Zur mobilen Webseite zurückkehren

Matthias Drobinski

Journalismus, das ist für mich: Auf die Menschen schauen. Zu den Leuten gehen. Macht kontrollieren helfen. Zweifel säen. Gedanken suchen, manchmal mit ihnen spielen. Und den Humor nicht verlieren

Es ist ein halbes Menschenleben her – 1985 war’s. Ich, Geschichtsstudent im ersten Semester, tapfer engagiert in der Katholischen Jungen Gemeinde im Bistum Mainz, nahm all meinen Mut zusammen und fragte den Publik-Forum-Redakteur Thomas Seiterich: »Darf ich mal was für euch schreiben?« Publik-Forum, das war damals der Ort des freien, kritischen Geistes in einer Kirche, die Papst Johannes Paul II. eng halten, enger machen wollte. Da wollte ich hin.

Und ich durfte. Es wurde eine kleine Reportage über eine franziskanisch inspirierte christliche Gemeinschaft. Es folgten weitere Geschichten erst als freier Mitarbeiter, von 1993 bis 1995 dann als Redakteur, eine wunderbare erste Stelle nach der Ausbildung an der Hamburger Journalistenschule. 24 Jahre war ich dann bei der Süddeutschen Zeitung in München zuständig für Kirchen und Religionsgemeinschaften. Ich habe über glaubende, zweifelnde, suchende Menschen aller Religionen und Konfessionen geschrieben; die Welt ist wunderbar bunt. Ich habe über sexualisierte Gewalt in der katholischen, aber auch der evangelischen Kirche recherchiert: Der Missbrauch religiöser Macht zerstört Leben.

Seit Mai 2021 bin ich wieder bei Publik-Forum, zunächst als Reporter. Ab dem 1. September übernehme ich nun von Alexander Schwabe die Chefredaktion. Es ist eine anspruchsvolle Aufgabe, vor der ich großen Respekt habe – aber wir sind ein großartiges Team, in der Redaktion, im Verlag, und so denke ich mir: Da geht was, das wird gut werden. Anspruchsvoll ist die Aufgabe auch deshalb, weil wir inhaltlich immer wieder neue Wege suchen müssen. Wir wollen dem Frieden dienen und der Gerechtigkeit, die Schöpfung bewahren – aber was heißt das konkret? Was heißt das in einer Welt, in der viele Gewissheiten brüchig und Antworten bestenfalls vorläufig geworden sind, in einer Gesellschaft, in der die Christinnen und Christen zur Minderheit werden, die Glaubwürdigkeit der Kirchen erschüttert ist?

Wir Journalistinnen und Journalisten können bei der Suche nach Antworten, Lösungen, Wegen und Deutungen unseren Beitrag leisten. Wir sollen kritisch (und immer auch selbstkritisch) nachfragen, hartnäckig recherchieren, zu den Menschen gehen und ihnen zuhören, unsere Meinungen zur Debatte stellen. Wir sollen Zweifel säen, wo allzu große Selbstgewissheit herrscht. Und Diskurse ermöglichen, den fairen Streit aushalten. Und den Humor darüber nicht verlieren.

Das wollen wir mit Leidenschaft tun, im Bewusstsein, dass wir bestenfalls die zweitletzten Antworten kennen. Und im Bewusstsein, dass wir dies für eine Leserinnen- und Leserschaft tun, die in Deutschland ihresgleichen sucht – mit ihrem Engagement, ihrer Neugier, ihrer Bindung an das Projekt Publik-Forum.

KURZBIOGRAFIE: Matthias Drobinski, geboren 1964, Studium Geschichte, katholische Theologie und Germanistik in Gießen und Mainz, Ausbildung an der Hamburger Journalistenschule. Von 1993-1995 Redakteur bei Publik-Forum, dann freier Journalist. 1997-2021 Redakteur der Süddeutschen Zeitung, zuständig für Kirchen und Religionsgemeinschaften; zuletzt Korrespondent in Frankfurt. 2006 Herbert-Haag-Preis für Freiheit in der Kirche. Bücher: »Oh Gott, die Kirche«, »Glaubensrepublik Deutschland« (mit Claudia Keller), »Kirche, Macht und Geld«, »Diese Wirtschaft tötet«, »Lob des Fatalismus« und »Johannes Paul II.« (mit Thomas Urban)