert auf eine gute Religionspädagogik. In Fürstenried stellt er sein neues Projekt, eine »Bibel für kluge Kinder und ihre Eltern«, vor, die im Herbst erscheinen und den aktuellen Stand der historisch-kritischen Bibelforschung widerspiegeln soll. Jörns geht es vor allem darum, Evolutionslehre und Quantenphysik so mit dem Glauben zusammen zu denken, dass die Dinge als Ganzes erscheinen, die Religion dabei nicht die Rolle »von gestern« spielt. Nächstenliebe – ein Grundpfeiler des Christentums – zeigt er als »kooperative Form der Selbstbeherrschung, die unsere Kultur ausmacht.«
Die Mitglieder der Gesellschaft tauschen sich aus: Wer erwartet welche Ergebnisse von der Arbeit der Reforminitiative? Wen will man erreichen? Und warum? Drei Ziele schälen sich heraus: Die einen möchten vor allem Selbstvergewisserung: Was glaube ich (noch)? Und wie kann ich mein Christsein leben? Die anderen wollen die Kirchen verändern, haben sie als Adressaten der Reform fest im Auge. Die Dritten sehen die Reforminitiative als eine politische Kraft. Sie wollen den Diskurs über die Bedeutung der Religion im öffentlichen Raum neu entfachen, einen Thinktank bilden, der alles verändern könnte: Menschen, Strukturen, Normen.
»Wir wollen hier keine neue Kirche gründen«
Allen gemeinsam ist, dass sie viel erhoffen. Es fällt auf, wie konzentriert man hier miteinander redet, wie zugewandt. Es wird heftig diskutiert; das Gespräch ist trotzdem frei von Selbstdarstellungsattitüden. »So einen Kram haben wir hier nicht nötig«, sagt ein Landessuperintendent in Ruhe.
Margrit Brun aus der Schweiz ist überglücklich, dass die Gesellschaft gegründet wurde und sie jetzt in Fürstenried diskutieren kann: »Ich habe jahrelang darauf gewartet, dass so etwas passiert.« Aus der Kirche ist die evangelische Christin ausgetreten: »Aber ich fühle mich als Basischrist.«
Der Katholik Hubert Brosseder ist nicht aus seiner Kirche ausgetreten. Dass sie sich reformieren müsse, findet er trotzdem. Allerdings sei dies nicht der Job der neu gegründeten Gesellschaft: »Es ist gut, dass sie Gesellschaft für eine Glaubensreform heißt – und nicht für Kirchenreform.« Brosseder wäre das bloße Kirchenreformziel zu wenig interessant, vor allem schiene ihm die Ziellinie zu früh gezogen. Ihm, dem Theologen, geht es um mehr als neuen Pepp für eine in die Jahre gekommene Institution. Er will wissen, wer er selbst ist, als glaubender Mensch.
Christine Heubeck-Schlaeger gehört zum fünfköpfigen Vorstand der Gesellschaft. »Wir wollen hier keine neue Kirche gründen«, sagt sie. »Aber ich glaube, wir sind uns darin einig« – und hier schaut sie auffordernd in die Runde –, »dass wir die alten Dogmen so nicht mehr akzeptieren. Wie aber bringen wir neue Formulierungen in die Kirchen hinein? Wir müssen uns eine Strategie überlegen.«
»An dieser Bushaltestelle wartet niemand!«
Diedrich Steen ist einer der Jüngsten in der Runde. Er ist 1965 geboren und empfindet sich nicht nur altersmäßig als Vertreter einer anderen Generation. Der Programmleiter im Gütersloher Verlagshaus hält vielen Älteren hier den Spiegel vor: Warum sie eigentlich glaubten, dass sie die nachfolgenden Generationen wieder für den Glauben interessieren könnten? »Sie denken, da stehen Leute an der Bushaltestelle und warten sehnsüchtig auf den richtigen Bus. Und Sie müssen nur anhalten mit diesem Bus, und schon steigen die Massen ein. Aber ich sage Ihnen: An der Bushaltestelle wartet niemand! Da ist keiner mehr!« Es erhebt sich leises Murren in der Runde. Steens Provokation ist angekommen.
Warum ist er in Fürstenried? Der 47-Jährige will sich neu vergewissern, »worüber wir eigentlich reden, wenn wir behaupten, wir seien Christen«. Ihm geht es um die kulturellen und religiösen Wurzeln der Gesellschaft – und um die Frage, warum die Bushaltestelle leer ist. Mit seiner 19-jährigen Tochter hat er über Jahre immer wieder offen über Glaube und Zweifel gesprochen. »Sie weiß: Papa ist theologisch unterwegs. Aber das ist nicht mehr ihr Thema.«
Sabine Harms ist pensionierte Gymnasiallehrerin, Wahl-Dresdnerin. Im evangelischen Religionsunterricht, erzählt sie, habe sie immer großen Wert gelegt auf »intellektuelle Redlichkeit«. Gute Noten warf sie niemandem hinterher: »Theologie verlangt Sorgfalt und Verantwortung.« Glaubensreform ist ihrer Meinung nach Work in Progress: »Ich bin oft enttäuscht von Pfarrern. Nämlich dann, wenn ich merke, dass sie sich damit keine Mühe mehr geben.«
»Wir müssen die Dinge durcheinander bringen, sie neu ordnen«
Weit voraus denkt Gerhart Herold. Der evangelische Theologe beriet auf seiner letzten beruflichen Station die evangelische Landeskirche in Bayern, machte das Führungspersonal auf Zukunftsfragen aufmerksam, die die meisten in ihrem routinierten Alltag gar nicht wahrnahmen. »Wir können die Welt der nachfolgenden Generationen nicht für sie erfinden. Wir müssen ihnen den Rücken freihalten, damit sie Neues denken können«, sagt er.
Das stellt die Glaubensreformer vor die Herausforderung, Tuchfühlung aufzunehmen mit diesen Generationen. Wird das gelingen? Klaus-Peter Jörns möchte diese Aufgabe wie ein Künstler angehen: »Wir müssen die Dinge durcheinanderbringen, um sie neu zu ordnen.« Ob die Jüngeren merken werden, dass da eine neue Religionskunst entsteht?
