Zur mobilen Webseite zurückkehren

Zum Tod von Hermann Häring
Der freundliche Umstürzler

Faule Kompromisse ärgerten ihn: Hermann Häring stritt für eine grundlegende Reform der katholischen Kirche. Nun ist er mit 88 Jahren gestorben.
von Matthias Drobinski vom 11.05.2026
Artikel vorlesen lassen
Hermann Häring: Unerschrockener Streiter für eine Kirchenreform. (Foto: laif/Verena Müller)
Hermann Häring: Unerschrockener Streiter für eine Kirchenreform. (Foto: laif/Verena Müller)

Das Menschliche zeichnete Hermann Häring aus, das Freundliche, Nahbare; dass er zuhören konnte und das Zuhören mochte. Und die Unerschrockenheit, mit der er in all seiner Freundlichkeit an den vermeintlichen Grundfesten der katholischen Kirche rüttelte, an ihren dogmatischen Gebäuden und Fassaden, so heftig, dass manchmal auch die Mitstreitenden zuckten: Kann man das so scharf sagen? Hermann Häring konnte das, kraft seines großen Wissens und seiner intellektuellen Schärfe.

Dieser Artikel stammt aus Publik-Forum 9/2026 vom 15.05.2026, Seite 41
Verschwiegen und vergessen
Verschwiegen und vergessen
Wie biblische Frauengeschichten verdrängt werden

Häring, geboren 1937 in Pforzheim, promovierte 1970 in Tübingen in ökumenischer Theologie und wurde ein enger Mitarbeiter von Hans Küng, der damals das Institut für ökumenische Forschung leitete. Nachdem die römische Glaubenskongregation Küng die Lehrbefugnis entzogen hatte, sollte auch Hermann Häring nach dem Willen Roms keinen Lehrstuhl erhalten. Der Utrechter Kardinal Johannes Willebrands setzte sich jedoch als Großkanzler der Universität Nijmegen über dieses Nein hinweg. So wurde Häring dort Professor. Nach seiner Emeritierung 2005 kehrte er nach Tübingen zurück, wurde wissenschaftlicher Berater bei Hans Küngs »Projekt Weltethos«, engagierte sich bei der Herbert-Haag-Stiftung für Freiheit in der Kirche und der Kirchenvolksbewegung »Wir sind Kirche«.

»Alles tue ich nach dem Motto: Man muss sich umdrehen, bevor man im Grabe ist«, schrieb Häring auf seiner Homepage. Mit so scharfsinnigen wie furchtlosen Beiträgen mischte er sich immer wieder in innerkirchliche wie gesellschaftliche Debatten ein, auch in Publik-Forum. Sein großer Nachruf auf Papst Benedikt XVI. würdigte diesen als einen Gelehrten mit weltweitem Sendungsbewusstsein, der aber im Papstamt scheiterte. In einer Debatte um ein zeitgemäßes Verständnis von der göttlichen Dreieinigkeit sagte er klipp und klar: »Die kirchliche Trinitätslehre ist überholt« – sie sei kein »Kind biblischen, gar jesuanischen Denkens, sondern der griechisch-platonischen Metaphysik« und damit »heute alles andere als plausibel«.

Anzeige
loading

Den letzten Text auf seiner Homepage publizierte er am 7. Februar. Er mahnte jene, die sich für innerkatholische Reformen einsetzen, sich nicht mit kleinen Änderungen und Anpassungen der Kirchenleitungen zufrieden zu geben. Es müsse doch möglich sein, »allen faulen Kompromissen endlich das Placet zu verweigern. Zu stark hat sich inzwischen die Erfahrung eines falschen Kirchenlebens als akzeptabel durchgesetzt«. Dabei helfe doch nur, in der Wahrheit zu leben und nicht im Falschen.

Zu jenem Zeitpunkt war der Tumor bereits so weit fortgeschritten, dass er im April ins Tübinger Hospiz ging. »Ob und in welchem Sinne unsere Arbeit von Erfolg gekrönt war, möge ein anderer entscheiden«, schrieb er in einer Abschiedsmail. Am 28. April ist Hermann Häring im Kreis seiner Familie gestorben.

4 Wochen freier Zugang zu allen PF+ Artikeln inklusive E-Paper
Kommentare und Leserbriefe
Ihr Kommentar
Noch 1000 Zeichen
Wenn Sie auf "Absenden" klicken, wird Ihr Kommentar ohne weitere Bestätigung an Publik-Forum.de verschickt. Sie erhalten per E-Mail nochmals eine Bestätigung. Der Kommentar wird veröffentlicht, sobald die Redaktion ihn freigeschaltet hat. Auch hierzu erhalten Sie ein E-Mail. Siehe dazu auch Datenschutzerklärung (Öffnet in einem neuen Tab).

Mit Absenden des Kommentars stimmen Sie der Verarbeitung Ihrer Daten zur Bearbeitung des Kommentars zu. Zum Text Ihres Kommentars wird auch Ihr Name gespeichert und veröffentlicht. Die E-Mail-Adresse wird für die Bestätigung der Bearbeitung genutzt. Dieser Einwilligung können Sie jederzeit widersprechen. Senden Sie dazu eine E-Mail an [email protected].

Jeder Artikel kann vom Tag seiner Veröffentlichung an zwei Wochen lang kommentiert werden. Publik-Forum.de behält sich vor, beleidigende, rassistische oder aus anderen Gründen inakzeptabele Beiträge nicht zu publizieren. Siehe dazu auch Netiquette (Öffnet in einem neuen Tab).
Publik-Forum
Publik-Forum
Einen Moment bitte...
0:000:00
1.0