Die Bischofs-Entscheidung
So viel steht fest: Am 13. März 2014 wird es einen neuen Vorsitzenden der deutschen Bischöfe geben. Genau ein Jahr nach der Wahl von Papst Franziskus in Rom stellt damit die deutsche Kirche entscheidende Weichen. Der Spitzenmann unter den Bischöfen wird für eine Richtungsentscheidung stehen. Aber: Welchen Weg schlägt die von Krisen gebeutelte Kirche ein?
Wird der »Protzbischof« Franz-Peter Tebartz-van Elst – den Papst Franziskus wegen des Verschleuderns von Kirchengeldern vorübergehend aus dem Bistum Limburg entfernte – in Münster auftauchen? Tebartz‘ erzkonservative Verbündete im Vatikan, Kardinal Gerhard Ludwig Müller, der Chef der Glaubenskongregation, sowie der unterbeschäftigte Sekretär von Altpapst Joseph Ratzinger, Kurienerzbischof Georg Gänswein, aber auch der pensionierte römische Kardinal Walter Brandmüller drängen Tebartz, bei den bischöflichen deutschen Amtsbrüdern in Münster persönlich aufzutreten. Käme Tebartz unangemeldet, so geriete der Fahrplan der Wahl-Tagung durcheinander. Für die Medien wäre das so etwas wie eine Festmesse.
Offen sind auch zwei weitere Fragen: Setzt Papst Franziskus Tebartz als Diözesanbischof von Limburg ab? Und, falls er es tut: Geschieht dies vor oder während der Bischofskonferenz in Münster? Franziskus sagte einmal, er wolle »rasch« entscheiden. Doch was heißt im Vatikan »rasch«?
Fest steht lediglich: Würde der Papst Tebartz zurück an die Spitze des Bistums Limburg lassen – ein Wunsch, den Tebartz-van Elst selber noch immer hegt –, wäre es mit Franziskus‘ gutem Ansehen nördlich der Alpen vorbei. Der Frühling der Kirche, für den er mit Gesten, Worten und Taten steht, wäre aus deutscher Sicht zu Ende.
Würde Franziskus dagegen Tebartz-van Elst in den kommenden Tagen zum Rücktritt nötigen, hätte die Mehrzahl der Menschen in den Gemeinden des Bistums etwas zu feiern. Doch wenn der Papst einen konservativen Bischof – vom Kaliber Gänswein – als »Koadjutor mit dem Recht zur Nachfolge« nach Limburg schicken würde, wären die Sorgen sofort wieder groß. Für die Bischofskonferenz würde sich fürs Erste kaum jemand mehr interessieren.
Die sechs Kandidaten
Sechs Bischöfe rechnen sich Chancen aus, zum Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz gewählt zu werden. Das Rennen gilt als offen. Deshalb hat der scheidende Vorsitzende, der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch, erstmals ein »Vorkonklave« ausgerufen. In dessen Rahmen stellen sich am kommenden Dienstag die Kandidaten vor.
Als mögliche neue Vorsitzende gelten: der Münchner Kardinal Reinhard Marx (60), der Trierer Bischof Stephan Ackermann (50), der Bischof von Essen, Franz-Josef Overbeck (49), der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode (63), der Berliner Kardinal Rainer Maria Woelki (57) und der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick (64). Darüber hinaus sind Überraschungen möglich.
Kardinal Marx strotzt vor Selbstbewusstsein. Mit Millionen Münchner Bistums-Euros bewahrt er zurzeit die Weltbild-Mitarbeiter und deren Familien vor Arbeitslosigkeit. Marx arbeitet in der vom Papst einberufenen, inter-kontintentalen Acht-Kardinäle-Gruppe (»K8«) im Vatikan an der Reform der römischen Kirchenspitze. In Deutschland wäre Marx ein Vorsitzender, der sich selbstbewusst in die Politik und Sozialpolitik einmischt. Doch womöglich hat er in seinem mächtigen Amt in Rom so viel zu tun, dass er den Vorsitz der Deutschen Bischofskonferenz einem anderen überlässt.
Bischof Ackermann hat Ansehen gewonnen wegen seiner Arbeit als Beauftragter der deutschen Bischöfe für die Aufarbeitung des sogenannten »Missbrauchsskandals«. Als eine Antwort auf sexuelle Gewalttaten durch Geistliche fordert er tief gehende Reformen in der Kirche. Konkret: eine menschenfreundlichere Sexuallehre. Dies erklärte er, als die Ergebnisse der vom Papst angeregten Umfrage zu Sexualität und Partnerschaft unter Katholiken öffentlich wurden. Ergebnisse, die zeigten, dass die meisten katholischen Kirchenmitglieder Achsel zuckend die Kirchengebote ignorieren.
Die Bischöfe Schick, Overbeck und Bode gelten als routinierte Dialogiker, als aufgeschlossener Mainstream. Kardinal Woelki vertritt in Berlin, wo die Katholiken eine klitzekleine Minderheit bilden, eine eher sympathische »Leute-Kirche« ohne viel Macht. In der säkularisierten Öffentlichkeit der Stadtgesellschaft hat er sich Ansehen erworben.
Egal, wer in Münster gewählt wird: Eine kirchenpolitische Richtungsentscheidung ist damit auf jeden Fall verbunden. Den Ausschlag werden die Weihbischöfe geben. Denn sie bilden die große Mehrheit der Stimmberechtigten. Diese Hilfs- und »Auxiliarbischöfe« stehen normalerweise im Schatten der Chefs der Bistümer. Doch in Münster, kommende Woche, werden sie das Zünglein an der Waage sein.
