Zum Tod von Hermann Häring
Der freundliche Umstürzler

Das Menschliche zeichnete Hermann Häring aus, das Freundliche, Nahbare; dass er zuhören konnte und das Zuhören mochte. Und die Unerschrockenheit, mit der er in all seiner Freundlichkeit an den vermeintlichen Grundfesten der katholischen Kirche rüttelte, an ihren dogmatischen Gebäuden und Fassaden, so heftig, dass manchmal auch die Mitstreitenden zuckten: Kann man das so scharf sagen? Hermann Häring konnte das, kraft seines großen Wissens und seiner intellektuellen Schärfe.
Häring, geboren 1937 in Pforzheim, promovierte 1970 in Tübingen in ökumenischer Theologie und wurde ein enger Mitarbeiter von Hans Küng, der damals das Institut für ökumenische Forschung leitete. Nachdem die römische Glaubenskongregation Küng die Lehrbefugnis entzogen hatte, sollte auch Hermann Häring nach dem Willen Roms keinen Lehrstuhl erhalten. Der Utrechter Kardinal Johannes Willebrands setzte sich jedoch als Großkanzler der Universität Nijmegen über dieses Nein hinweg. So wurde Häring dort Professor. Nach seiner Emeritierung 2005 kehrte er nach Tübingen zurück, wurde wissenschaftlicher Berater bei Hans Küngs »Projekt Weltethos«, engagierte sich bei der Herbert-Haag-Stiftung für Freiheit in der Kirche und der Kirchenvolksbewegung »Wir sind Kirche«.
»Alles tue ich nach dem Motto: Man muss sich umdrehen, bevor man im Grabe ist«, schrieb Häring auf seiner Homepage. Mit so scharfsinnigen wie furchtlosen Beiträgen mischte er sich immer wieder in innerkirchliche wie gesellschaftliche Debatten ein, auch in Publik-Forum. Sein großer Nachruf auf Papst Benedikt XVI. würdigte diesen als einen Gelehrten mit weltweitem Sendungsbewusstsein, der aber im Papstamt scheiterte. In einer Debatte um ein zeitgemäßes Verständnis von der göttlichen Dreieinigkeit sagte er klipp und klar: »Die kirchliche Trinitätslehre ist überholt« – sie sei kein »Kind biblischen, gar jesuanischen Denkens, sondern der griechisch-platonischen Metaphysik« und damit »heute alles andere als plausibel«.

Den letzten Text auf seiner Homepage publizierte er am 7. Februar. Er mahnte jene, die sich für innerkatholische Reformen einsetzen, sich nicht mit kleinen Änderungen und Anpassungen der Kirchenleitungen zufrieden zu geben. Es müsse doch möglich sein, »allen faulen Kompromissen endlich das Placet zu verweigern. Zu stark hat sich inzwischen die Erfahrung eines falschen Kirchenlebens als akzeptabel durchgesetzt«. Dabei helfe doch nur, in der Wahrheit zu leben und nicht im Falschen.
Zu jenem Zeitpunkt war der Tumor bereits so weit fortgeschritten, dass er im April ins Tübinger Hospiz ging. »Ob und in welchem Sinne unsere Arbeit von Erfolg gekrönt war, möge ein anderer entscheiden«, schrieb er in einer Abschiedsmail. Am 28. April ist Hermann Häring im Kreis seiner Familie gestorben.




