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kritisch • christlich • unabhängigzur aktuellen Ausgabe

 
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 1/2018
Gott neu denken
Über die Versöhnung von Glaube und Wissenschaft
Der Inhalt:

Entscheidet Euch!

»Mein Vorsatz für 2018: Weniger ›Vielleicht‹, mehr Verbindlichkeit. Wer macht mit?« Warum Elisa Rheinheimer-Chabbi findet, dass mehr Mut ziemlich guttut
Wohin soll's gehen? Wir haben die Qual der Wahl. Sich einfach mal zu entscheiden, kann sehr befreiend wirken. (Foto: istockphoto/ALLVISIONN)
Wohin soll's gehen? Wir haben die Qual der Wahl. Sich einfach mal zu entscheiden, kann sehr befreiend wirken. (Foto: istockphoto/ALLVISIONN)

Es gibt Zeiten, in denen mich die Unverbindlichkeit meiner Generation so richtig auf die Palme bringt. Silvester zum Beispiel. Es ist kaum mehr möglich, mit Freunden eine Silvesterparty zu feiern, weil die Eingeladenen erst im allerletzten Moment zu- oder absagen. Keiner will sich festlegen, schließlich könnte man eine noch coolere Party verpassen. Kleine Kostprobe: Meine Freundin Hannah findet die Idee, zusammen zu feiern, super, muss aber erst noch mit ihrem Freund sprechen, weil der lose etwas mit anderen Freunden ausgemacht hat. Ida weiß noch nicht, ob sie einen Babysitter findet. Alfredo und Simone überlegen, spontan zu verreisen, was aber nicht ganz sicher ist. Wenn das nicht klappt, kommen sie gerne. Charlotte und Jonas schlagen vor, dass wir auch zu ihnen kommen könnten. Annika kommt, wenn sie Samira mitbringen darf, vorausgesetzt sie feiern nicht mit Samiras Freunden, was noch zu klären wäre. Und mein Mann hat seinen Dienstplan noch nicht, es könnte sein, dass er arbeiten muss. Das ist eine Situation, wie sie für meine Generation – die Zwanzig- bis Dreißigjährigen – ziemlich normal ist. Meist endet es so, dass sich nach wochenlangen Chatverläufen, Telefonaten und SMS am 31. Dezember doch noch ein Grüppchen zusammenfindet. Vielleicht.

Dieser Artikel stammt aus Publik-Forum 01/2018 vom 12.01.2018, Seite 42
Gott neu denken
Gott neu denken
Über die Versöhnung von Glaube und Wissenschaft

»Vielleicht« ist das Schlüsselwort meiner Generation

»Vielleicht« ist das Schlüsselwort meiner Generation. Wenn man einen typischen Satz ausmachen wollte, so wäre es wohl dieser: »Wir telefonieren noch mal.« Oder: »Wir whatsappen dann.« Mit 95-prozentiger Wahrscheinlichkeit bekomme ich diesen Satz zu hören, wenn ich mich montags für Freitagabend zum Essen verabrede. Manchmal sage ich ihn auch selbst. Denn die Verabredung ist kein fixer Termin, man könnte sie Freitagnachmittag auch wieder absagen. Und überhaupt will man sich am Montag noch nicht festlegen, um wie viel Uhr man sich vier Tage später in welchem Restaurant trifft. Was weiß denn ich, ob ich Freitag mehr Appetit auf Italienisch oder Chinesisch habe?

Als Jugendliche habe ich Zitate gesammelt. Eines hat mir besonders gut gefallen: »Wenn wir uns von der Vorstellung lösen, es müsste alles so weitergehen wie bisher, dann laden uns plötzlich tausend neue Möglichkeiten zu neuem Leben ein.« Das fand ich toll. Heute weiß ich: Mit diesen tausend neuen Möglichkeiten sind wir praktisch jeden Tag konfrontiert. Und häufig können wir nicht damit umgehen. Denn je mehr Möglichkeiten wir haben, desto schwerer fällt es uns, uns für eine davon zu entscheiden. »Eine Haltung der Unverbindlichkeit ist oft als Gegenreaktion auf das permanente Sich-Entscheiden-Müssen zu verstehen«, erklärt der Soziologe Ulrich Bröckling. »Die vielen Wahlmöglichkeiten und der daraus resultierende Druck, eine Entscheidung zu treffen, erzeugen Stress. Eine unverbindliche Haltung drückt also auch Überforderung aus.« Für Ulrich Reinhardt, Psychologe und Zukunftsforscher, kommt noch etwas anderes hinzu: Die 68er-Generation, Eltern der heute Unverbindlichen, habe mit dem Wert der Verlässlichkeit und Beständigkeit häufig nicht viel anfangen können – und diese Werte nur selten weitergegeben.

»Es gibt keinen roten Faden mehr, der sich durch ein Leben zieht. Weder beruflich (von Job zu Job) noch in der Liebe (Lebensabschnittspartner) noch in der Haltung (vom Öko zum Kapitalisten und wieder zurück zum Aussteiger und Vollzeithippie). Wir können heute potenziell alles erreichen. Doch wollen wir uns einfach nicht festlegen. Alles kann, nichts muss«, schreibt der 1982 geborene Autor Oliver Jeges. Diese Entscheidungsunlust durchzieht alle Lebensbereiche: von der Liebe über die Studien- und Berufswahl bis hin zur Freizeitgestaltung. Immer weniger Menschen engagieren sich gewerkschaftlich oder sind längerfristig in Vereinen und Organisationen aktiv. Die oberste Maxime lautet: immer alles offen halten.

Start-ups bieten inzwischen Fitness-Flatrates an, bei denen man nicht zwischen Yoga, Laufband und Handball wählen muss, sondern sämtliche Angebote verschiedener Fitnessclubs der Umgebung nutzen kann. (Theoretisch, denn praktisch fehlt dazu die Zeit …) Und eine Untersuchung zum Thema Carsharing ergab: Nicht das Umweltbewusstsein ist der Hauptgrund, sich ein Auto zu teilen, sondern dass die Nutzer sich nicht binden wollen. »Je geringer die Verbindlichkeit, desto eher nutzt der Kunde das Angebot, weil er sich so gar nicht mehr richtig entscheiden muss«, so das Ergebnis der Studie.

Bücher, die sich mit diesem Phänomen beschäftigen, heißen »Generation Maybe«, »Generation Beziehungsunfähig« oder »Generation Unverbindlich«. Die Autoren gehören meist selbst dazu. Wir mögen uns schwertun, verbindliche Entscheidungen zu treffen, dafür sind wir umso besser darin, unser Verhalten zu reflektieren, so scheint es. Auch im Netz findet man zahlreiche Beiträge, in denen Menschen meines Alters lebhaft diskutieren, warum wir so sind, wie wir sind, und wie wir da wieder rauskommen. Meistens mit klugen Gedanken, aber ohne Ergebnis. In einem Blog zweier junger Berlinerinnen heißt es: »Wir spüren die Zerrissenheit zwischen dem tief im Menschen veranlagten Bedürfnis nach stabiler Bindung und unserem Unvermögen, diese einzugehen. So sind wir. Völlig losgelöst schweben wir in unserer selbst auferlegten Schwere. Und das Schlimmste daran ist, dass wir wissen, dass wir so sind. Wir nerven uns selbst. Wir sehnen uns nach Konstanz, Sicherheit, möchten etwas aufbauen, irgendwann mal eine eigene Familie – wir wissen nur noch nicht, wie das gehen soll.«

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Wer die Qual der Wahl hat …

Schwierigkeiten bei der Entscheidungsfindung haben aber nicht nur junge Leute. Der Psychologe Bas Kast beschreibt in seinem Buch »Ich weiß nicht, was ich wollen soll« einen Feldversuch in einem Supermarkt: An einem Probiertisch wurden zunächst sechs Marmeladensorten angeboten, dann 24. Die große Konfitürenauswahl lockte deutlich mehr Kunden an – führte aber auch zu Ratlosigkeit. Diejenigen, die 24 Sorten zur Auswahl hatten, diskutierten über den Geschmack und grübelten, welche Sorte sie nun nehmen sollten, nur um am Ende mit leeren Händen den Laden zu verlassen. Den Kunden, die bloß zwischen sechs Sorten wählen konnten, fiel es deutlich leichter, eine Entscheidung zu treffen. In einer anschließenden Datenanalyse stellte sich heraus: »Während dreißig Prozent der Leute, die mit nur sechs Marmeladensorten konfrontiert worden waren, ein Glas kauften, entschieden sich bei einem Tisch mit 24 Sorten nur drei Prozent, also gerade mal ein Zehntel, zum Kauf.«

Es überrascht nicht, dass es vor allem gebildete, kosmopolitische Städter sind, auf die das Phänomen Unverbindlichkeit in hohem Maße zutrifft. Denn sie haben die meisten Chancen, die meisten Optionen – und somit die größten Schwierigkeiten, eine Entscheidung zu treffen. Jene jungen Städter sind aufgewachsen mit dem Motto »Glaube an dich selbst! Alles ist möglich! Lebe deine Träume!« Sie sind erzogen worden als Individualisten, herangereift zu Ichlingen. »Überall ist alles möglich: in der Politik, der Kunst, der Sexualität, der Architektur, der Berufswahl. Man kann heute nicht nur jederzeit den Arbeitsplatz, sondern auch das Geschlecht wechseln, die Profession, die Richtung«, schreibt Oliver Jeges.

Doch nun haben wir, diese Ichlinge, ein Problem. Vor allem in der Liebe. Denn wenn Kompromissfähigkeit und Verbindlichkeit nachlassen, ist es schwer, eine dauerhafte Beziehung zu führen. Deshalb gibt es in Städten wie Berlin immer mehr Mingles. Der Begriff setzt sich zusammen aus mixed und Singles und beschreibt Menschen, die ihre Beziehung so lose gestalten, dass es keine Zukunftspläne gibt, keine Verpflichtungen, keine Zusagen. Der oder die andere ist irgendetwas zwischen Freundin, Sexpartner und Bekanntschaft; eine Art der Verbundenheit, die genauso schnell beendet werden kann, wie sie begonnen wurde, ohne Erklärung, ohne schlechtes Gewissen. Dating-Apps wie Tinder tragen dazu bei, dass jeder noch am selben Abend einen anderen, besser aussehenden, erotischeren Partner im Internet entdecken und treffen kann. Wieso sollte man sich da noch für den Einen entscheiden?

Es gibt auch einen gegenläufigen Trend

Doch es gibt auch den gegenläufigen Trend. Die Zahl der neu geschlossenen Ehen ist 2015 erstmals seit 15 Jahren wieder auf über 400 000 gestiegen. Glaubt man Studien, so sehnen sich die meisten Deutschen zwischen 15 und 35 Jahren nach einem festen Partner, nach Geborgenheit, Treue und Zuverlässigkeit. Ehe, Kinder und Familie stehen bei vielen jungen Menschen an erster Stelle. Und auch soziale Kontakte außerhalb der Familie werden wichtiger. »Wir erleben eine Renaissance der Nachbarschaft«, erklärt Ulrich Reinhardt von der Hamburger BAT-Stiftung für Zukunftsfragen. Umfragen belegten, dass die Nachbarn eine neue Bedeutung bekommen, »und zwar nicht nur zum Blumenpflegen im Urlaub. Man rückt näher zusammen, es wird Verantwortung füreinander übernommen«, beobachtet Reinhardt. Eine neue Verbindlichkeit ist zu erkennen. Ob sie gegen den Zeitgeist des Vielleicht ankommen wird, muss sich zeigen. Womöglich geht es ja allmählich vielen Menschen so wie mir: Sie haben keine Lust mehr auf lose Zusagen. Der Journalist Christian Schüle fällt zunächst eine vernichtende Kritik über unsere Generation: »Die Mittdreißiger sind das erste Kollektiv aus Individualisten, eine Kohorte von weitgehend asozialisierten Ich-lingen.« Dann aber betont er: »Nun entstehen, zaghaft und verwundbar, erste Sehnsüchte nach einer Wandlung. Die Ich-linge sind auf der Suche nach einem Wir.«

Das ist doch mal ein Vorsatz für das gerade begonnene neue Jahr: das Wir finden. Ein Vorsatz für alle Altersklassen. Das Wir könnte in einer politischen Partei warten oder im Flüchtlingsheim um die Ecke. Es kann auch eine Hochzeit werden oder die bewusste Entscheidung für ein Kind. Und wollten Sie sich nicht schon längst mal bei Amnesty engagieren, sich in der Musikschule anmelden oder dem Naturschutzbund beitreten? Der Möglichkeiten sind viele. Entscheiden Sie sich für eine! Am besten noch heute. Gerne zusammen mit der Freundin oder dem Arbeitskollegen, denn gemeinsam fällt es leichter, aktiv zu werden. Ich bin sicher: Sie schaffen das. Wir schaffen das.

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